Ernährung
Der Geschmack der Muttermilch

Alles Banane, oder was? Gestilltes Kind.
Dass das Baby unter Blähungen und Kolliken leidet, wenn sich die stillende Mutter falsch ernährt, ist ein vielzitiertes Ammenmärchen, das wissenschaftlich bis heute nicht belegt werden konnte. Wahrscheinlich war es bloss der Versuch, Unruhe und häufiges Weinen in den ersten Lebensmonaten eines Säuglings zu erklären. Als problematisch galt alles, was bei Erwachsenen Verdauungsbeschwerden verursachen kann wie Kohl, Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, Hülsenfrüchte oder Broccoli.
«Schon in meiner Ausbildung vor 18 Jahren lernten wir, dass das Essverhalten der Mutter in den seltensten Fällen für das kindliche Weinen verantwortlich ist», sagt Claudia Fuhrer Hauser, Präsidentin des Berufsverbands Schweizerischer Stillberaterinnen IBCLC. Doch in den Köpfen hält sich der alte Zopf hartnäckig bis heute, nicht nur in der älteren Generation, auch bei Stillberaterinnen, wie Fuhrer weiss. Kürzlich wurde die antiquierte Behauptung gar auf der Familien- Internetplattform eines Grossverteilers wieder aufgewärmt.
Lebensmittel nicht pauschal verantwortlich machen
Trotzdem: Ist eine Mutter überzeugt, dass ihrem Kind beispielsweise Zwiebeln Bauchweh machen, würde Fuhrer dies nicht kategorisch verneinen: «Ich rate dann, noch einmal Zwiebeln zu essen und zu schauen, ob das Kind wieder gleich reagiert.» Ist dies der Fall, können die Zwiebeln einige Zeit weggelassen werden. Beim nächsten Verzehr dann genau darauf achten, ob sich die Blähungen wieder einstellen. «Wichtig ist, dass Lebensmittel nicht pauschal verantwortlich gemacht werden für das Unwohlsein des Babys», sagt Fuhrer.
Offizielle Richtlinien für die Ernährung während der Stillzeit weisen denn auch darauf hin, dass stillende Mütter vollwertig und vielseitig essen und auf nichts verzichten sollen. Die Qualität der Muttermilch kann nämlich durch die Ernährung beeinflusst werden. «Nimmt eine stillende Frau Rapsöl, Olivenöl oder fetthaltigen Fisch zu sich, verändert sich das Fettsäurenmuster der Muttermilch, die gesunden Omega-3-Fettsäuren können nachgewiesen werden», sagt Gabi Eugster, Lebensmittelingenieurin und Stillberaterin bei der La Leche League. «Der Fettgehalt allerdings verändert sich nicht durch die Ernährung.» Doch nicht nur die Qualität, auch der Geschmack der Muttermilch verändert sich, je nachdem was die Mutter gegessen hat. Ein paar Kostproben gefällig?
Muttermilch-Variationen
Lakritzmilch:
Erwachsene Tester konnten in Muttermilchproben den Geschmack von Knoblauch, Vanille, Alkohol und Mint wahrnehmen. Dänische Forscher stellten ausserdem fest, dass die Aromastoffe mit unterschiedlicher Verzögerung in der Muttermilch nachweisbar sind. Banane ist schon nach einer Stunde zu erkennen, Kümmel oder Lakritz nach zwei Stunden, Menthol ist fast sechs Stunden lang feststellbar. Spätestens nach acht Stunden sind die Aromen aus der Milch verschwunden.
Individuelle Milch:
Um es noch etwas komplizierter zu machen: Die Muttermilch von zwei verschiedenen Frauen schmeckt selbst nach dem selben Menü nicht genau gleich.
Lieblingsmilch:
Der Geschmack der Muttermilch kann das Stillverhalten des Kindes beeinflussen. Untersuchungen zeigen, dass Babys länger an der Brust trinken, wenn die Milch durch die Nahrung der Mutter mit Knoblauch oder Vanille aromatisiert wird.
Prägende Milch:
Was die Mutter während der Stillzeit isst, prägt den Geschmack des Kindes. Trinkt sie regelmässig Rüeblisaft, akzeptiert das Baby beim Übergang zur Beikost Rüeblibrei besser. Auch unerwünschte Prägungen sind möglich: Raucht die Mutter, gewöhnt sich das Kind über die Muttermilch an den Nikotingeschmack. Studien zeigen, dass dieser Faktor einen Einfluss darauf hat, ob Jugendliche zu rauchen beginnen.