Was es im Familienbett zu beachten gibt
Sie verstehen sich im Schlaf

Wenn Mutter und Kind im gleichen Bett schlafen, gleichen sich ihre Schlafphasen an.
wir eltern: In den Medien tauchen immer wieder Studien auf, die einen Zusammenhang zwischen Familienbett und plötzlichem Kindstod sehen. Ist das gemeinsame Schlafen mit einem Neugeborenen gefährlich?
Dr. med. Urs Zimmermann: Ein paar neue Studien weisen auf ein gering erhöhtes Risiko vor allem in den ersten Lebenswochen hin. Andere fanden keine Häufung. Zum heutigen Zeitpunkt kennen wir drei Hauptfaktoren, die das Risiko für einen plötzlichen Kindstod eindeutig zu senken vermögen. So ist es dringend zu empfehlen, dass Mütter nicht oder möglichst wenig rauchen, dass Säuglinge zum Schlafen immer auf den Rücken gelegt werden und dass die Schlafumgebung des Babys keine Überwärmung zulässt. Mit entsprechender Aufklärung konnte der plötzliche Kindstod in der Schweiz von zirka 80 bis 90 Fällen auf 13 pro Jahr gesenkt werden. Alle anderen beobachteten Risikofaktoren spielen in der Praxis eine untergeordnete Rolle. Tipps, von Schnullerzwang bis zum Familienbettverbot, tragen mehr zur Verwirrung bei als zur Prophylaxe und sind nicht relevant.
Viele Eltern schleichen nachts ins Kinderzimmer, um die Atmung ihres Kindes zu kontrollieren. Könnten sie nicht ruhiger schlafen, wenn sie das Baby bei sich hätten?
Eltern, die im gleichen Raum wie das Kind schlafen, merken von Anfang an, dass das teilweise unregelmässige Atmen ihres schlafenden Neugeborenen normal ist. Was den plötzlichen Kindstod angeht, ist es wichtig zu wissen, dass dieser nichts mit der unreifen Atmung der Babys zu tun hat. Das ist gut belegt, auch wenn wir die Gründe für den plötzlichen Kindstod nicht kennen.
Was gefällt Ihnen am Familienbett?
Babys können sich nicht nur durch Schreien mitteilen. Eltern und Kind lernen sich auch ohne Sprache sehr differenziert wahrzunehmen. Es ist phänomenal, wie sich Eltern und Kinder auch im Schlaf verständigen, gemeinsame Schlafrhythmen und Bewegungsmuster entwickeln. Das gemeinsame Schlafen kann dabei helfen, dass sich die Familienmitglieder gegenseitig besser kennen und verständigen lernen.
Oft sind es Väter, die es nicht so phänomenal finden, dass ihr Baby im Ehebett liegen soll.
Männer befürchten manchmal, dass sie dann nicht mehr schlafen können. Nach 2, 3 Tagen des gemeinsamen Schlafens sind sie oft hell begeistert, weil sie nichts merken von der nächtlichen Mutter-Kind-Interaktion. Im Gegensatz zu vorher, als das Kind im eigenen Zimmer schrie, bis sich ein Elternteil aus dem Bett gequält hat und der andere zumindest im Schlaf gestört war.
Wann soll ein Kind wieder ausquartiert werden?
Das hängt ganz von der Familie ab. Doch zum Familienbett gehören Themen wie Loslassen, Abnabelung sicher dazu. Eltern sollten auch offen sein für Signale ihres Kindes, dass es flügge wird und vielleicht ein wenig Flughilfe braucht. Eine der Vorsichtsmassnahmen: Das Baby soll nicht zwischen den Eltern liegen, sondern auf einer Aussenseite. Wenn das gemeinsame Schlafen für alle Beteiligten der richtige Weg ist, dann unterstützt das die Wahrnehmung der gegenseitigen Bedürfnisse, und die Abnabelung geschieht oft wie von selbst.
Warum praktizieren bei uns so wenige Eltern das Familienbett?
Das ungeplante, nicht organisierte Familienbett kommt sehr häufig vor. Es ist jedoch die Ausnahme, dass Eltern offen dazu stehen, wenn das Kind in ihrem Zimmer schläft. Das dürfte daran liegen, dass das Familienbett in unserer Kultur keine Tradition hat. Mir ist es lieber, man spricht offen über den Wunsch zum gemeinsamen Schlafen. Dann kann man sich mit dem Partner auf ein Vorgehen einigen und Sicherheitsstandards einrichten. Ich empfehle jeweils den Babybalkon. Da hat das Kind eine eigene Bettumgebung. Wer es allerdings zu sich nimmt, braucht ein breites Bett, eine feste Matratze und geeignete Decken für sich selbst. Um solche Anschaffungen kommt man nicht herum.
Zur Person
Dr. med. Urs Zimmermann ist Co-Chefarzt an der Kinderklinik des Kantonsspitals Winterthur.