
Tebea Reusser
Interview bedürfnisorientierte Erziehung
Was halten Sie von bedürfnisorientierter Erziehung?
Was gibt Kindern eine gesunde Basis für das weitere Leben? Entwicklungspädiater Oskar Jenni sagt, ein bindungs- und bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind sei grundsätzlich in der heutigen Zeit empfehlenswert.
wir eltern: Herr Jenni, was halten Sie vom bindungs- und bedürfnisorientierten Erziehungsstil?
Oskar Jenni: Man muss sich bewusst sein, dass man in der Regel nicht einem einzigen Erziehungsstil folgt, sondern in der Praxis flexibel erzieht. Das ist wissenschaftlich erforscht und hängt mit der Komplexität des Alltags zusammen.
Und ein Stück weit auch mit dem Kind, das einen immer wieder aufs Neue herausfordert. Der eigene Erziehungsstil ist also weniger konsistent als man annehmen könnte. Grundsätzlich ist ein bindungsund bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind in der heutigen Zeit empfehlenswert.
Woher kommt die bedürfnisorientierte Erziehung?
Noch in den 1950er- und 1960er-Jahren hat man in der westlichen Welt die pädagogische Haltung vertreten, dass das Kind streng erzogen und sein Wille gebrochen werden muss, damit es zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft wird.
Beruhend auf den Grundideen von John Bowlbys Bindungstheorie wuchs jedoch ab 1970 das Bewusstsein, dass Kinder angewiesen sind auf Bezugspersonen, die zugewandt, vertraut, verlässlich und verfügbar sind, die ihm Sicherheit, Nähe und Geborgenheit schenken.
Die 68er-Generation, die sich aus den starren gesellschaftlichen Strukturen befreien wollte, war offen für diese veränderte Sicht auf die frühe Kindheit. Dabei entwickelte sich ein Fürsorgeverhalten, das sich am Kind und seinen Bedürfnissen orientiert.

Kinderarzt Oskar Jenni (1967) ist Co-Leiter der Abteilung für Entwicklungspädiatrie am Universitäts-Kinderspital Zürich und Leiter der Akademie «Für das Kind. Giedion Riesch», einer interdisziplinären Plattform, die das tiefere Verständnis für Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft fördern will. Er ist verheiratet, Vater von vier Söhnen zwischen 14 und 22 Jahren und lebt in Männedorf (ZH). Im Juni 2021 erscheint sein Buch
➺ «Die kindliche Entwicklung verstehen», Springer-Verlag, Fr. 69.90.
Eine Veränderung zu Gunsten des Kindes also.
Tatsächlich. Und das ist gut so, denn ein bindungs- und bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind ist für dessen Wohlbefinden und bestmögliche Entwicklung absolut notwendig. Eltern sollen auf die Bedürfnisse des jungen Kindes eingehen.
So ist es zum Beispiel nicht angemessen, ein kleines Kind einfach schreien zu lassen, sondern wir müssen in dieser Situation herausfinden, was es braucht, was ihm fehlt. Wenn Eltern das Kind bereits im Säuglings- und Kleinkindalter feinfühlig und liebevoll behandeln, dann legen sie eine gesunde Basis für das weitere Leben.
Wie kann man Feinfühligkeit erlernen?
Sie gehört zu den intuitiven elterlichen Fähigkeiten. Sie muss nicht erlernt werden, sondern ist bis zu einem gewissen Grad evolutionsbiologisch angelegt. Eltern können sich allerdings nur feinfühlig verhalten, wenn es ihnen gut geht und sie nicht psychisch krank sind. Sind Eltern aber über längere Zeit stark belastet, ist es wichtig, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen, denn ihr Fürsorgeverhalten ist dann oft nicht angemessen.
Wenn es mal nicht gelingt, einfühlsam zu sein, plagen einen hinterher die Schuldgefühle.
Niemand schafft es, 24 Stunden am Tag feinfühlig auf das Kind einzugehen. Es ist durchaus menschlich, wenn man sich auch einmal aufregt und nicht perfekt agiert; Kinder sind erstaunlich widerstandsfähig. Es genügt, als Eltern genügend zu sein. Wenn Spannungen jedoch täglich auftreten, sollte man fachliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Welche Bedeutung hat die bedürfnisorientierte Erziehung, wenn die Kinder älter sind?
Kinder entwickeln sich ausserordentlich dynamisch. Man muss sich bewusst sein, dass sie sich von der Geburt bis zum Erwachsenenalter grundlegend verändern. So nimmt zum Beispiel ihr Autonomiebedürfnis zu und unser Einfluss als Eltern ab, spätestens wenn sie in den Kindergarten gehen.
Das Kind sucht sich dann seine Nische draussen in der Welt, findet Gleichaltrige, hat Kontakte zu anderen Erwachsenen. Das Zuhause hat im Idealfall noch die Funktion des sicheren Hafens, wohin das Kind zurückkehren und wo es sich so angenommen fühlen kann, wie es ist.
Was sind die Schwierigkeiten der bedürfnisorientierten Erziehung?
Zu erkennen, wo Selbstständigkeit möglich ist und wo Grenzen nötig sind – das ist die Herausforderung in der Erziehung. Bedürfnisorientiert meint nicht, alles zuzulassen. Eltern müssen spüren, wo das Kind bereit ist, eine Aufgabe selber zu schaffen oder wo es noch nicht reif dafür ist und entsprechende Führung und einen Rahmen braucht.
Kein einfaches Unterfangen.
Es ist wichtig, dass Eltern das Kind nicht zu ihrem Projekt machen, sondern es so sehen, wie es ist. Dazu gehört, dass sie die Stärken und Schwächen des Kindes erkennen und akzeptieren. Und gleichzeitig das Kind dabei unterstützen, dies ebenfalls zu tun. Macht man ihm nämlich vor, dass es bestimmte Dinge gut kann, obwohl das gar nicht stimmt, verhindert man, dass es zu einem authentischen Menschen mit einem guten Selbstkonzept wird.
Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft für die Kinder?
Wir sollten uns bemühen, der grossen Variabilität der Kinder gerecht zu werden. Nicht alle Kinder können die gleichen Entwicklungs- und Lernziele erreichen; so ist es beispielsweise nicht nötig, dass jedes Kind eine akademische Laufbahn einschlägt. Als Gesellschaft sollten wir den Kindern viele verschiedene Umwelten und Angebote zur Verfügung stellen.
Veronica Bonilla wollte früher Fallschirmspringerin werden. Seit sie den freien Fall bei der Geburt ihrer Kinder erlebt hat, hat sich dieser Wunsch in Luft aufgelöst. Übergänge und Grenzerfahrungen faszinieren sie bis heute. Dabei liebt sie es, um die Ecke zu denken und sich davon überraschen zu lassen, was dort auftaucht. Und stellt immer wieder fest, dass ihr Herz ganz laut für die Kinder schlägt. Sie war bis 2022 auf der Redaktion fest angestellt, seither als Freie für das Magazin tätig.