
Desiree Good
Stiefeltern
Der zweite Vater
Von Veronica Bonilla Gurzeler
Sie sind viele, werden aber in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen – die Stiefväter. Jan Witkowski hat zwei eigene und zwei Stiefkinder und sieht sich vor allem als Ernährer und Problemlöser.
Wer im Netz nach Literatur über Stiefväter sucht, findet wenig Gehaltvolles. Auch in den Medien kommen sie kaum vor – und wenn, dann geht es nicht selten um Übergriffe, Missbrauch und Horrorgeschichten.
Patchwork-Expertin Marita Strubelt erklärt in ihrem neuen Buch «Patchwork Power», wieso über die Situation der Stiefväter kaum berichtet wird: Es seien vor allem Stiefmütter, die Hilfe suchten. Oder Mütter, deren neuer Partner ein Problem mit ihren Kindern habe. Stiefväter hingegen bleiben still, leiden vielleicht auch still(er), weil ihre Rolle oft eine passivere ist. Ihre Erfahrungen, aber auch ihre Schwierigkeiten sind andere, wie jene von Stiefmüttern, wie die Geschichte von Jan Witkowski zeigt.
Zwei Stiefkinder aus Thailand
Der 40-jährige Marketingexperte wohnt mit seiner Frau Um (32) und den beiden Stiefkindern Kittikun (8) und Kittisak (15) in einem Einfamilienhaus in Dachsen (ZH) mit Blick auf den Rhein. Kennengelernt haben sich Jan und Um 2017 in Thailand. Als Um wegen der Corona-Krise 2020 nicht mehr zurück in ihre Heimat fliegen konnte, beschlossen die beiden, zu heiraten und Ums Kinder in die Schweiz zu holen. Jan erinnert sich, wie er die Buben kennengelernt hat:
«Ich wusste von Anfang an, dass Um Kinder hat; sie lebten jedoch bei ihrer Tante im Norden Thailands. 2019 reisten wir zu ihnen in das abgelegene Dorf, durch das nur eine staubige Strasse führt. Die Verhältnisse sind dort sehr einfach; als Erstes kauften wir der Familie einen Kühlschrank. Ich verbrachte Zeit mit den Buben, aber reden konnte ich mit ihnen nicht wirklich, ich spreche nur wenig Thai. Man lacht sich dann an, macht ein paar Laute, gestikuliert mit den Händen.»

Problemlöser und Ernährer
Mittlerweile sind die Kinder seit bald zwei Jahren in der Schweiz, gehen in die Schule und lernen Deutsch. Der Jüngere, Kittikun, saugt die Sprache auf, der Ältere, Kittisak, lernt nur langsam und erhält Unterstützung. In einem Jahr will Jan die Kinder adoptieren. Er versteht sich als ihr Vater und stört sich an der Bezeichnung Stiefkinder, sie klingt für ihn zweitklassig. Jan geht an Elternabende, fährt Kittisak ins Fussballtraining und hilft bei den Hausaufgaben. Ginge es nach Um, könnte er das noch etwas häufiger tun, aber er müsse ja auch noch arbeiten, sagt Jan. Seine Rolle als (Stief-) Vater definiert er so:
«Ich bin da, um Probleme zu lösen, sei es in der Schule oder im Fussballclub. Als sie Kittikun nur trainieren und kaum einen Match spielen liessen, wechselten wir den Club. Das ist eine Vateraufgabe, ein Kind kann so etwas nicht allein. Ich bin auch jederzeit da, um bei persönlichen Problemen zu helfen. Ausserdem habe ich eine wirtschaliche Aufgabe. Ich ‑nanziere alles, was sie brauchen, und gewährleiste die materielle Sicherheit. Das fällt mir leicht und ich tue das gern, ich bin ein Macher-Typ. Und natürlich unterstütze ich Um bei der Erziehung, das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Der Grosse würde zum Beispiel 18 Stunden am Tag gamen, wenn wir ihn liessen. Das tut aber niemandem gut und deshalb begrenzen wir diese Zeit auf drei Stunden am Wochenende. Es funktioniert, weil Um konsequent ist und mich Kittisak als Autorität respektiert.»
Sechs Tipps für Stiefväter
1 Wer als Patchworkfamilie zusammenzieht, braucht die Haltung: Wir schaffen das. Die Probleme kommen sowieso. Wer bei Jedem konflikt denkt, das ist zu schwierig, lässt besser die Finger von Patchwork.
2 Hat die neue Partnerin Kinder, stehen sie bei ihr in schwierigen Situationen an erster Stelle.
3 Stiefväter sollten den Beziehungsaufbau zu den Kindern langsam angehen, damit Vertrauen wachsen kann.
4 Sie helfen besser nur, wenn sie darum gebeten werden und dies gerne tun.
5 Der leibliche Vater spielt im Leben des Kindes die Hauptrolle – sofern die Beziehung fortbesteht. Stiefväter sollten nicht in Konkurrenz zu ihm gehen.
6 Sind eigene Kinder da, ist es normal, dass man ihnen gegenüber weniger konsequent ist. Gut, wenn die Erwachsenen sich darüber offen austauschen.
Quelle: Patchwork-Coach Ria Eugster, Stäfa. ➺ coacheria.ch
Anfängliche Zerrissenheit
Langsam wächst die Familie zusammen. Jan ist klar, dass das Zeit braucht und eine gemeinsame «Geschichte» dabei hil. Dass die beiden Buben ihn Papa nennen, freut ihn sehr und ist für ihn Ausdruck ihrer guten Beziehung. Aus seiner früheren Ehe hat Jan noch zwei leibliche Kinder, eine 10-jährige Tochter und einen 13-jährigen Sohn. Beide besuchen ihren Vater bei seiner neuen Familie nicht gern. Dass er mit ihnen im gleichen Haus lebt, wo auch sie mit ihm und ihrer Mutter gewohnt haben, macht es nicht einfacher.
«Wir hatten eine schwierige Trennung und mit dem Wissen von heute würde ich vieles anders machen. Meine Kinder suchen den Kontakt zu mir, vor allem mein Sohn. Aber meine neue Familie ist ein rotes Tuch für sie. Eine Weile lang fühlte ich mich sehr zerrissen und versuchte, sie mit Druck und Überreden dazu zu bringen, mit uns allen zusammen etwas zu unternehmen. Doch ich habe eingesehen, dass es nicht funktioniert. Und wie immer im Leben, wenn man etwas nicht ändern kann, ist es am besten, es zu akzeptieren und loszulassen. Jetzt mache ich mal Aus‑üge mit der neuen Familie, dann wieder mit meinen eigenen Kindern. Das ist anstrengender, aber ich respektiere ihren Willen. Emotional fühle ich mich allen vier Kindern genau gleich verbunden. Aber klar, die eigenen Kinder sind immer noch einen Zacken näher.»