
Christina Baeriswil
Gefühlsstark
Wilder, lauter, sensibler
Gefühlsstarke Kinder haben von allem mehr: mehr Wut, Freude, Probleme. Ihre Eltern auch. Oft zweifeln sie an sich selbst, an ihrem Kind. Bestsellerautorin Nora Imlau weiss, wie man diese Buben und Mädchen durch Emotionsstürme begleitet.
Es ist noch nicht mal 7 Uhr und Oscar ist schon auf 180. Sein Lieblingsmüesli, aufgebraucht. Keine neue Packung da. Bis der Bub in der Schule ist, explodiert er mindestens noch dreimal. Weil er die Mütze nicht auf Anhieb findet, weil es neblig statt sonnig ist. Oscar ist kein Morgenmuffel. Er ist auch nicht vier, sondern acht Jahre alt. Die Trotzphase hat er längst hinter sich, die grossen Emotionen sind aber noch da.
Ein schwieriges Kind! Ein kleiner Tyrann! Verhaltensauffällig! Das denken viele Aussenstehende, wenn sie den Bub und seine Familie in solchen Momenten beobachten. «Oscar ist nicht schwierig. Er ist gefühlsstark», sagt die deutsche Autorin Nora Imlau. Sie hat einen neuen wertschätzenden Begriff für herausfordernde Kinder in den deutschen Sprachraum gebracht. Mit Büchern wie «So viel Freude, so viel Wut» und dem Nachfolgeband «Du bist anders, du bist gut», mit Vorträgen, auf Social Media. Jedes siebte Kind sei so, schreibt sie.
Die Extremvariante jeder Emotion
So bedeutet: so voller Gefühle – massive Wut, grosser Ärger, tiefer Frust. Aber eben auch innige Freude, bewundernswerte Leidenschaft, starkes Mitgefühl, hohes Gerechtigkeitsempfinden. Imlau nennt gefühlsstarke Mädchen und Buben auch «Mehr-von-allem-Kinder», weil sie nur die Extremvariante jeder Emotion kennen. «Gefühlsstarke Kinder sind sehr reizoffen, sie benötigen viel Aufmerksamkeit und Nähe», sagt Imlau. Dazu kommen ein starker Wille, hoher Bewegungsdrang, tiefer Schlafbedarf. Und sie sind laut. Kein Wunder fordern diese Kinder ihr ganzes Umfeld.
Imlau ist vierfache Mutter. Während des Telefoninterviews ist es ruhig bei ihr. Die Kinder sind weg. Imlau ist erkältet, doch auch nach einem heftigen Hustenanfall redet sie ohne Pause weiter.
Selbstregulation fällt schwer
Mehr als eines ihrer Kinder sei wohl gefühlsstark, sagt sie. So genau kann sie das nicht sagen: «Das ist ja keine Diagnose, sondern ein Soft-Label. Es hilft, zu verstehen, warum sich mein Kind anders verhält als andere.» Schon seit vielen Jahren setzt sich Imlau mit dem Thema auseinander. Im Familienalltag kann sie noch immer nicht darauf vertrauen, dass alles läuft, wie geplant. «Ich muss stets damit rechnen, dass etwas Kleines das Kind aus der Bahn wirft.» Schon falle es aus der Selbstregulation heraus und benötige Co-Regulation. Also die Eltern. Ein «Reiss dich mal zusammen» mache dann alles nur schlimmer.
Gefühlsstarke Kinder fahren viele Stunden am Tag Achterbahn durch intensive Gefühle. Mama und Papa reisen mit. Oscars Eltern wollen ihren Sohn liebevoll begleiten, auch Imlaus Bücher stehen in ihrem Regal. Aber dann sind da wieder die abschätzigen Blicke anderer Mütter und Väter, deren Kinder fast immer kooperieren. Abends fragen sich die beiden doch: «Machen wir etwas falsch?»

Maria Herzog
Nora Imlau ist eine deutsche Journalistin und Buchautorin. Sie ist Mutter von vier Kindern. Sie schreibt vor allem über Familienthemen und ist eine bekannte Vertreterin der bindungsorientierten Elternschaft. Sie hat im deutschen Sprachraum den Begriff der gefühlsstarken Kindern geprägt und mehrere Bestseller dazu verfasst. ➺ www.nora-imlau.de
Ein Persönlichkeitsmerkmal
Imlau wird nicht müde, Eltern gefühlsstarker Kinder zu bestärken. «Gefühlsstärke ist weder eine Krankheit noch eine Störung und auch kein Ergebnis falscher Erziehung. Gefühlsstärke ist nur eine Spielart der Persönlichkeitsentwicklung.» Diese Kinder seien so zur Welt gekommen, wiederholt sie fast mantramässig. «Die ganzen Stürme, die im Inneren toben, alleine zu überstehen, geht bei ihnen einfach noch nicht», sagt Imlau.
