
Indra Ohlemutz
Interview Kirsten Boie
«Beim Schreiben lese ich in meinem Kopf»
Erfolgsautorin Kirsten Boie spricht über abgebrochene Bücher, Game-Erfahrungen und darüber, wie ein Berufsverbot sie mit Mitte 30 zur Schriftstellerin machte.
Kirsten Boie (1950) ist eine der renommiertesten, vielfältigsten und erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Sie hat über 100 Bücher publiziert, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Von einigen, etwa «Der kleine Ritter Trenk» und «Wir Kinder aus dem Möwenweg», gibt es auch Hörbücher, Trick- oder Kinofilme. Boies neuster Streich ist die «Thabo»-Krimireihe für Kinder ab 10 Jahren: Thabo ist ein wahrer Meisterdetektiv aus Afrika, der mit seinen Freunden den seltsamen Dingen nachgeht, die in seinem Dorf Hlatikulu passieren. Der dritte Band «Thabo. Detektiv & Gentleman. Der Rinder-Dieb» erscheint am 21.8.2017. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Kirste Boie lebt mit ihrem Mann bei Hamburg. Sie hat zwei erwachsene Kinder. ➺ kirsten-boie.de
wir eltern: Frau Boie, innert 30 Jahren haben Sie über 100 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Kennen Sie die genaue Zahl?
Kirsten Boie: Überhaupt nicht! Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.
Auf Facebook thematisierten Sie kürzlich das Hadern mit einem neuen Stoff. Ein ungewohntes Gefühl?
Nein, das gabs auch früher schon. Zum Beispiel, dass ich ein Buch nach 50, 60 Seiten abbrechen musste. Wenn etwas nicht ganz richtig ist in der Anlage eines Buches, rächt sich das später und ich kann es nicht zu Ende bringen. Um etwas zu schreiben, hinter dem ich stehen kann, muss ich eine Begeisterung dafür entwickeln, den ersten Satz, den Ton haben, dann fällt mir immer mehr und mehr ein. In so einer Phase bin ich gerade.
Sie publizieren zu einer Vielfalt von Themen, von Meerschweinchen über Piraten hin zu Obdachlosigkeit und Aidswaisen. Können Sie über alles schreiben?
Voraussetzung ist der persönliche Zugang, Kenntnisse und Erfahrungen. Das gilt für Meerschweinchen, da bin ich sehr erfahren, weil unsere Kinder immer Meerschweinchen hatten, das gilt für die Aidswaisen, für die Obdachlosigkeit, wo ich mich sehr eingearbeitet habe und viele Gespräche geführt habe.
«Der kleine Ritter Trenk», «Seeräuber Moses», «Alhambra»: Diese Werke spielen in historischen Zeiten, von denen Sie äusserst anschaulich erzählen. Wie haben Sie den persönlichen Zugang hier geschaffen?
Beim «Kleinen Ritter Trenk» gibt es ja Sachkapitel zum Alltag im Mittelalter. Von einer Wissenschaftlerin, deren Schwerpunktgebiet das war, habe ich viel Material bekommen, an das ich sonst nicht gekommen wäre. Diese Recherchen machen mir sehr viel Spass. Doch das Schreiben ist anders. Wenn ich über ein Gegenwartsthema schreibe, sehe ich vor mir innere Bilder, höre Klänge und weiss, wie es riecht; ich lebe sozusagen in so einer Situation. Wenn ich über die Vergangenheit schreibe, habe ich nur sekundäre Erfahrungen.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie mit Mitte 30 Ihr erstes Kinderbuch publizierten?
Ich war Lehrerin und wollte in diesen Beruf auch nach einer Familienpause wieder zurückkehren, nachdem mein Mann und ich 1983 unser erstes Kind adoptiert hatten. Doch das Jugendamt hat mir untersagt, wieder zu arbeiten. Und da wir auch ein zweites Kind vom selben Jugendamt wollten, habe ich mich schliesslich gefügt.
Das Jugendamt entschied, die Mutter müsse zu Hause sein?
Ja. Dieser Eingriff in meine persönliche Lebensplanung hat mich damals sehr getroffen. Für mich war es wichtig, neben der Familie einen Beruf ausüben zu können, der nicht Zeitverlust bedeutet, sondern eine zusätzliche Kraftquelle ist. Ich habe, vielleicht auch aus Trotz, nach einer Alternative gesucht, die mir das Jugendamt nicht verbieten kann.
Also entschieden Sie sich, Autorin zu werden?
Eines Tages – das klingt, als hätte ich mir das fürs Marketing ausgedacht, aber es ist die heilige Wahrheit – habe ich meinen Sohn gefüttert und darauf gewartet, dass ich ihn ins Bett bringen kann. Und plötzlich hatte ich die ersten Sätze für mein erstes Buch im Kopf, ein Buch über einen adoptierten Jungen: «Paule ist ein Glücksgriff». Es war dann eine beglückende Erfahrung, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich hatte das nicht geplant, doch jedem Satz folgte ein weiterer. Schon bei diesem ersten Buch war es so, dass ich beim Schreiben in meinem Kopf lese. Und dann habe ich die ersten drei Kapitel an Verlage geschickt und bekam schon am nächsten Tag eine telefonische Zusage vom Oetinger Verlag, bei dem ich bis heute bin.
Ihre Kinder sind jetzt erwachsen. Wie wichtig ist es für Ihr Schreiben, Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu pflegen?
