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Psychologie
Warum Kinder verstummen
Von Martina Huber
Kinder, die zu Hause lebhaft erzählen – und in Kinder- garten und Schule über Monate kein Wort sagen: Psychotherapeutin Franziska Florineth begleitet Kinder mit selektivem Mutismus. Sie erklärt, warum frühe Hilfe wichtig ist und wie Kinder ihre Stimme zurück- gewinnen können.
Wann genau Hiro* im Beisein anderer Leute zu sprechen aufhörte, weiss Diana* nicht mehr so genau. Ihr erstgeborener Sohn sprach sehr früh und deutlich – so gut, dass Eltern und Verwandte ihn ausgiebig dafür lobten und Dinge riefen wie: «Wow, du kannst ja schon super sprechen!» Irgendwann sprach Hiro dann nur noch mit seinen Eltern, seinem kleinen Bruder und manchmal noch mit anderen Kindern. Erwachsene hörten seine Stimme nie: Kamen Freunde oder Verwandte zu Besuch, verstummte der Junge oder flüsterte nur noch ins Ohr seiner Mutter. Auf dem Spielplatz unterhielt er sich so leise mit den anderen Kindern, dass er auf Distanz nicht zu hören war. Ob und wie viel Hiro im Kindergarten sprach, weiss Diana nicht: Die Kindergärtnerin habe sie nie speziell darauf angesprochen. Aber vielleicht fiel es auch einfach niemandem auf wegen seines Migrationshintergrunds und weil Deutsch für ihn eine Fremdsprache war. So war er bereits im grossen Kindergarten, als Diana von einer Freundin ein Video über selektiven Mutismus und Kinder erhielt, die in bestimmten Situationen nicht sprechen – versehen mit der Frage: Du, ist das nicht genau dein Hiro? Und wirklich: Diana erkannte ihren Sohn sofort wieder. «Da wusste ich: Ich muss aktiv werden», sagt sie.
Blockiert in einer unsicheren Welt
Selektiver Mutismus zählt laut der sogenannten ICD-11, dem internationalen Klassifikationssystem für Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO, zu den Angststörungen. Betroffene Kinder sprechen in bestimmten Situationen – typischerweise zu Hause – völlig normal. In anderen Situationen, oft in der Kita, im Kindergarten oder in der Schule, bringen sie kein Wort heraus, selbst wenn sie es möchten. Die Störung hält mindestens einen Monat an, ist nicht auf den ersten Kita- oder Schulmonat beschränkt und so schwerwiegend, dass sie die schulischen Leistungen oder die soziale Kommunikation beeinträchtigt. «Ein schüchternes Kind antwortet, wenn es angesprochen wird – wenn auch gehemmt und nach einer gewissen Aufwärmzeit», sagt Franziska Florineth. «Ein mutistisches Kind aber bleibt in bestimmten Situationen wirklich stumm – und das nicht eine halbe Stunde lang, sondern über Wochen, Monate, im schlimmsten Fall über Jahre hinweg.»
Florineth ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Winterthur, Mitherausgeberin des Fachbuchs «Das stille Kind ist das vergessene Kind» und hat die letzten 25 Jahre über hundert selektiv mutistische Kinder begleitet. Ihr Urteil: «Das typische mutistische Kind gibt es nicht!» In welchen Situationen, gegenüber welchen Personen und an welchen Orten die Sprechangst überhandnehme, sei sehr unterschiedlich: Das Spektrum reiche von Kindern, die nur in der Schule oder mit ganz bestimmten Lehrpersonen nicht sprechen, bis hin zu solchen, die nur im Schutz der eigenen vier Wände mit engsten Familienangehörigen sprechen und komplett verstummen, wenn eine Nachbarin direkten Blickkontakt suche oder ein freundliches «wie geht es dir?» äussere. «Oft werden diese Kinder von ihrem Umfeld als unhöflich und schlecht erzogen wahrgenommen, weil sie den Blick abwenden, nicht grüssen, sich nicht bedanken», sagt Florineth.
