Oberstufe
Das Feintuning

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Jetzt sind sie auf der Zielgeraden, die Sechstklässler, die in einigen Kantonen am 12. März an die Prüfung fürs Langgymnasium gehen. Auch für die rund 3600 Kinder im Kanton Zürich geht das Üben in die heisse Phase: noch mal durchlesen, wie ein gelungener Aufsatz aufgebaut ist, repetieren der umgekehrten Proportionalität und – wie war das noch mal mit Dativ und Genitiv?
Am Tag X müssen alle Prüflinge das draufhaben.
Dass es ausreicht, den Stoff der 6. Klasse zu beherrschen, ist zwar häufig zu hören, deshalb aber trotzdem nichts weiter als ein Ammenmärchen.
Klar mag es sein, dass kleine Einsteins, eindeutig hochbegabte Kinder, manches herausknobeln können, ohne je im Unterricht davon gehört zu haben. Alle anderen klugen, aber kreuznormalen Kinder brauchen zusätzliche Erklärungen und eine Gebrauchsanleitung, wie überhaupt mit einer solchen Prüfungssituation, geprägt von Druck, fremder Umgebung samt Ausweiskontrolle, umzugehen ist. Das Diktat im Klassenverband und der Test zum Krebsli-Schwimmabzeichen spielten da doch in einer anderen Liga.
Bei der Aufnahmeprüfung jedenfalls geht, wenn man ehrlich ist, ohne gezielte Vorbereitung gar nichts.
Und die unterscheidet sich von Kind zu Kind.
Zwar gibt es inzwischen verbindliche Minimalstandards für die Primarschulen, wie deren schulische Vorbereitung auszusehen hat – Start nach den Herbstferien, mindestens zwei Lektionen wöchentlich – doch ob eine Schule darüber hinaus Unterstützung anbietet, wie engagiert die unterrichtenden Lehrer sind, wie viele Schüler pro Kurs zusammen büffeln, wie die Motivation gestützt wird und wie eng die Zusammenarbeit mit den Eltern ist, variiert von Schulhaus zu Schulhaus erheblich.
Hier gehts um die Zukunft
Und nicht immer sind Mütter, Väter oder Kinder überzeugt, dass die schulische Vorbereitung optimal läuft. Beinahe jede zweite Familie, so wird geschätzt, wählt zum Präparieren private Lerninstitute. Eltern, die den Unterrichtsstoff beherrschen und ausreichend Zeit haben, leisten zudem daheim Support.
Schliesslich geht es um eine Menge.
Um die Zukunft des Kindes.
Da wird das Wochenende schnell zum Trainingscamp, Freizeit ein Wort, das mancher Sechstklässler inzwischen im Fremdwörterlexikon nachschlagen muss.
Wir haben mit unseren drei Prüflingen Hanna, Ajith und Nico über die heisse Vorbereitungsphase gesprochen. Und darüber, wie es beim Schlusssprint mit der Kondition aussieht.
Allen wünschen wir viel Glück!

Ajith, 13
wir eltern: Wie viele seid ihr in der Gymi-Vorbereitung deiner Schule Grünau?
Ajith: Wir sind acht Schüler. Sechs bereiten sich auf die Gymi-Prüfung vor, zwei lernen für die Sek A. Eine von uns besteht bestimmt, sie ist die Allerbeste. Wir haben zwei Stunden in der Woche: eine Stunde Deutsch, eine Mathe.
Wie laufen die Stunden bei euch ab?
Wir bearbeiten einzelne Aufgaben. Also nicht ganze Prüfungen. Falls Fragen da sind, beantwortet sie die Lehrerin. Ich musste neulich in Geometrie mal fragen. Da war eine Aufgabe mit einer Schatzsuche. Die war sehr kompliziert. Aber jetzt kann ich sie.
Und? Bringt dir die Vorbereitung etwas?
Hm, wie soll ich sagen. Jeder fragt ja in der Schulstunde was. Und wenn die Fragen, die ein anderes Kind stellt, gar nicht die sind, die auch ich gerne beantwortet hätte, dann bringt die Stunde natürlich überhaupt nichts. Kann man sich ja leicht ausrechnen. Wenn jedes der acht Kinder ein Problem hat, wie viel dann für das eigene Problem übrig bleibt …
Lernst du jetzt, wo die Prüfung immer näher rückt, besonders viel?
Nein. Ich mache meine Aufgaben. Mehr nicht. Wissen Sie, ich möchte mich nicht zu sehr in diese Prüfung reinsteigern. Ich mache im März einfach, was ich kann. Für den Aufsatz habe ich mir überlegt, dass ich am besten kurze Sätze schreibe, dann mache ich nicht so viele Fehler.
Begleitet dich jemand zur Prüfung?
Bestimmt. Ich glaube meine Mama, auch wenn sie nicht bleiben kann, weil sie später noch arbeiten muss. Aber dass sie mitkommt, ist beruhigend.

