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Terror: geil, Trump: gay

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Mit «ficken» und «Muschi» werfen Teenies zwar immer noch um sich, als wollten sie damit alte Omis erschrecken. Aber sie haben gemerkt, dass sie schwereres Geschütz auffahren müssen, um ihre Eltern zu brüskieren. Also setzen sie noch einen drauf. Bei uns grad aktuell: der Ausruf «Allahu Akbar», zu deutsch: Gott ist gross. Zwölfjährige meinen nämlich, damit den ultimativen Terror-Schlachtruf ausgemacht zu haben. Das ist zwar nicht völlig daneben, aber leider halt doch ziemlich doof.
Meine Erklärung, die Jungs könnten genauso gut «Hallelujah» schreien, verhallte ungehört. Also heisst es bei der Schneeballschlacht «Allahu Akbar», wenn die Schnürsenkel mal nicht aufgehen «Allahu Akbar» und wenn Bettzeit ist «Allahu Akbar». Denn Terror ist geil, weil Terror ist mit Waffen und Schiessen und so und vor allem finden [Eltern] (/artikel/partnerschaft-kinder-1116) Terror alles andere als geil, also ist Terror total geil. Offenbar machen sich die Buben in der Schule auch einen Spass daraus, den Arm zum Hitlergruss zu recken, wenn sie eigentlich aufstrecken sollten. Denn Hitler ist voll krass, so mit Schnauz und Morden und so und Waffen und Panzern und Juden und deswegen irgendwie ja auch etwas tabu und weil Eltern finden, dass man den überhaupt nicht toll finden darf, ist Hitler einfach megageil.
«Gay» ist natürlich auch alles, oder «schwul», weil: sagt man ja nicht. Komischerweise ist Trump (zumindest im Moment) nicht in, sondern verpönt, sogar so sehr, dass sie ihn am liebsten niedermähen würden, ratatatata. Und das N-Wort ist auch in aller Munde, denn all die Rapper in den USA sagen respektive rappen das ja auch die ganze Zeit und das ist ja offensichtlich kein Problem. Jegliche Versuche, das zu erklären oder richtigzustellen, perlen an der Teflon-Schicht aus Ignoranz (ob bewusste oder nicht) ab.
Nein, ich bin nicht schockiert deswegen. Damals in der Schule sagten wir auch «Möngi» oder «Missgeburt», ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was das heisst. Das ist sicher normal. Wichtig scheint mir, dass man irgendwann anfängt, darüber nachzudenken und für sich befindet: Das habe ich nicht nötig. Eltern möchten ihren Kindern natürlich dabei helfen. Aber den einzigen Weg, den ich sehe, ist es, selbst politisch inkorrekt zu sein, um es damit uncool zu machen – und das darf ich dann aber auch nicht, hat meine Frau gesagt.
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Reto Hunziker ist 1981 im Aargau geboren, aber das muss noch nichts heissen. Er hat Publizistik, Filmwissenschaft und Philosophie studiert und auch das muss noch nichts heissen. Er arbeitet als freier Journalist und als Erwachsenenbildner und versucht daneben, dem ganz normalen Wahnsinn in einer Patchwork-Familie (Frau, Tochter und Stiefsohn) mit Leichtigkeit und gesundem Menschenverstand zu begegnen – das will was heissen. Alle Blog-Beiträge von Reto Hunziker finden Sie hier.