Drama, Drama Baby
Dafür gibt es einen wissenschaftlichen Grund: Die Amygdala, der Teil des Gehirns, der Gefahren und Stress frühzeitig erkennt, ist bei gefühlsstarken Kindern leicht vergrössert. Der Vagusnerv, der für die Beruhigung zuständig ist, ist hingegen schwach ausgeprägt. Der frontale und präfrontale Kortex könnte das ausgleichen. Doch er beginnt erst ab dem siebten Lebensjahr, zu arbeiten. So kann jedes Haarkämmen in einem epischen Drama mit mehreren Akten enden. Und bleibt eine erwartete Geburtstagseinladung aus, ist das Grund genug für drei Tage schlechte Laune.
In solchen Momenten sind gefühlsstarke Kinder auf Erwachsene angewiesen, die sie nicht als Dramaqueens oder -kings abstempeln. Die ihnen helfen, mit den grossen Emotionen gut umzugehen. Die sie dabei unterstützen, sich so zu verhalten, dass sie nicht schon wieder zu viel, zu laut für Freunde, Schulkollegen, Grosseltern sind. «Ein langer, diffiziler Prozess», sagt Imlau.

Kuscheln statt Tadeln
Strafen, Verbote und andere autoritäre Erziehungsmassnahmen brächten nichts, betont sie. Gefühlsstarke Kinder würden sich nur dagegen wehren und verausgaben, bis sie keine Kraft mehr haben. «Dabei brauchen sie die doch, um sich draussen anzupassen.» Was hilft: Einfühlsamkeit statt Tadel, Kuscheln statt aufs Zimmerschicken. Der Vagusnerv, den es zu aktivieren gilt, spricht auf körperliche Nähe, Rückversicherung und leise, beruhigende Worte an.
# > «Kinder, die liebevoll durch dunkle Gefühle begleiten werden, entwickeln mehr Selbstwirksamkeit als Kinder, die man mit ihrem emotionalen Stress alleine lässt.»
Das sei keine Verweichlichung, ist Imlau überzeugt. «Das entspricht dem neuesten Forschungsstand in der Entwicklungspsychologie.» In der Schule ruhig sitzen, in der Pause soziale Kontakte knüpfen, anstrengend für gefühlsstarke Kinder. Und dann bricht, kaum daheim, ein Gefühlstsunami aus ihnen heraus. Oscar schimpft über das Essen, über die Eltern. Die Mädchen und Buben seien in solchen Momenten nicht frech, sondern müde, überfordert und traurig, meint Imlau. «Erleben sie das Zuhause als Schutzort, ist das eine wertvolle Ressource, die sie trägt.»

Wie schafft man das?
Sich auch beim heftigsten Gefühlssturm wie ein stoischer englischer Butler zu verhalten, empfiehlt Imlau Eltern deshalb. Leichter gesagt, als getan. «Ja, solche Kinder zu begleiten, ist sehr anstrengend, und das über viele, viele Jahre hinweg», sagt sie. Auch weil das Wesen der Kinder widersprüchlich sei. Sie pendeln zwischen Freiheitsdrang und Extraschmusen, sind tagsüber Abenteurer, nachts verlangen sie einen Platz im Familienbett zwischen Mama und Papa.
Ticken diese Kinder aus (und das Tun sie regelmässsig), würden viele Eltern gerne flüchten, raus in die Natur, ins Yoga, Hauptsache Abstand vom Kind. Und genau dann klammern sie sich fester denn je an ihre Co-Regulatoren. «Wie soll ich da selbst ruhig bleiben?», erzählt die Mutter von Oscar. Anfänglich habe sie versucht, in der Waschküche sich und ihren Gefühlen Raum zu verschaffen. Oscar folgte ihr stets. Heute sitzen sie zusammen ins Auto und fahren dem Gefühlssturm davon. «Er vorne neben mir, ich eine Hand bei ihm, die andere am Steuer.»
Auch diese Kinder brauchen Grenzen
Eltern gefühlsstarker Kinder seien gefährdet, auszubrennen, warnt Imlau. «Gut auf die eigenen Ressourcen achten», meint sie. Auch gefühlsstarke Kinder brauchen klare, altersgerechte Grenzen. «Und persönliche. Nicht, weil das einfach so ist, sondern weil ich als Mutter das Kind verständnisvoll begleiten möchte, bis es gross ist. Dafür benötige ich Kraft. Und die muss ich mir holen.» Nora Imlau pocht auf ihre Tasse Nachmittagstee. «Die ist mir heilig.» Tagsüber mehr Pausen einlegen, nicht die Erholung auf den Abend verschieben, rät sie weiter. «So haben Eltern um 20 Uhr noch genug Energie, um das Kind in den Schlaf zu begleiten, ohne auszurasten.» Sonst wird das nichts mit Feierabend.
Gefühlsstarke Kinder beim Grosswerden zu begleiten, sei wie eine Therapie. Eine, für die man sich nie angemeldet hat, sagt Imlau. Sie bringen Eltern an Belastungs-, an Schamgrenzen. «Vielleicht hat man als Kind gelernt, alle dunklen Gefühle herunterzuschlucken. Und nun steht da dieser Bub, der intensiv wütet, oft trauert. Man kommt so mit seinen Verletzungen in Kontakt», sagt Imlau.
