
iStock
Smartwatches
Wie sinnvoll sind smarte Uhren für Kinder?
Mit der Smartwatch kann das Kind Textnachrichten und Anrufe empfangen. Eltern können ihr Kind nicht nur erreichen, sondern auch via GPS überwachen. Das sorgt für Kontroversen.
Müssen Eltern jederzeit wissen, wo sich ihr Kind befindet? Dies können Eltern nämlich, wenn sie sich den Standort ihres Kindes anzeigen lassen, den die Smartwatch an seinem Handgelenk erfasst. Oder gar die Tracking-Funktion aktivieren, um die Bewegungen des Kindes in Echtzeit mitzuverfolgen. Während einige Eltern in der Smartwatch eine Chance sehen, das erste Handy fürs Kind hinauszuzögern, stören sich andere an der Möglichkeit zur ständigen Überwachung. Lesen Sie hier das Pro und Kontra zu smarten Kinderuhren, geschrieben von einem Vater und einer Mutter.
Pro
Von André Zeiger
Der bevorstehende Wechsel unseres Sohnes in ein weiter entferntes Schulhaus bereitete uns Eltern etwas Bauchschmerzen. Wird der Viertklässler nach der Schule den Weg zum Fussballtraining alleine bewerkstelligen können, und was passiert, wenn er den Bus verpasst? Die bisherigen Fangnetze, wie die Möglichkeit zum Telefonieren in den Hort zu gehen, sind nicht mehr vorhanden. Deshalb überlegten wir uns, ob es nicht doch notwendig wäre, ihm ein Handy zu geben, obwohl wir das in diesem Alter noch nicht als sinnvoll erachten.
Das Angebot, eine Smartwatch zu testen, kam uns da gerade recht. Im Umfeld unseres neunjährigen Sohnes tragen einige Kinder eine smarte Uhr und wir hatten keine Berührungsängste. Mit der Pingonaut-Uhr Puma kann unser Sohn Anrufe und Nachrichten empfangen, definierte Kontakte anrufen, Sprachnachrichten versenden – und natürlich die Zeit ablesen.
Wir Eltern können unser Kind auf die Uhr anrufen und Nachrichten schicken – und wir können via Ortung sehen, ob er beim Sportplatz angekommen ist oder wo er sich gerade aufhält. Die Tracking-Funktion haben wir getestet, sie aber dann doch wieder deaktiviert. Das hatte zwei Gründe.
Der erste ist eher banal: Das Tracking benötigt sehr viel Energie und schränkt die Akkulaufzeit der Uhr stark ein. Mit aktiviertem Tracking reichte der Akku nicht mal für einen Tag aus. Ohne etwas mehr als einen Tag. Der zweite Grund war für uns allerdings noch wichtiger: Wir wollen unser Kind nicht permanent überwachen. Uns ist es wichtig, unserem Sohn zu vermitteln, dass wir ihm vertrauen. Für andere Eltern hingegen ist das Tracking ihrer Kinder ein absolut wichtiges Feature und sie haben keinerlei Bedenken, ihre Sprösslinge zu überwachen oder sich in den gespeicherten Daten rückwirkend anzusehen, wo diese sich aufgehalten haben.
Aufgrund der benötigten Mobilfunk-SIM-Karte fallen für die Smartwatch monatliche Kosten von ungefähr fünf Franken an. Das ist es uns absolut wert: Wir geben unserem Kind mit der Uhr den Zugang zur digitalen mobilen Kommunikation, ohne ihm bereits jetzt die uneingeschränkten Möglichkeiten eines Smartphones zu eröffnen. Dank der Smartwatch wissen wir, dass wir unseren Sohn erreichen können. Und noch wichtiger: Es fühlt sich gut an, dass unser Sohn uns bei Bedarf in seinem vollen Alltag erreichen kann – sofern wir das tägliche Laden der Uhr nicht vergessen haben.

Kontra
Von Anita Zulauf
«Also Mami, ich gehe heute allein, du musst mich nicht begleiten», sagte mein fünfjähriger Sohn am zweiten Chindsgitag. Das war nicht als Angebot gemeint. Ich war irritiert. Mit vier Kindern ist immer wieder eines allein unterwegs. Was habe ich mich aufgerieben! Immer wieder machten sich Zweifel breit. Kann ich das verantworten? Sollte ich das Kind nicht besser an die Hand nehmen und durch all die Unebenheiten des Lebens führen? Hat es kapiert, dass es zu keinem Fremden ins Auto steigen darf? Was, wenn ein Unfall passiert? Immer wieder kam eines mal 45 Minuten zu spät nach Hause; war zwei Stunden nicht auffindbar, weil es etwa beim Nachbarskind vor dem Fernseher sass, sich aber nicht abgemeldet hatte; war heimlich in die Stadt gefahren; hat die Schule geschwänzt.
Es sind Wachstumsschmerzen, die mich seit Jahren begleiten. Wir wachsen an unseren Erfahrungen. Den guten und den weniger guten. Eltern und Kinder. Ein Leben lang. Das ist wunderbar. Natürlich will man schützen, was man liebt. Die neuen Technologien machen es uns nicht einfacher. Gelassen zu werden. Zu sein. Zu bleiben. Doch unsere Kinder haben etwas Besseres verdient, als mit Smartwatch und Co überwacht zu werden. Vor verschlossener Haustür stehen und keiner ist daheim? Den Bus verpassen? So ist das Leben nun mal. Dann wartet man, bis jemand nach Hause kommt. Oder man nimmt den nächsten Bus. Seltsam, dass wir unseren Kindern so wenig zutrauen. Sich in unvorhergesehenen Situationen selber zurechtfinden, Entscheidungen treffen, erfahren, dass man sich nicht so leicht unterkriegen lässt, das macht Kinder stark. Dafür von den Eltern gelobt werden macht stolz. Aus Eigenverantwortung handeln macht gross. Genauso Grenzen überschreiten und Regeln brechen. Und danach mit Konsequenzen zurechtkommen, sollte man erwischt werden.
Doch statt Stärken zu fördern, legen wir ihnen Fussfesseln an. Werden zu Spionen unserer Kinder. Weil wir sie nicht aushalten können, diese Ängste. Weil wir nicht aushalten können, dass sie auf sich selbst zurück geworfen werden könnten. Allzeit bereit, in die Bresche zu springen. Das Leben ist ja so gefährlich. Echt jetzt? «Was mich nicht umbringt, macht mich stark», ist ein Zitat des Philosophen Friedrich Nietzsche. Das gilt auch heute noch. Die totale Überwachung ist ein Verstoss gegen das Recht der Kinder auf Privatsphäre und Geheimnisse. Permanente Erreichbarkeit ist überflüssig. Vielleicht bringt man sein Kind erst durch diese Geräte in Gefahr, denn manche Smartwatches lassen sich manipulieren. Möglich ist, dass Dritte den Standort des Kindes orten und nachverfolgen können. Die totale Sicherheit – eine Utopie.