
Florian Kalotay
Erziehung / Religion
Christentum
Jesus ist ein Vorbild, finden die Walker Fröhlichs.
Sie sind eine katholische Familie und beruflich als Theologin in einer Kirchengemeinde und Gefängnis Seelsorgerin beziehungsweise als Seelsorger in Pflegeheimen auch beruflich mit dem Glauben beschäftigt. Wie beeinflusst Ihre Religion den Familienalltag?
Rahel: Ja, wir sind katholisch. Aber eigentlich sind wir eher christlich als einer Konfession verbunden. Wir besuchen nicht nur den katholischen Gottesdienst, sondern manchmal auch den reformierten.
Dominik: Der Glaube bestimmt unser Leben. Beispielsweise gehen Rahel und ich zweimal täglich in unseren Gebetsraum. Dort beten wir, meditieren, lesen in den Psalmen …
Rahel: Das mag sich eigenartig anhören, aber dieser Schritt aus dem Alltag heraus gibt einem grosse Ruhe und Kraft. Man richtet sich auf Gott aus oder verarbeitet Erlebtes.
Betet Flurina mit?
Rahel: In dem Raum nicht, nein. Aber wir beten schon jeden Tag mit ihr, lesen aus der Bibel vor …
Flurina: Wenn meine Eltern einfach sagten: Gute Nacht Flurina, schlaf schön. Und keiner käme mit an mein Bett, das fände ich traurig. Ich mag das gemeinsame Gebet am Abend. Und meine Lieblingsgeschichte in der Bibel ist «Der barmherzige Samariter».
Das klingt nach einem ziemlich festen Korsett.
Rahel: So sehe ich das nicht. Für mich ist das Christentum Freiheit. Weil ich von Gott schon auf alle Fälle angenommen bin, brauche ich eigentlich nirgendwo anders nach Anerkennung suchen. Es ist egal, wie schön oder intelligent man ist. Gott nimmt uns, wie wir sind.
Dominik: Und in der Erziehung gibt der Glaube auch Freiheit. Wir vermitteln Flurina klare Werte. Sie kann sich dann später dazu verhalten. Man muss eine Basis haben, von der aus man herausfinden kann, was für einen selber richtig und falsch ist.
Flurina: Meine Eltern sagen schon ziemlich deutlich: Das wollen wir oder das wollen wir nicht. Meine Mama ist lieb, aber sie kann richtig sauer werden. Vor allem wenn ich zu spät bin. Dann sagt sie: Flu-ri-na, WO – WARST – DU?
Rahel: Das ist auch etwas, was unser christliches Leben prägt: Vergebung. Ich meine, wir sind alle Menschen, die Fehler machen. Man kann um Vergebung bitten, verzeihen, neu anfangen. Das ist ein gutes Gefühl. Genau wie die feste Überzeugung, dass letztendlich die Ungerechtigkeit nicht gewinnt.
Wie meinen Sie das?
Rahel: Jesus war ein Gerechter. Er wurde gekreuzigt. Aber Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Ich glaube daran, dass das Schlechte nicht das letzte Wort hat.
Dominik: Ja, ich finde, es lohnt sich, sich am Leben Jesu zu orientieren. Wir tun das und leben Flurina möglichst viel vor, statt ihr das einfach zu sagen.
Zum Beispiel?
Rahel: Wir haben unser Geld auf der alternativen Bank angelegt, die bei der Kreditvergabe ethische Massstäbe anlegt und sich in sozialen und kulturellen Projekten engagiert. Wir wollen sicher sein, dass von unserem Geld keine Waffen gekauft werden. Wenn wir reisen, was wir gerne tun, dann überlegen wir, ob das möglichst ökologisch möglich ist. Wir erziehen bewusst nicht materialistisch, kaufen wenig Markenkleider. Das ist natürlich nicht zwingend an Glauben gebunden. Aber wir leiten das auch von unserem Glauben ab.
Hat die Tatsache, Familie zu sein, Einfluss auf Ihre Religiosität genommen?
Rahel: Jetzt antworte ich nochmal, weil ich Flurina geboren habe. Ja, das war ein so unfassbar grosses Erlebnis, etwas Existenzielles, das mich geöffnet hat für die religiöse Dimension.
Dominik: Sobald man Familie wird, muss man sich fragen, was einem wichtig ist, was dieses Kind lernen soll.
Und das wäre?
Dominik: Sich für eine gute Sache einzusetzen. Sich um das Gute zu bemühen. Wir tun das aus christlicher Überzeugung, aber wir sind auch sehr engagiert im interreligiösen Dialog. Ich arbeite im GCM, das ist ein Verein, der sich für den Austausch zwischen Muslimen und Christen einsetzt, Rahel im Zürcher Forum der Religionen.
Rahel: In Zeiten wie diesen muss man möglichst viel miteinander reden.
Und wenn Ihre Tochter einen Partner aus einer anderen Religion hätte?
Rahel: Als Gefängnis-Seelsorgerin habe ich mit Häftlingen unterschiedlichster Glaubensrichtungen zu tun. Vor allem die Muslime begegnen mir mit grossem Respekt. Was ich sagen will: Wir wollen vor allem, dass Flurina glücklich wird. Dass sie ein erfülltes, sinnvolles Leben hat, in dem sie auch Sinnvolles für andere tut. Das ist das Wichtigste. Ein Partner anderer Religion könnte die Partnerschaft etwas komplizierter machen, das wäre eine Herausforderung.
Dominik: Gerade wenn beide ihren Glauben leben, wäre das möglicherweise nicht einfach. Aber – Herausforderungen kann man meistern.
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