«Dabei möchten sie sprechen, aber in bestimmten Situationen können sie es einfach nicht.» Als Erklärung für dieses Verhalten finden Florineth und andere Mutismusfachleute das Unsafe-World-Modell treffend, das Forschende der Universitätsspitäler Zürich und Würzburg vor ein paar Jahren vorstellten: Es erklärt Mutismus als Stressreaktion des Körpers auf Situationen, die als subjektiv unsicher erlebt werden. Wird ein Schwellenwert erreicht, wird ein «Freeze-Zustand» ausgelöst – das Kind kann nicht mehr sprechen und ist auch körperlich völlig blockiert. Schätzungsweise 7 bis 20 von 1000 Kindern sind laut Studien betroffen, sagt Florineth. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt, aber Kinder von Eltern mit schüchternängstlichem Naturell sind häufiger betroffen. Auch ein Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit sind Risikofaktoren, Mutismus tritt da bis zu viermal häufiger auf. Sprachentwicklungsstörungen gelten ebenfalls als Risikofaktor. Damit sich solche Muster nicht dauerhaft in der Persönlichkeit festsetzen, ist es laut Florineth wichtig, so früh wie möglich zu intervenieren: «Dann stehen die Chancen gut, den Mutismus ganz zu überwinden», sagt sie. «Allerdings ist dazu sehr viel Geduld, interdisziplinäre Zusammenarbeit und auch Kreativität nötig, um für jedes Kind eine gute Lösung zu finden.»
Ausprobieren und viele kleine Schritte
«Ich habe Hiro nie Druck gemacht oder ihn gezwungen, zu sprechen», sagt Diana. «Aber wir haben sehr vieles ausprobiert, um zu schauen, was ihm helfen könnte.» Zunächst ging sie mit ihm zu einem Therapeuten in Traditioneller Chinesischer Medizin, den eine Freundin ihr empfohlen hatte. Dieser zeigte dem Jungen unter anderem einen «Mutpunkt» auf dem Unterarm, den er immer dann drücken könne, wenn er noch mutiger sein wolle. Während der Therapiesitzung sprach Hiro nicht. Er hörte aber aufmerksam zu, und auf dem Nachhauseweg sprach er im Zug mit seiner Mutter. Nicht laut, aber doch mit etwas Stimme und so, dass die Person im selben Zugabteil ihn hören konnte. «Das hatte er so noch nie gemacht, und für mich war das ein gutes Zeichen», sagt Diana.
Wegen der langen Anreise und komplizierten Krankenkassen-Absprachen fuhren sie nur noch einmal hin. Aber den Mutpunkt nutzte Hiro fortan regelmässig. Auch, als er sich zusammen mit seiner Mama auf den Besuchstag in der ersten Klasse vorbereitete. Sie hätten die Begegnung mit dem zukünftigen Lehrer zusammen vorbesprochen und geübt – und am Besuchstag gelang es Hiro tatsächlich, ihm die Hand zu schütteln und Hallo zu sagen. «Was für andere Kinder selbstverständlich ist, war für uns beide ein Erfolgserlebnis», erinnert sich Diana. Als Hiro in die Schule kam, sprach Diana das Thema Mutismus mit den Lehrpersonen an. Auf Empfehlung des Kinderarztes machte Hiro eine Psychotherapie. Er ging gern hin. Und im Unterricht begann er zu sprechen, wenn die Erstklässler unter sich waren. Leise zwar, aber er sprach. Nach Abschluss der Psychotherapie, aufs zweite Schuljahr hin, wollte Diana noch einmal etwas anderes ausprobieren.
Sie schlug ihm einen Chor vor, aber Hiro durchschaute sie: «Ich weiss schon, warum du mich da hinschicken willst, Mami! Du willst, dass ich sprechen kann. Aber ich will da nicht hin.» Stattdessen meldete sie ihn für Musiktherapie an, musizieren wollte er gerne. «Die Therapeutin warnte mich, dass ich keine schnellen Fortschritte erwarten dürfe – und wir waren beide positiv überrascht, dass Hiro schon nach wenigen Sitzungen begann, mit ihr zu sprechen», erinnert sich Diana. Auch in der Schule, wo er nun in der gemischten Ersten-Zweiten-Klasse zu den Grossen gehörte, traute er sich nun, mehr und mehr zu sprechen.
