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Morgenstress
Trödelt doch nicht so!
Die Morgenstunden mit Kindern haben es in sich. Die Zeit rast und niemand hat Lust, sich anzuziehen. Wir haben Eltern und andere Fachpersonen gefragt, was wirklich gegen den Morgenstress hilft.
Der Wecker klingelt um sechs. Duschen, ein schneller erster Kaffee, Zähne putzen, die Znüniboxen für die Kinder vorbereiten. Für das eine Tomaten und Reiswaffeln, für das andere auf keinen Fall Tomaten und Reiswaffeln. Frühstück für alle zubereiten. Die Katzen füttern, per SMS ein Spieltreffen bestätigen. Dann die Kinder wachkuscheln, ein Lieblingsmoment.
Danach folgen mal gute Morgen und mal andere, sagen wir, herausfordernde. Um die geht es hier. Kind 1 will doch nicht den Pullover von gestern anziehen, obwohl er noch frisch genug duftet. Es verschwindet für eine Viertelstunde in den Tiefen des eigentlich nicht so tiefen Kleiderschranks. Kind 2 will sich nicht selber anziehen. Am Müesli auf dem Esstisch hat sich unterdessen die Katze satt gefressen. Eine neue Schüssel muss her. Zwischen Frühstück und Zähneputzen bleibt bestimmt noch Zeit, um ein Freundschaftsband zu knüpfen oder eine Raketenstation aufzubauen. Nicht ? Echt nicht ? Sehr enttäuschte Blicke.
Es ist 7.30 Uhr. Kind 2 kann die Uhr noch nicht lesen, Kind 1 hat seine verlegt. Beide sollten los. Der Zeitpuffer – schon längst verpufft. Die Zähne, nur im Schnelldurchlauf geputzt. Die Haare, ungekämmt. Die Schuhe – immer noch nicht gebunden. Und, ach ja, es fehlen noch die Bücher für die Bibliothek. Sie liegen ganz hinten im Zimmer. Oder doch nicht ?
Beeilt euch, sonst kommt ihr zu spät ! Ihr müsst jetzt los ! Los ! Los ! Hab euch lieb ! Türe zu. Tief durchschnaufen, ab zur Arbeit. Die Sitzung fühlt sich fast an wie Pause im Vergleich zu dem, was gerade war. Und der Turnbeutel ? Liegt bestimmt noch in der Garderobe !
Kleidermännchen und Wecktheater
Der Morgenstress verbindet fast alle Familien, die Taktiken aus der Hektik herauszukommen sind verschieden. Kleider auf dem Boden auslegen, damit das Anziehen zum Vergnügen wird. Kleberli für gelungene Morgen verteilen. Meist wirkt es ein bisschen, nur nicht für immer. Ihre Tochter sei eine schlechte Aufsteherin, erzählt eine Mutter. «Ich wecke sie mehrmals, sie wickelt sich immer wieder in die Bettdecke ein.» Sie wolle nicht schimpfen so früh am Morgen, sagt die Mutter. «Also ziehe ich ihr den Pyjama aus. Sie friert und plötzlich geht es schnell mit Anziehen.» Eine andere Mutter schildert, wie sie ihr Kind mit einem kurzen Plüschtier-Theater weckt. «Meine Tochter antwortet den Tierchen, erkundigt sich, welche Tagespläne sie haben, legt sie schön hin und steht auf. Sie wird so schneller wach. Unterdessen freut sie sich schon am Abend zuvor auf das Wecktheater.» Immer die gleichen Abläufe, genügend Schlaf und Zeitreserven, das helfe morgens, sagt die Mutter. Und dass Papa mit dem Kind am Tisch sitzt und Kaffee trinkt. «Muss er los, ist es Zeit zum Zähneputzen. Ein Zeichen, das wirkt.»
