Neurodermitis
Das juckt viele
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«Uuuh, es biiisst esooo», klagt Phil, die Handpuppe, und seine Stoffhände kratzen in den Augen und an den Wangen. Das findet Bo, sein vierbeiniger Freund, gar nicht gut: «Hör uf chratze», mahnt das Hündchen, «so goht dini Huut kaputt!» Szene aus der Neurodermitis-Kinderschulung mit parallelem Workshop für Eltern. Das Allergiezentrum Schweiz «aha!» bietet die Schulungen in Bern, Zürich und Luzern an. Mit grossen Augen sitzen die vier- bis siebenjährigen Knirpse auf dem Boden und lernen spielerisch, wie sie mit juckenden Hautstellen umgehen sollen. Bo, das Hündchen, gibt seinem geplagten Freund Phil viele gute Ideen mit: «Bei juckender Haut kannst du zupfen», weiss er. Oder reiben. Oder blasen – alles, bloss nicht mit den Fingernägeln kratzen, sonst kann sich die Entzündung der Haut verschlimmern.
Viele Eltern erleben diese Szenen mit ihren Kindern im Alltag. Neurodermitis, auch «atopisches Ekzem» genannt, hat in der Schweiz wie in allen Industrieländern stark zugenommen und betrifft mittlerweile 10 bis 15 Prozent aller Vorschulkinder. In den 1960er-Jahren waren es lediglich 3 bis 4 Prozent. Manche Fachleute sehen den Grund für diesen Anstieg in den verbesserten Lebensumständen und hygienischen Bedingungen: In einer sauberen Umgebung ist das sich entwickelnde Immunsystem nur wenigen Keimen ausgesetzt und hat daher kaum Gelegenheit, zu trainieren. «Atopisch» bedeutet: Die betroffenen Kinder haben eine Veranlagung, während ihres Lebens an Allergien wie Heuschnupfen, allergischem Asthma, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder eben Neurodermitis zu erkranken, an Letzterem oft schon im Säuglingsalter.
Nicht bei allen ist das Ekzem allergisch bedingt, trotzdem: «In unseren Beratungen spüren wir sehr deutlich, dass Neurodermitis im Vormarsch ist und dass die Krankheit bei vielen Familien den Alltag belastet», sagt die Beraterin und Schulungsleiterin Judith Alder von «aha!». Die Pflegefachfrau berichtet von Schlafproblemen, die viele Kinder plagen, weil nachts der Juckreiz besonders schlimm ist. Auch Eltern machen durchwachte Nächte zu schaffen. Ausserdem leiden sie unter Kommentaren von Nachbarn oder Freunden, die hinter den Hautausschlägen eine ansteckende Krankheit vermuten – was bei Neurodermitis nicht der Fall ist.
Die defekte Barriere
Neurodermitis ist eine chronische Erkrankung, die in Schüben verläuft. Neben der atopischen Veranlagung spielen verschiedene Umweltfaktoren eine Rolle. So bricht im Frühling bei vielen Betroffenen ein Schub aus, weil die Pollen in die geschwächte Haut eindringen können. Zur Entzündung kommt es, weil das Immunsystem allergisch, das heisst überschiessend auf bestimmte, in den Pollen enthaltene Eiweisse reagiert. Auch Luftschadstoffe oder Stress können das Ekzem triggern. Dasselbe gilt für Allergene in Nahrungsmitteln wie Kuhmilch, Hühnereiern, Nüssen und Kartoffeln oder für Hausstaubmilben und Tierhaare. Die typischen Symptome von Neurodermitis sind leichte Hautausschläge bis hin zu grossflächigen Entzündungen. Besonders oft treten sie an Gesicht, Hals, Händen und Oberarmen, in Ellenbeugen und Kniekehlen auf. «Die Haut der betroffenen Kinder ist trocken, spröde und rau, weil sie unter anderem zu wenig Talg produzieren», erklärt Judith Alder. Normalerweise bewahrt dieser Schutzmantel die Haut vor schädlichen Umwelteinflüssen und Krankheitserregern. Bei Neurodermitikern ist diese Barrierefunktion gestört. Auch Feuchtigkeit kann ihre Haut nur ungenügend speichern. Grund ist eine genetisch bedingte Fehlregulation der Hautbarriere. Konkret: Das wichtige Eiweiss Filaggrin, das für die Barrierefunktion der Haut sorgt, wird nur ungenügend produziert. «Was der Haut fehlt, muss die Pflege ersetzen», sagt Judith Alder, «die kontinuierliche Hautpflege ist das A und O der Behandlung.» Kontinuierlich bedeutet: Salben, salben, salben – mindestens dreimal am Tag müssen Kinder die Haut eincremen, um ihr Wasser und Fett zuzuführen und so die fehlende Barrierefunktion auszufüllen. Auch das vermittelt die Kinderschulung von «aha!» spielerisch: «Komm, du lieber Arm, dich massieren wir ein bisschen», sagt die Trainerin, während sie einem dreijährigen Mädchen den Oberarm einreibt, auf das sie vorher eine Creme-Sonne gemalt hat.
Jedes Kind mit Neurodermitis hat sein eigenes Beschwerdebild und braucht von Anfang an eine individuelle Therapie. «Die Behandlung braucht Zeit und Geduld», sagt Alice Köhli, Leiterin der Abteilung Allergologie im Kinderspital Zürich. Sind die Entzündungen akut, empfiehlt die Ärztin meistens eine Behandlung mit Cortison. Für leichte bis mittelschwere Fälle gibt es seit kurzem cortisonfreie Präparate, sogenannte Immunmodulatoren, die langfristig helfen, Rückfälle zu vermeiden. Der Vorteil dieser neuen Medikamente: Im Gegensatz zu Cortison haben sie keine Nebenwirkungen wie etwa Hautverdünnung, da sie nicht durch die Haut dringen und in den Blutkreislauf geraten. Es gibt auch eine ganze Palette komplementärmedizinischer Methoden, die die Symptome lindern können: Lichttherapie, Akupunktur, Saunabesuche und mehr. Ziel ist in jedem Fall, die Symptome auf ein Minimum zu reduzieren. Einige Kinder verlieren die Symptome nach rund drei Jahren, bei anderen verläuft die Krankheit mit Unterbrüchen bis ins Erwachsenenalter. Auf die Neurodermitis folgt nicht selten Asthma und später Heuschnupfen. Das bedeutet: Ein Kind kann zwar aus der Neurodermitis «hinauswachsen», danach aber an einer nächsten Allergie leiden. Es durchläuft die typische «Allergiekarriere». Bei den einen treten alle drei, bei anderen nur einzelne dieser Krankheiten auf.
Da bei Allergien die Vererbung eine grosse Rolle spielt, sollte man speziell auf die Familiengeschichte achten: Ist ein Elternteil von einer Allergie betroffen, liegt das Risiko für eine Allergieentwicklung bei rund 30 Prozent. «Bei mittelschwerer und schwerer Neurodermitis, die sich schlecht behandeln lässt, suchen wir gezielt nach Allergenen», sagt Kinderärztin Alice Köhli. Ob und gegen welche Stoffe eine allergische Veranlagung da ist, lässt sich mittels Hauttests schon im Baby- oder Kleinkindalter feststellen.
Mehr Informationen finden Sie unter
Allergiezentrums Schweiz: www.aha.ch