
Schlafen / Gute Nacht
Wie Babys schlafen lernen
Von Karen Schärer
Babys schlummern selig. Bis sie wieder aufwachen – mitten in der Nacht. Eine Schlafmedizinerin erläutert, wie auch Eltern wieder zu mehr Ruhe kommen.
Dass Schlaf am Stück bald so selten sein wird wie ein Wintermorgen im Mittelland ohne Nebel, gehört zum Basiswissen werdender Eltern. Schliesslich wird ihnen auch oft genug geraten, die ungestörte Nachtruhe unbedingt noch zu geniessen. Leider zu Recht: Der Rapport über das Schlafverhalten des Babys und das eigene Schlafmanko gehört für Eltern zum alltäglichen Smalltalk.
Man könnte meinen, eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema im Vorfeld sei da nur angemessen. Doch niemand trainiert, übernächtigt in den stillsten Stunden der Nacht aufzustehen, Wickelhandgriffe auszuführen und etwas Sperrig-Zerbrechliches in ein frisches Body einzufädeln. Oder im Pyjama stundenlang summend und wippend dazustehen. Anders als es die Gewichtigkeit des Themas vermuten liesse, muss Üben und Einlesen auch gar nicht sein: «Eltern machen vieles instinktiv richtig – auch im Umgang mit Schlaf», sagt Susi Strozzi, Leiterin der Schlafsprechstunde für Kinder am Inselspital Bern. Die Lektüre von Ratgebern kann sogar kontraproduktiv sein, wenn darob vergessen geht, dass auch von der Norm abweichendes Verhalten normal ist. Die Information, dass einjährige Kinder im Durchschnitt 15 von 24 Stunden schlafen, muss Eltern von weniger schlafbedürftigen Kindern deshalb nicht verunsichern.
Schlafzyklus von 50 Minuten
Säuglinge müssen den Wach- und Schlafrhythmus erst erlernen – ein Prozess, der Zeit und Ruhe erfordert. Waren Mutter und Kind früher während der ersten vier Wochen nach der Geburt zu Hause, geht manche Frau gleich nach der Heimkehr aus dem Geburtshaus oder der Klinik zurück in ihren Alltag. «Wenn Ruhephasen ausbleiben, weil viel los ist oder man viel unterwegs ist, hat das Kind keine Zeit, den Rhythmus zu lernen», sagt Neuropädiaterin Strozzi. Dennoch: Mit drei Monaten schlafen laut Strozzi 70 Prozent der Kinder nachts durch. Wobei «durchschlafen» nicht heisse, dass das Kind nicht wach werde in der Nacht. Ein Schlafzyklus bei einem Kleinkind dauere nämlich nur 50 bis 60 Minuten, erklärt Strozzi. Danach sei das Kind ein paar Minuten wach, verhalte sich aber ruhig und schlafe wieder ein.
Licht rechtzeitig dimmen
Ob das eigene Kind zu jenen 70 Prozent gehört, die ihren Eltern in der Nacht einige Stunden Schlaf am Stück gönnen, ist nicht nur eine Frage des Glücks. Eltern können darauf hinwirken. Zentral ist, dass Eltern dem Baby einen Unterschied zwischen Tag und Nacht signalisieren. Konkret: Am Vor- oder frühen Nachmittag das Kind dem Tageslicht aussetzen, tagsüber beim Stillen oder Schoppen geben lauter sprechen und aktiver sein, am Abend und in der Nacht hingegen ruhig sprechen, regelmässige Essenszeiten einhalten, vor dem Zubettgehen das Licht und die Aktivitäten der Familie runterfahren. So wird die innere Uhr des Kindes eingestellt; es lernt die Abläufe und ihre Bedeutung kennen. Nicht nur regelmässige Gute-Nacht-Zeiten wirken positiv auf die Nachtruhe, sondern auch regelmässige Aufsteh-Zeiten. «Es ist nicht empfehlenswert, ein Kind, das in der Nacht zwei Stunden wach war, am Morgen länger schlafen zu lassen», sagt die Schlafmedizinerin.
Bei abendlichen Einschlafproblemen kann es ab zirka drei Jahren wirksam sein, die Schlafzeiten tagsüber einzuschränken. Klarheit bekommt ein Kind auch dadurch, dass das Bett nur zum Schlafen, nicht zum Spielen benutzt wird. Und dass es nach dem Büchlein anschauen auf dem Sofa nicht dort einschläft, sondern ins Bett gelegt wird.
Manchmal schleichen sich Gewohnheiten ein, die Eltern irgendwann gern durchbrechen wollen. Weil das Kind zu schwer geworden ist, um es auf dem Arm einschlafen zu lassen. Weil die Paar-Zeit unter der mehrstündigen Einschlafbegleitung leidet. Oder weil die Eltern so übernächtigt sind, dass sie kaum durch den Alltag kommen. Wichtig ist, Gewohnheiten in kleinen Schritten zu brechen. Etwa, den Körperkontakt Schritt für Schritt zu reduzieren. Zeithorizont: ein paar Wochen. Ab einem gewissen Alter, so empfiehlt es Strozzi, sollen Eltern dem Kind das Ziel erklären. Bei zwei- bis dreijährigen Kindern sei es auch wirksam, mit Belohnungen zu arbeiten. Dies könnten einfache Dinge sein (etwa hübsche Kleber). Die Belohnung könne man einem Kind zeigen und bei gewünschtem Verhalten nach dem Aufwachen in Aussicht stellen.
So einzigartig die Kinder und ihre Familien, so vielfältig die Therapie-Ansätze. Für manche kann es stimmen, das Kind zwei, dann fünf, dann zehn Minuten weinen zu lassen. Für andere nicht. «Zentral ist, dass beide Eltern am gleichen Strick ziehen, sonst klappt es nicht», sagt Susi Strozzi.
Was aber, wenn alle Ratgeber gelesen, alle Methoden probiert sind und der Erfolg ausgeblieben ist? Was, wenn der chronische Schlafmangel Eltern zu zombiehaften Wesen gemacht hat? «Eltern sollten sich früh zu einem Gespräch melden», rät die Ärztin. Lassen sich medizinische Gründe für die Schlafprobleme ausschliessen, gilt: Je früher man interveniert, desto schneller und einfacher gelingt die Therapie.