
Fabian Roelli
Elternkolumne
Simon Chen über Präsenz als Vater
Echt jetzt! Quality Time ist gut fürs Gewissen – hält aber keiner Quantitätskontrolle stand, findet Kolumnist und Heimarbeiter Simon Chen. Und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub? Lächerlich!
Wenn es um Kinderbetreuung geht, insbesondere durch Väter, ist oft von «Quality Time» die Rede. Also von der Zeit zwischen Znacht und Ab-ins-Bett, wo Papi sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit seinen Kindern widmet, ganz einfach weil er sonst nie zu Hause ist. Als wäre es erwiesen, dass eine Stunde konzentrierte väterliche Zuwendung acht Stunden mütterlicher Präsenz entsprechen.
Natürlich ist es besser, Arbeit und Familie zu trennen. Das ist in meinem Fall etwa die halbe Woche gewährleistet, wenn die Kinder bei ihrer Mutter sind. Wenn sie sich aber unter meiner Aufsicht befinden, ist eine klare Trennlinie zwischen Arbeit und Kindern nicht mehr realistisch.
Denn ich arbeite zu Hause. Ohne feste Arbeitszeiten. Permanente Zuwendung brauchen meine 10- und 12-jährigen Mädchen nicht mehr; so wie ich selbstständig erwerbend bin, können sie sich schon sehr selbstständig beschäftigen. Natürlich haben meine zwei Mädels an den Papitagen Priorität.
Im Gegensatz zu mir, der ich im Kinderzimmer zuweilen unerwünscht bin, ist der Zutritt in mein Büro für sie niederschwellig und ohne vorherige Anmeldung möglich. Ich muss jederzeit damit rechnen, dass die Tür aufgeht und sich eine Sekunde später, mitten im Satz, den ich gerade tippe, sich die eine auf meinen Schoss setzt, während die andere irgendein Youtube-Video zu gucken fordert.
Solche Überfälle während der Arbeit – manchmal willkommene Ablenkung, oft nervende Störung – rechtfertigen sie jeweils altklug mit «Das isch ebe so wämmer Chind hät.» Recht haben sie. Die Work-Kid-Balance, die Vereinbarkeit von Arbeits- und Kinderzimmer bleibt eine tägliche Herausforderung.
Mit Quality Time ist es ist wie mit den CO2-Kompensationen– sie ist vor allem gut fürs Gewissen. Für mich bedeutet Vaterschaft aber Alltag, nicht Quality Time – die sowieso keiner Quantitätskontrolle standhält. Quality Time sollte Teil der Quantity Time sein, nicht Ersatz dafür. Denn für Kinder ist die Präsenz des Vaters wie Süssigkeiten: Viel ist gut.
Egal, ob sie nun Säuglinge oder halbwüchsig sind, egal ob der Vater verheiratet ist oder getrennt lebt. So wie Ersatzfussballer nur Ersatzfussballer sind, sind Wochenendväter eben nur Wochenendväter. Denn die Zeit mit deinen Kleinen kannst du nicht nachholen. Auch nicht im Ruhestand. Die Kinder, die du dann hütest, sind leider deine Enkel.
Deshalb fand ich schon die 4 Wochen Vaterschaftsurlaub, welche die Volksinitiative forderte, zwar unterstützungswert – aber an sich lächerlich. Jetzt wurde sie sogar zugunsten des Gegenvorschlags von nur noch 2 Wochen zurückgezogen. Es kommt mir vor wie ein grober Flüchtigkeitsfehler; die haben aus Versehen Wochen statt Monate geschrieben ...
Neben einem ordentlichen Vaterschaftsurlaub benötigt es aber auch mehr Teilzeitstellen für Väter. Denn es gibt ja noch die nicht geringfügige Zeit nach dem Vaterschaftsurlaub. Da sind aber nicht nur die Arbeitgeber gefordert, die das ermöglichen sollen. Es braucht vor allem viel mehr Väter, die das auch wollen! Die bereit sind, sich nicht nur um ihre Karriere, sondern auch um ihre Kinder zu kümmern. Und ich sage es mit 12-jähriger Branchenerfahrung: Es lohnt sich!
Zudem erhalte ich den Lohn für mein 50-prozentiges Papipensum nicht erst am Monatsende, sondern täglich, cash auf die Hand, beziehungsweise (unmittel)bar ins Herz; die Mühe, die mir meine Mädels manchmal bereiten, geben sie mir doppelt und dreifach in Freude zurück, jetzt an der Schwelle zum Teenie-Alter, wo sie mich zuweilen um den Finger wickeln, genauso wie damals, als ich sie noch wickeln musste.
Mir ist es jedenfalls wichtiger, meine Kinder in meinen etwas unsteten Alltag zu integrieren, als mich ihnen zwar 100-prozentig zuzuwenden, dafür aber nur am Mittwochnachmittag und jedes zweite Wochenende. Ich ziehe es vor, von den Gören zeitweise ausgesperrt oder bei der Arbeit gestört zu werden, als... Moment! die Tür geht auf... Echt jetzt! Schon wieder?
Simon Chen (47) ist Spokenword-Künstler und Kabarettist und bis im Mai 2020 auf Tour mit seinem Programm «Typisch! Kabarett für Einzelfälle». Der zweifache Vater lebt in Zürich.