Hanna, 11
wir eltern: Und? Schon gestresst? Gymi- Vorbereitung, Lernen, Uffzgi …?
Hanna: Ach, es geht. Aber es ist schon deutlich mehr zu tun als noch letztes Jahr. Vor allem hatte ich jetzt viel Arbeit mit einem Themenheft, das wir für die Schule schreiben mussten. Ich hatte das Thema «Unterwasserwelt». Da hatte ich ein Kapitel über den Weissen Hai, eins über Korallenriffe, eines über Delphine … Da war ordentlich viel zu schreiben.
Und die Gymi-Vorbereitung in deiner Bachtobel-Schule, bringt die was?
Ich finde schon. Wir sind jetzt nur noch sechs Kinder, zwei Stunden die Woche. Vor ein paar Wochen waren wir noch sieben. Als wir mit der Vorbereitung angefangen haben, da habe ich bei jeder Aufgabe nach fünf Minuten geschrien: «Mama! Ich brauch Hilfe!» Jetzt gehe ich mit den Aufgaben an den Schreibtisch, lös die und fertig. Ausserdem finde ich es richtig gemütlich, in so kleinen Gruppen zu lernen.
Habt ihr Tipps bekommen, von denen du denkst, dass sie dir nutzen werden?
Allerdings. Vor allem schärft unsere Lehrerin uns ein, dass wir ruhig bleiben sollen, dass wir jedes Wort genau lesen müssen. Wenns nötig ist, ein paar Mal. Und dass es am besten ist, bei Rechnungen immer alles ordentlich abzuschreiben, zu sortieren und der Reihe nach auszurechnen. Bei Aufgaben mit einer Unbekannten etwa. Ich denke, die Tipps bringen eine Menge.
Wie fühlst du dich bei Gedanken an die Prüfung?
Gut. Ich habe sowieso gerade eine gute Phase. Ich bin zwar froh, wenn ich es hinter mir habe, aber irgendwie bin ich auch gespannt, wie das ist. Ich nehme jedenfalls als Glücksbringer eine Kette von meiner besten Freundin mit und einen Ring meiner Oma. Dann weiss ich, dass liebe Menschen an mich denken.
Wo gehst du zur Prüfung? Ist es bei Freudenberg geblieben?
Ja. Ich wusste ja, dass die ein gutes Angebot haben, aber jetzt habe ich auch gesehen, dass die Schule total hell ist. Ganz viele Fenster. Das gefällt mir. Ein Gymnasium hab ich mir angesehen, da war die Turnhalle sogar unter der Erde. Furchtbar. «Meine» Schule – wenns klappt – ist jedenfalls schön.

Nico, 12
wir eltern: Du warst ja jetzt zweimal in Winterthur in deinem Lernstudio zur Gymi-Prüfungsvorbereitung. Wie wars?
Nico: Spannend. Und interessant. Wir sind sechs Kinder. Die anderen sind unheimlich gut. Beim ersten Mal war ich total verblüfft, was die alles können. Ich hatte Angst, dass die viel besser sind als ich. Aber beim zweiten Mal gings dann.
Was ist denn so spannend an der Vorbereitung?
Die Aufgaben sind richtig schwierig. Das hab ich gerne. In der Schule finde ich es ja manchmal ziemlich langweilig.
Bedeutet die Vorbereitung viel Arbeit?
So vier bis fünf Stunden zusätzliche Arbeit in der Woche gibts schon. Dazu noch die Hausaufgaben für die Schule … Da kommt einiges zusammen. Für das nächstes Mal müssen wir einen Text schreiben: «Wo ich mich in zehn Jahren sehe?»
Und wo siehst du dich?
Hm. Weiss nicht so genau. Doch – vielleicht an der ETH. Wissenschaftler, irgendwie so was, das wäre schon gut.
Dein Kurs hat 950 Franken für sieben Mal gekostet. Nicht ganz billig. Fühlst du dich jetzt deinen Eltern gegenüber verpflichtet, dich besonders anzustrengen?
Hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber meine Mutter hat gesagt: «Wenn ich das zahle, will ich auch, dass du die Aufgaben machst.» Find ich nachvollziehbar.
Wie fühlst du dich, wenn du an die Prüfung denkst?
Ich grusele mich und ich freu mich. Beides gleichzeitig.