Diana, Mutter von Hiro.
Neben solchen Erfolgserlebnissen hätten sie manchmal auch schwierige Situationen erlebt, erzählt Diana. Besonders ein Zahnarztbesuch blieb ihr in schlechter Erinnerung. Als Hiro beim Zahnarzt den Mund nicht öffnete und nicht reagierte, verlor dieser die Geduld und fuhr ihn an: «Du musst mit mir sprechen!» Hiro zog sich erst recht zurück, und sie gingen, ohne dass das Loch geflickt war. Diana wechselte den Zahnarzt und informierte diesen im Voraus, dass ihr Sohn in solchen Situationen nicht spreche, worauf der nächste Zahnarztbesuch erfolgreich verlief.
Die Beziehung ist entscheidend
«Die genaue Therapieform ist zweitrangig», sagt Franziska Florineth. Wichtiger sei, dass Therapeut:innen Erfahrung mit Mutismus mitbringen und eng mit Eltern und Lehrpersonen zusammenarbeiten. Und dass Lehrpersonen und Therapeut:in versuchen, von Anfang an eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind aufzubauen – dass sie es zum Beispiel zum ersten Kennenlernen im eigenen Zuhause besuchen, im Beisein der Eltern, der Geschwister. «Selbst wenn es dann noch nicht spricht, merkt das Kind: Diese Person ist sicher, meine Eltern haben sie ins Haus gelassen», sagt Florineth. Manchmal lädt sie auch Geschwister zu den ersten Therapiesitzungen ein – als Brückenbauer. «Geschwister geben oft viel Sicherheit.
Und wenn das mutistische Kind sieht, wie sein Bruder oder seine Schwester mit mir spricht und spielt, bekommt es oft selbst Lust mitzumachen.» So gelinge es oftmals viel schneller, auch ausserhalb des Zuhauses eine Beziehung des Vertrauens aufzubauen. Hilfreich seien auch einfache Körperübungen, die Kinder in Stresssituationen selbst anwenden können: sich schütteln, auf der Stelle hüpfen, sich an eine Wand lehnen und bewusst atmen – oder eben wie in Hiros Fall einen Mutpunkt drücken. «Das beruhigt das Nervensystem, und Kinder haben so ein Werkzeug, das sie überall einsetzen können, auch wenn keine Therapeutin danebensteht», sagt Florineth.
Nicht zuletzt sei auch wichtig, einem Kind immer die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, selbst wenn es noch nicht spreche. Dass es beispielsweise in der Schule nicht einfach übersprungen werde im Kreis, weil es sowieso nichts sage. Da gelte es, kreativ zu sein und dem Kind Ideen vorzuschlagen, wie es trotzdem mitmachen kann. Etwa indem das Kind seinen Beitrag aufschreibt oder als Video aufnimmt. «Es ist aber wichtig, dass man nicht im Schriftlichen verharrt, sondern immer wieder Neues ausprobiert, und in kleinen Schritten aufs Sprechen zugeht», betont die Therapeutin.
So arbeite sie seit Kurzem mit einem Jugendlichen zusammen, der noch immer nur mit seiner engsten Familie spreche, und während seiner ganzen Schulzeit immer nur schriftlich kommunizieren durfte. Nun, wo er eine Lehre anfangen und den Einstieg ins Berufsleben schaffen sollte, sei das ein grosses Problem. Für ihn sei es nun viel schwieriger, aus diesen festgesetzten Mustern auszubrechen, als wenn er bereits als Primarschüler eine spezialisierte Therapie erhalten hätte, wie Hiro. Dieser ist inzwischen acht und startete im August sein drittes Schuljahr. Und Diana ist zuversichtlich. Etwas stolz erzählt sie, der Lehrer habe einmal berichtet, Hiro sei im Unterricht sogar zu laut gewesen. Für sie kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen, dass ihr Sohn sich nun auch in der Schule zunehmend verhält wie ein ganz normaler Junge.
*Namen anonymisiert
