
Patric Sandri
Psychologie
Wenn erwachsene Kindern den Kontakt abbrechen
Philipp spricht seit Jahren nicht mehr mit seinen Eltern, seine Kinder haben ihre Grosseltern nie gesehen. Wie kommt es zu solchen recht häufigen Entfremdungen. Und was kann man dagegen tun?
Eigentlich wohnen Philipps Eltern nur einige Kilometer entfernt, mit dem Auto wären es nur Minuten – doch diesen Weg ist der 36-Jährige schon lange nicht mehr gefahren. Seit fast fünf Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Ihren vierjährigen Enkelsohn haben diese noch nie gesehen, von der Existenz der zweijährigen Enkelin wissen sie gar nichts.
Das klingt tragisch, nach grossem Drama und viel Streit. Doch für das immer grösser werdende Schweigen zwischen den Generationen gab es keinen konkreten Vorfall. «Es gab keinen Knall, keinen schlimmen Vorfall. Wir sind uns einfach immer fremder geworden», erzählt der 36-Jährige am Telefon. Seinen richtigen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen. Anfangs dachte Philipp noch: «Nur mir geht es so mit meinen Eltern.» Heute weiss er aus vielen Gesprächen mit Freunden: Das Gegenteil ist der Fall! Doch über Funkstille und emotionale Distanz zu Mutter und Vater reden die meisten nur sehr ungern.
Jede*r fünfte Befragte hat sich von seinem Vater entfremdet
Tatsächlich zeigt eine Erhebung von Soziolog* innen der Universitäten Halle und Köln: Erstaunlich viele Menschen entfremden sich von ihren Eltern. Für die Studie wurden Antworten von mehr als 10 000 Teilnehmenden des deutschen Familienpanels aus zehn Jahren ausgewertet. Demnach hat sich jede oder jeder fünfte Befragte von seinem Vater entfremdet, jede zehnte Tochter oder jeder zehnte Sohn von der Mutter. Wobei die Forschenden entfremdet wie folgt definierten: weniger als einmal im Monat Kontakt und keine Nähe.
Bei Selbsthilfe Schweiz sind neun Gruppen unter dem Titel «Kontaktabbruch» gemeldet, sowohl Eltern wie auch Kinder, treffen sich hier regelmässig. Das Thema wühlt auf – auf beiden Seiten. Auffällig: Viele Eltern können sich nicht erklären, warum ihre Kinder sie nicht mehr sehen wollen. Sie leiden still, nachdem sie oft jahrelang alles versucht haben. Doch ihre Briefe bleiben unbeantwortet, Geschenke werden zurückgeschickt. Oft erfahren sie nur noch über Social Media, wie es ihren Kindern geht.
"Ich habe mir wohl zu viele Sorgen gemacht"
Schrecklich sei das, kaum auszuhalten, sagt Petra Fischbacher. Vor acht Jahren hatte sie das letzte Mal Kontakt mit ihrer heute 32-jährigen Tochter Lisa. Schwierig war das Verhältnis seit der Pubertät der Tochter. Früh ist sie ausgezogen, in eine andere Stadt. Bei den immer unregelmässigeren Besuchen wurde viel gestritten: über Geld, Verantwortung, die falschen Freunde. «Ich habe mir einfach so viele Sorgen gemacht, war wohl oft etwas zu streng in meiner Angst», erzählt Petra am Telefon. Und dann war die Tochter irgendwann weg. «Sie hat mir geschrieben, dass es für sie besser sei, keinen Kontakt mehr mit uns zu haben, es ziehe sie zu sehr runter.»
Abnabelung misslungen
Bis zu seinem 23. Lebensjahr hatte Philipp ein enges und gutes Verhältnis zu seinen Eltern. Risse bekam die Beziehung, als er nach Abschluss seines Bachelorstudiums auszog und sich abnabelte. Statt seine akademische Laufbahn fortzusetzen, beschloss er, zunächst ein Praktikum in der Pflege zu absolvieren; gleichzeitig lernte er seine erste ernsthafte Freundin kennen. «Ich war das erste Mal richtig von zu Hause weg, und fast alles änderte sich schlagartig», erzählt er. Bestimmte vorher die Familie sein Leben, entschied nun er alleine. «Für meine Eltern, die sehr klare Vorstellungen davon haben, wie etwas zu laufen hat, war dies schwer zu akzeptieren.»
Auszug und Abnabelung seien klassische Lebensphasen, in denen sich Eltern und Kinder entfremden könnten, sagt Psychotherapeutin Claudia Haarmann. Die 70-Jährige ist Expertin für distanzierte Eltern-Kind-Verhältnisse. In ihre Praxis in Essen kommen Betroffene aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, die an der emotionalen Kälte zwischen den Generationen leiden. Meist sind es die erwachsenen Kinder, die den Kontakt zu den Eltern abbrechen oder langsam ausschleichen lassen.