Man kann nicht für Kinder schreiben und noch weniger für Jugendliche, wenn man nicht einigermassen in ihrer Welt ist. Ich habe das Glück, dass ich durch Lesungen, Workshops und im privaten Umfeld viel Kontakt zu Kindern und Jugendlichen habe. Ich sammle Erfahrungen in Bereichen, die für junge Menschen wichtig sind. Wir müssen Dinge kennen, um den Reiz zu begreifen. Als ich vor Jahren mit Facebook angefangen habe, war ich verblüfft, welchen Sog das entwickeln kann. Ich war auch beeindruckt von der Komplexität mancher Computer- Strategiespiele, von der Leidenschaft und Vernetzung der Spieler. Gleichzeitig habe ich gesehen, dass es in Familien zu Krisen führt, wenn die Kinder zu vom Game bestimmten Zeiten spielen können müssen – und nicht am Familienabendessen teilnehmen können. Das muss man ausprobiert haben, um zu begreifen, wie weit das geht.
Trotz der vielen neuen Angebote im Bereich digitale Medien legt in der Schweiz der Sektor Kinder- und Jugendbücher bei den Verkaufszahlen zu. Haben Eltern die Wichtigkeit der Leseförderung verinnerlicht?
Ja, das glaube ich. Und das finde ich auch grossartig. Im Verlauf der letzten 10, 15 Jahre ist das viel stärker ins Bewusstsein gedrungen. Allerdings wächst der Abstand zu denen, die das erste Mal in der Schule ein Buch in die Hand nehmen. Wir brauchen noch viel mehr Initiativen, die bei den bildungsfernen Eltern ansetzen.
Was hat denn ein Kind, das eine Leseratte ist einem Kind voraus, das nicht Buch-affin ist?
Als Erstes fördert Lesen nachweislich die kognitive Entwicklung. Platt gesagt: Viel lesen macht schlau. Dann bestätigen immer mehr Untersuchungen, dass Kinder empathischer werden durch das Lesen. Sie setzen sich eben mit den Gedanken und Gefühlen ihrer Buchfiguren auseinander. Und dann – und das halte ich für unendlich wichtig – werden beim Lesen sehr starke Emotionen ausgelöst. Damit beim Lesen im Kopf überhaupt etwas passiert, muss ich ganz ausschliesslich auf meine eigenen Erlebnisse, Erfahrungen, Gefühle zurückgreifen und mich damit auseinandersetzen. Insofern hat Lesen auch psychotherapeutische Wirkung. Das ist eine ganz grosse Leistung, die das Lesen der Rezeption aller anderen Medien voraushat.
In «Der kleine Ritter Trenk» hat mir besonders gefallen, dass sich Thekla nicht mit ihrer Rolle als braves Burgfräulein zufrieden gibt, sondern auch Ritter werden will. Ein klarer Kontrast etwa zur stereotypen «Prinzessin Lillifee»…
Es ist wichtig, Kindern alles offen zu halten und Mädchen zu signalisieren: Heute könntest du auch Ritter werden. Und gleichzeitig Jungs zu signalisieren: Du musst nicht Ritter werden.
Ihre Geschichten sind nie banal, sondern behandeln stets auch grosse Themen wie Identität, soziale Ungleichheit, Geschlechterrollen.
Möglichst unaufdringlich, hoffe ich! Jeder, der schreibt, transportiert seine eigenen Überzeugungen immer mit. Das hat nicht mit didaktischer Absicht zu tun. Ich glaube aber, dass man Kinder schon früh in altersgerechter Weise mit allen möglichen Themen konfrontieren kann.
In einem Ihrer neusten Bilderbücher «Bestimmt wird alles gut» erzählen Sie auf Deutsch und Arabisch von der Flucht einer syrischen Familie. Ist es wichtig, die Realität in Kinderbüchern abzubilden?
In Deutschland gibt es kaum noch Kinder, die in der Kita oder Schule nicht einem Flüchtlingskind begegnen. Ich finde es wichtig, Kindern zu erzählen, was dahintersteckt. Um deutlich zu machen, dass in den allermeisten Fällen hinter der Flucht wirklich eine existenzielle Not steckt. Wenn das als Möglichkeit für Kinder auftaucht und sie sich mit den Figuren in den Geschichten identifizieren können, dann gehen sie vielleicht generell mit einem anderen Blick an das
Thema Flucht heran.
Was für Erinnerungen haben Sie ans Lesen als Kind?
Nur schöne! Ich war schon früh eine leidenschaftliche Leserin. Meine Eltern konnten mir nicht viele Bücher kaufen, doch wenn sie abends mal weggehen wollten, haben sie mir ein Buch meiner Lieblingsautorin Astrid Lindgren geschenkt, denn ich hatte Angst, allein zu Hause zu sein. Meine Lindgren-Bibliothek ist also eine Bestechungsbibliothek. Meine Eltern waren nicht glücklich, dass ich so viel gelesen habe. Manchmal haben sie es mir sogar untersagt, aber ich habe immer Wege gefunden.
Haben diese Erfahrungen Sie geprägt?
Mein Lebensweg wäre vollkommen anders verlaufen, wenn ich als Kind nicht so viel gelesen hätte. Ich war die erste aus meiner riesengrossen Verwandtschaft, die Abitur gemacht, die erste, die studiert hat. Zu einer Zeit, als in Deutschland nur sechs Prozent eines Jahrgangs Abitur machten, hätte ich als Kind mit einem solchen familiären Hintergrund diesen Weg wohl nicht gehen können, wenn ich nicht so viel gelesen hätte. Lesen hat mich unglaublich geprägt und ich könnte einige Beispiele aus der Generation meiner Kinder nennen, bei denen ich ganz Ähnliches vermute. Auch deshalb halte ich das Lesen nach wie vor für den einfachsten und vergnüglichsten Einstieg in eine gelingende Bildungskarriere.
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