Trotz aller Planung werde es immer wieder knapp, seufzt auch sie. Dann werden ihre Anweisungen präziser, irgendwann schärfer. «Dabei will ich gar keinen Druck auf das Kind ausüben. In der Schule wird viel von ihm verlangt, in der Tagesbetreuung muss es ebenfalls funktionieren. Daheim soll ein Ort der Entspannung sein.»
Wiederum eine andere Mutter startet den Tag mit Musik. Kein Wecker, dafür abwechslungsweise die Lieblingslieder ihrer drei Kinder. «Seither sind unsere Morgen deutlich entspannter», sagt sie. Schlag auf Schlag müsse trotzdem alles gehen, «zackzack». «Manchmal fühle ich mich wie eine Viehtreiberin. Könnten alle im Pyjama zur Schule, wäre das hilfreich.»

Trödeln kann viele Gründe haben
Kinder trödeln morgens, bis die Eltern die Nerven verlieren. Bewusst ? Nicht nur, aber durchaus, sagt Moritz Daum, Entwicklungspsychologe am Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Schulkinder sind kognitiv weit genug, um zu verstehen, dass es Regeln gibt. Und Konsequenzen, wenn sie zu spät zum Unterricht erscheinen», sagt er.
Kinder seien unterschiedlich. Einige brauchen wenig Schlaf und stehen gut auf, andere brauchen viel Schlaf und tun sich morgens schwer. «Wiederum andere wollen gesehen werden. Wer sich nicht beeilt, bekommt Aufmerksamkeit, auch wenn es keine gute ist», nennt Daum einen weiteren möglichen Grund fürs Trödeln. Es gebe Kinder, die motorisch etwas langsamer seien als andere und einfach viel Zeit benötigen würden, um sich bereit zu machen. Wieder andere hätten schlicht keine Lust auf Schule. Viele Gründe, sich nicht zu beeilen.
Auch ein dreifacher Vater kennt den Morgenstress aus eigener Erfahrung. «Auch unter den Eltern gibt es verschiedene Morgentypen», sagt er. Erwachsene, die am Morgen gerne ihre Ruhe haben, bringen weniger Geduld für die jungen Trödlerinnen und Trödler auf. «Und wenn im Büro eine schwierige Sitzung ansteht, bin ich anders da für die Kinder, als wenn ich danach ungestört Kaffee trinken kann. Meine Tagesverfassung wirkt sich auf den Rest der Familie aus», sagt Daum.
Die Kleider am Vorabend herauslegen und den Frühstückstisch schon decken – rät der Entwicklungspsychologe. Routinen entwickeln, sagt er weiter. «Dass jeder weiss, welche Aufgaben er nach dem Aufstehen erfüllen soll.» Gerade kleine Kinder seien Spiesser. «Sie reagieren kein bisschen amüsiert, wenn sich Abläufe verändern. Besonders nicht morgens, wenn sie müde sind.»
Auch mit psychologischen Tricks können Eltern arbeiten. Daum denkt an kleine Belohnungen : «Wenn es am Morgen gut läuft, gibt es am Abend Bildschirmzeit.» Wenn sich alle anstrengen, rechtzeitig aus dem Haus zu kommen, die Truppe loben. Damit sie es am nächsten Tag gleich gut machen will. Manche Kinder mögen Spiele. Ein Wettrennen veranstalten ? «Gute Idee. Es sei denn, es verliert immer der gleiche. Das führt zu Frustrationen und die bremsen aus.»
Auch wenn das Verständnis für Pünktlichkeit ab dem Kindergartenalter ausgebildet ist, Selbstregulation und Emotionskontrolle seien es noch lange nicht, betont Daum. Wenn ein Kind müde und hungrig sei, funktioniere sein Kontrollsystem schlechter als sonst. Er wünscht Eltern deshalb viel Gelassenheit für etwas anstrengendere Morgen.

Eltern-Tipps für Morgenstunden
• Zum Aufwecken Lieblingsmusik der Kinder laufen lassen.
• Sich immer an die gleiche Morgenroutine halten.
• Mit Kuscheln aufwecken, Körperkontakt macht stressresistenter.