Doch weshalb kommt es überhaupt zum Bruch? «Was wir als Kinder im Elternhaus erleben, erscheint uns als Normalität», sagt Haarmann. «In jungen Jahren stellen wir das nicht infrage, identifizieren uns mit unseren Eltern.» Erst die Pubertät schaffe eine Distanz; später komme der Auszug, eine Partnerschaft oder Beziehungen hinzu: «Wir umgeben uns nun mit Menschen, die wir bewusst auswählen, die uns guttun – an diesem Punkt passiert oft der tatsächliche Abnabelungsprozess vom Elternhaus.»
Mutter und Vater wünschen sich in der Regel, dass ihr Kind einen guten Platz im Leben findet und Stabilität in Partnerschaft wie Beruf erfährt. Hat der Nachwuchs jedoch andere Bedürfnisse, prallen unterschiedliche Blickwinkel aufeinander. Die entscheidende Frage lautet dann: Können Eltern akzeptieren, dass der Nachwuchs andere Prioritäten setzt und sich nicht so entwickelt, wie sie es sich vorgestellt haben? Gelingt ihnen das nicht, baut sich zwischen ihnen und dem Kind womöglich eine immer grösser werdende Distanz auf. Meist beginnt dies im Kleinen. So, wie bei jener Studentin, die über das Wochenende zu ihren Eltern fährt und bereits an der Türschwelle aus dem Mutterblick den stillen Vorwurf herausliest: «Wie siehst du denn wieder aus?» Dabei realisiert die Tochter: «Meine Eltern wünschen sich mich anders.» Im Laufe des Wochenendes summieren sich vielleicht weitere scheinbar kleine Dinge. Etwa, wenn der Vater zielorientiert fragt: «Wie ist die Prüfung gelaufen?», anstatt zuerst mal mitfühlend: «Wie geht es dir? Was treibt dich gerade um?» Es entstehen erste feine Risse in der Eltern-Kind-Beziehung, die sich auf Dauer zu einer Kluft auswachsen können.
Viel Druck, wenig Liebe
«Mit ihren auch unausgesprochenen Erwartungen vermögen Eltern sehr viel Druck auszuüben», sagt die Psychotherapeutin. «Viele Betroffene berichten von Lieblosigkeit, Leistungsdruck und Forderungen, die sie als Stress erleben. Sie fühlen sich abgelehnt, nicht gehört und gesehen.» Die Folge: Das erwachsene Kind zieht sich zurück, telefoniert immer seltener, lässt sich irgendwann nur noch an Weihnachten blicken.
Auch bei Philipp und seinen Eltern verlief der Prozess schleichend. Beschuldigungen und verletzende Bemerkungen von Mutter und Vater häuften sich: weshalb er nicht sofort den Master anschliesse. Warum er nicht erzähle, dass seine Freundin bei ihm – in der Wohnung, die der Grossmutter gehört – ein und aus geht. Irgendwann stellen ihm die Eltern ein Ultimatum, gaben ihm vier Stunden Zeit, um seine noch im Elternhaus verbliebenen Sachen abzuholen. «Mir ist klar, dass meine Eltern einer anderen Generation angehören», sagt Philipp, «ich selbst habe sicher auch oft nicht gut reagiert. Aber dass sie keine meiner Entscheidungen akzeptieren konnten und alles kritisierten, war zermürbend.»
Es folgen einige Jahre, in denen sich Annäherungsversuche und Rückschritte abwechseln. Als er mit seiner heutigen Partnerin Nachwuchs erwartet, lädt das Paar Philipps Eltern ein und verkündet die frohe Botschaft. «Es war ein sehr herzliches Treffen», erinnert sich Philipp, «meine Eltern haben sich wirklich gefreut.»
Ein eingeschriebener Brief
Sieben Tage später jedoch erhält er einen eingeschriebenen Brief, in dem Mutter und Vater ihr Befremden bekunden, dass ihr Sohn in Zukunft nur 60 Prozent arbeiten will, um sich um sein Kind zu kümmern. Auch dass das junge Paar nicht heiraten will, kritisieren die Eltern. «Das war ein Schlag ins Gesicht», sagt Philipp. «Vor allem, weil sie für diese Mitteilung einen derart schrägen Kommunikationskanal gewählt haben. Soll ich die Kämpfe weiterführen, nur um dann doch wieder enttäuscht zu werden?», fragte er sich damals. Und beschliesst: «Ich will mir das nicht länger antun.» Seither kursieren zwischen Sohn und Eltern lediglich ein paar wenige Geburtstags-SMS pro Jahr.
Philipp, 36
Oft ein vererbtes Problem
Doch wo beginnt das Ganze? Wo hätte man ansetzen müssen, um die Entfremdung zu verhindern? «99 Prozent der Menschen, die mit mir Kontakt aufnehmen haben Eltern, die selbst in hochproblematischen Beziehung zu Mutter und Vater stehen», sagt Haarmann. Es handelt sich also meist um ein transgenerationales Problem. Oder anders gesagt: Haben Eltern in ihren frühen Bindungserfahrungen nicht erlebt, wie es ist, Nähe zuzulassen, wirkt sich das auch auf das Verhältnis zu ihren eigenen Kindern aus. Was nicht verwunderlich ist – schliesslich prägt die Eltern-Kind-Beziehung extrem, ist sie doch die erste Beziehung im Leben eines Menschen.