Verbrecher und Chefs?
Wie ergeht es diesen Kindern im Leben, wenn sie raus aus der Schule sind, nicht mehr kuscheln wollen, um sich zu beruhigen? Eine Frage, die viele Eltern umtreibt. «Sie können in einem Bandenkrieg enden oder in der Führungsetage», schreibt Imlau in ihren Büchern. Sie seien überdurchschnittlich glücklich oder unglücklich – auch als Erwachsene. Man dürfe die Stärken gefühlsstarker Kinder nicht ausblenden. Die Gabe, sich in andere hineinzuversetzen, das Gerechtigkeitsempfinden. «Die Klassensprecherrolle zum Beispiel passt total gut zu ihnen. Sie sind Rohdiamanten, in denen viel Tolles steckt.» Man muss es nur herausarbeiten.
Pubertät nur halb so schlimm
Im Alter von etwa neun Jahren entspannt sich die Situation gemäss Imlau oft. Dann reife das Gehirn ein weiteres Stück. Und wenn die Freundinnen und Freunde in der Pubertät ihre ersten richtigen Gefühlsausbrüche erleben, sind gefühlsstarke Kinder plötzlich eine Nasenlänge voraus. Weil sie die Konzepte schon erlernt haben, die jetzt helfen. «Natürlich lassen sie die Pubertät nicht aus. Sie finden aber oft schnell ein Ventil. Themen, für die sie sich einsetzen wollen. Für die Umwelt zum Beispiel», sagt Imlau.

Fast täglich Dankesmails
In der klassischen Erziehungsratgeberwelt, geprägt von älteren männlichen Autoren, oft mehr Ernährer als Erzieher, fällt Nora Imlau auf. Sie ist 39 Jahre alt, nahe bei den Leserinnen und Lesern, weiss aus eigener Erfahrung, worüber sie schreibt. Vier Bücher in vier Jahren hat sie über gefühlsstarke Kinder herausgebracht, drei sind unterdessen Bestseller. Es scheint, als hätten Eltern nur auf Imlaus wertschätzenden Begriff für herausfordernde Kind gewartet. «Fast jeden Tag bekomme ich Dankesmails», sagt sie denn auch. Was macht ihren Erfolg aus? Ihre Bücher seien anders, sagt sie. Sie seien auf regulationsschwache Kinder ausgelegt, nicht auf regulationsstarke wie üblich.
Eltern, die so viel Verständnis für die extremen Gefühle und Probleme ihres Kindes aufbringen, verharmlosen sie vielleicht auch und unterlassen Abklärungen, die nötig wären. «Das wäre schlecht und nicht meine Absicht», betont Imlau. Treten grosse Probleme im Alltag auf, rät sie, den Kinderarzt oder eine Fachperson aufzusuchen. Kinder könnten gefühlsstark sein und ADHS haben, gefühlsstark und autistisch sein. «Es gibt eine erhöhte Schnittmenge.»
Keine wissenschaftliche Grundlage
Doch was hält die Wissenschaft von gefühlsstarken Kindern? «Das ist ein passender, positiver Begriff. Gerade für Eltern, die bei ihren Kindern nicht nur die Nachteile sehen wollen», sagt Sonja Perren vom Lehrstuhl Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit der Universität Konstanz und Pädagogischen Hochschule Thurgau. «Für die Forschung aber ist er zu wenig präzise. Wir verwenden ihn nicht», sagt sie. Kinder, die nicht mit ihren Gefühlen umgehen können, würden an einer Emotionsdysregulation leiden.
Probleme nicht ignorieren
Tönt nicht ganz so nett und deutlich problematischer. «Man darf diese Wesensart auch nicht vernachlässigen. Sie kann viele Probleme im Alltag auslösen. Schwierigkeiten im Sozialen, Schwierigkeiten im Schulischen», sagt Perren. Wichtig sei das emotionale Klima zu Hause. «Viele Konflikte erschweren die Selbstregulation. Eltern sollten im Umgang mit Gefühlen ein Vorbild sein.» Sie rät, regelmässige Emotionscoachings einzuplanen. «Über Gefühle, über Situationen reden, in den Arm nehmen, Strategien entwickeln. Das hilft, das macht stark.»
Imlau will mit ihren Büchern die Probleme mit gefühlsstarken Kindern nicht kleinreden. Sie will erreichen, dass die Gesellschaft gefühlsstarke Kinder und deren Eltern nicht weiter verurteilt. Ihre Lebensaufgabe sei es, so schreibt sie auf Instagram, ihre Kinder zu verstehen. Das sei kein geradliniger Weg, es gebe Rückschläge. An schlechten Tagen redet sie sich gut zu: «Jedes Drama ist eigentlich ein Vertrauensbeweis. Weil das Kind weiss, hier darf es sein, wie es ist.