• Genügen Zeitpuffer einbauen (verpufft allerdings stets gleich wieder).
• Möglichst viel am Abend vorher vorbereiten (Thek, Turnzeug packen, Kleider rauslegen).
• Morgens nicht zu viel verlangen, es ist nicht die Zeit für Standpauken und Erziehungsmassnahmen.
• Schulkindern einen eigenen Wecker ans Bett stellen.
• Wer kein Frühstück will, muss auch kein Frühstück essen. Eine gut gefüllte Znünibox kompensiert.
• Regelmässig und ruhig(!) ausgesprochene Zeitdurchsagen. «Noch 10 Minuten bis Abfahrt» helfen grösseren Kindern, ihre Zeit selbst einzuteilen.
Früh aufstehen liegt vielen Kindern nicht
Nichts persönlich nehmen in solchen Momenten, meint Nicola Schmidt. Die deutsche Wissenschaftsjournalistin und Ratgeberautorin setzt sich für eine Erziehung auf Augenhöhe und ohne Schimpfen ein. Viele Kinder seien am Morgen unkonzentriert und nicht leistungsfähig. «Das entspricht einfach nicht ihrem Biorhythmus. Dann alle Bedürfnisse der Pünktlichkeit unterzuordnen, das schaffen nicht mal wir. Wie sollen es dann Kinder hinbekommen ?», sagt Schmidt. Kleinere Kinder seien kurz nach dem Aufstehen massiv überfordert. «Sie wollen kooperieren, sie können aber nicht.»
Alle früher ins Bett
Schmidt sucht die Fehler nicht bei den Kindern. Die Eltern seien verantwortlich dafür, dass der Morgen gut verlaufe. Früher ins Bett, rät sie, und zwar alle. «Kinder brauchen zehn Stunden Schlaf, wir mindestens acht Stunden. Sind wir ausgeruht, ist das Hirn leistungsfähiger. Wir reagieren emphatischer und rasten nicht gleich aus.» Abends vorbereiten, was möglich ist, schlägt sie weiter vor. Die Znüniboxen rausstellen, den Teebeutel in die Tasse legen. «Jeder Handgriff, den ich morgens früh nicht machen muss, entlastet die Familie», sagt Schmidt.
Ein Special-Tipp von ihr : Den Kindern am Vorabend schon T-Shirt, Unterhose und Socken für den Tag danach anziehen. «Am Morgen müssen nur noch Hose und Pulli drüber. Kinder beginnen nicht zu stinken über Nacht», sagt sie. Gesicht waschen und Zähneputzen morgens weglassen, wenn es knapp wird. Auch das Haarekämmen. «Viele Kinder sind nach dem Aufstehen sehr schmerzempfindlich. Und dann hocken Sie da mit einem weinenden Kind. Besser einen Zopf machen über Nacht, damit die Haare nicht verwuscheln.» Was immer helfe, sei Körperkontakt, betont Schmidt. «Das Kind wachkuscheln und es wachstreicheln, ausser es handelt sich um einen Teenager, der das nicht mehr will. Dann ein warmer Tee, ein leckeres Frühstück, das hilft», sagt Schmidt. Was nicht helfe : Nachrichten hören. «Ist oft ein negativer Start in den Tag.»
Nicola Schmidt

Ein guter Morgen ist Einstellungssache
Es gehe auch ohne Machtkampf und Geschrei, da ist Schmidt überzeugt. «Ein friedlicher Morgen ist Einstellungssache. Das Kind muss nicht helfen, das vergessen Eltern in der Hektik.»
Und dann steht Kind 1 wie aus dem Nichts mit auffällig aufgeplustertem Pyjama in der Küche, breit grinsend. Es zieht sich aus. Darunter kommen Pullover und Hose hervor. «Überraschung !», sagt es. Innige Umarmung. Es ist 6.50 Uhr. Heute bleibt Zeit für einen zweiten Kaffee. Mal schauen, wie der Morgen morgen wird.