Wie wichtig Beziehungen sind und welche Art von Verbundenheit wir Menschen brauchen, ist allerdings noch ein sehr junges Thema. «Heutige junge Eltern sind hier viel sensibler, trauen sich zu fühlen und legen eher den Finger auf Beziehungswunden», sagt Haarmann. Viele kommen auch zu ihr, weil sie die Muster der eigenen Eltern nicht an ihre Kinder weitergeben möchten – «während meine Generation noch gelernt hat, mit der Faust in der Tasche Weihnachten zu feiern».
Wird es künftig also weniger Entfremdungen zwischen Eltern und Kindern geben, weil junge Eltern heute mit ihrem Nachwuchs besser über Gefühle reden können? Die Psychotherapeutin ist skeptisch: «Das elterliche Unvermögen, Nähe zuzulassen, gepaart mit Druck, Forderungen sowie Kühle und Kälte in der Familie, ist nur ein Grund, weshalb sich Kinder von Eltern entfremden.» Tatsächlich bricht mancher Nachwuchs auch aufgrund zu viel Nähe den Kontakt zu Mutter und Vater ab. «Ich könnte mir sogar vorstellen, dass dieser Grund für Entfremdung noch zunimmt und das Pendel zurückschlägt», sagt Haarmann. Denn: Wer als Kind zu wenig Nähe erfahren hat, versucht oft, dies bei eigenen Kindern gutzumachen und überkompensiert leicht. Oft genug sitzen Klienten bei Haarmann, die sagen: «Ich halte diese Nähe nicht mehr aus, mir fehlt die Luft zum Atmen.»
Was hilft?
Wie jedoch begleiten Eltern ihr Kind beim Aufwachsen idealerweise – so, dass eine dauerhafte und nahe Beziehung entsteht? «Hier gilt es, die Balance zu finden zwischen Nähe und Autonomie», sagt die Psychotherapeutin. Kleine Kinder brauchen Geborgenheit, Halt und ein Gefühl von Sicherheit. Werden sie gross, gilt es allerdings auch zu akzeptieren, dass der Nachwuchs seinen eigenen Weg einschlägt. Konkret bedeutet dies: Eltern sollten mit ihren Kindern wertfrei und auf Augenhöhe kommunizieren, echtes Interesse zeigen und vor allem zuhören. Den Kontakt zu den eigenen Eltern abbrechen oder immer weniger werden lassen, ist oft das letzte Mittel. Kinder, die sich dafür entscheiden, tun dies in der Regel aus Selbstschutz. $
«Die meisten sagen: Ich liebe meine Eltern – aber so, wie es jetzt ist, kann ich nicht weitermachen», berichtet Haarmann. «Für mich sind Kontaktabbrecher* innen deshalb die eigentlichen Helden: Sie trauen sich, auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht gut laufen.» Dabei – und das betont die Fachfrau immer wieder – gehe es nicht um elterliche Schuld, sondern eher um Unvermögen. Mutter und Vater wollten in der Regel ja nur das Beste für ihr Kind. Läuft in der Beziehung etwas schief, geschieht dies meist aus Unwissenheit. Wichtig sei es dann, dass Eltern zuhören und Fehler eingestehen können. Überhaupt ist in Verbindung bleiben und offen miteinander reden die beste Prävention. Schliesslich entfremden sich Eltern und Kind nicht von heute auf morgen – diese Entwicklung bahnt sich vielmehr langsam an.
Kontaktabbrüche sind selten endgültig
Die gute Nachricht lautet jedoch: Die meisten Entfremdungen und Kontaktabbrüche sind nicht endgültig. Dies zeigt auch die deutsche Studie: So näherten sich in 62 Prozent der Fälle die Kinder ihrer Mutter wieder an und 44 Prozent ihrem Vater. Die Geburt von Enkelkindern kann helfen. Doch auch hier sind Klarheit und eine grosse Portion Gelassenheit von beiden Seiten essenziell: Junge Eltern müssen erst herausfinden, wie viel Unterstützung und Rat sie möchten. Grosseltern hingegen sollten zunächst abwartend zur Seite stehen und Hilfe nur anbieten, wenn diese gewünscht wird.
«Ich hege keinen Groll gegenüber meinen Eltern», sagt Philipp. Die wenigen zwischen ihnen ausgetauschten SMS bereiten ihm keine schlaflosen Nächte mehr. Auch eine Annäherung kann er sich vorstellen – «im Moment wüsste ich allerdings nicht wie». Wollen seine Kinder irgendwann mal Kontakt zu seinen Eltern, möchte er dem jedenfalls nicht im Wege stehen. «Die beiden wären sicher tolle Grosseltern», sagt er. «Schade, dass sie jetzt schon vier Jahre verpasst haben.»
Claudia Haarmann: Kontaktabbruch in Familien. Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint. Orlanda-Verlag 2019. Fr. 40.–
Einst Redaktorin beim «Tages-Anzeiger», später Korrespondentin in Shanghai, schreibt Kristina Reiss heute als freischaffende Journalistin leidenschaftlich über den Mikrokosmos Familie. Dabei interessiert sie sich für alles, was Menschen bewegt – ihre Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen.