Mutterschaft / Beckenboden
Pinkelpanik

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Was ist das Peinlichste, das Sie sich vorstellen können? Ein Böög, der aus der Nase guckt – während eines Vorstellungsgesprächs? Beim Liebesakt lautstark furzen anstatt dezent zu stöhnen? Ihrer Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, doch erstaunlich oft zeigt sich, dass es oftmals körperliche Fehlfunktionen sind, für die wir uns so richtig in Grund und Boden schämen.
Nun nehmen Sie dieses leicht-errötende- Schamgefühl … und multiplizieren es mal zehn. Oder gleich hundert. Denn die Frauen, die unter Blasenschwäche leiden – ob gelegentlich oder regelmässig – nehmen Erstaunliches auf sich, um dies zu verheimlichen. Sich als erwachsene Frau in die Hose zu machen? Unmöglich. Wääk. Superpeinlich. Und ein absolutes Tabuthema. Falls Sie sich jetzt auch in Ihrem Stuhl
winden und eigentlich am liebsten gleich zu den Einrichtungstipps blättern würden: Wir verstehen es. Und möchten trotzdem mit einigen Fakten und Tipps klar machen, dass unglaublich viele Frauen von «ungewolltem Urinabgang» betroffen sind:
8 bis 10 Millionen Frauen in Deutschland leiden unter Blasenschwäche. Zum Vergleich: Es gibt in Deutschland 6 Millionen Diabetiker.
4 von 10 Frauen leiden in den Jahren nach der Geburt an Urininkontinenz.
Aufs ganze Leben gesehen ist jede 3. Frau davon betroffen.
Und keine sagt was.
Sondern schweigt verschämt; ähnlich wie die Anzahl Frauen, die Dieter Bohlen heimlich sexy finden.* Sie schweigt, sie verstrickt sich in Ausreden, um keinen Sport mehr zu machen, um nicht mehr auf dem Trampolin zu springen, um nicht wandern zu gehen oder auf Reisen. Sie plant ihre Einkaufstouren nach der Anzahl öffentlicher Toiletten auf der Route (echt wahr!) und baut sich komplizierte Konstrukte aus Slipeinlagen und Binden in ihrem sexy Höschen, die natürlich die gesamte Sexiness der Unterwäsche töten und für noch mehr Schamgefühle sorgen.
Etwas dramatisiert ausgedrückt werden diese Frauen nach und nach immer mehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Und alles wegen einem bisschen Pipi! Wie viel Urin Frauen bei Blasenschwäche jeweils verlieren, ist übrigens sehr unterschiedlich: Rund zwei Drittel verlieren nur eine geringe Menge ... doch schon diese kleine Menge genügt für den «das-istdoch- nicht-normal»-Gedanken, der leider nur in wenigen Fällen dazu führt, dass sie ihren Haus- oder Frauenarzt aufsuchen.
Halt!
Jetzt haben Sie es wieder gemacht, nicht wahr? Sie wollten wieder umblättern, weil das Thema so peinlich ist! Vielleicht hilft es, zu wissen, dass die Gründe für Blasenschwäche zwar unterschiedlich sind, aber der zugrundeliegende Mechanismus dahinter ist stets derselbe: Eine Fehlkommunikation zwischen den inneren und äusseren Schliessmuskeln der Blase, die dem Gehirn zu spät melden, dass da gleich was passieren wird. Gerade in Kombination mit einem Beckenboden, der durch Schwangerschaft und Geburt einiges aushalten musste, sind auch viele Mütter von leichter Harninkontinenz betroffen, die zum Glück oft bei der Rückbildung thematisiert wird.
Das ist auch gut so, denn gerade eine leichte Harninkontinenz lässt sich sehr gut mit Beckenbodentraining «wegtrainieren» – oder zumindest deutlich mildern. Bis das Training allenfalls Wirkung zeigt, lassen sich kleine Unfälle dank neuer Spezialprodukte viel effektiver (und weitaus weniger beschämend als mit den oben beschriebenen Binden-Höschen-Konstruktionen) auffangen. Dass diese Produkte viel effizienter vor peinlichen «Oops»-Momenten schützen, liegt an ihrem geruchsneutralisierenden Kern und einem viel höheren Fassungsvermögen als bei normalen Monatshygieneprodukten. Ein weiterer Bonus? Dass sich diese optisch kaum von normalen Binden oder Slipeinlagen unterscheiden, sodass man sich auch beim Kauf nicht outen muss.
Und da ist es schon wieder gefallen, das fiese Wort «Scham». Was wir Ihnen nun mit auf den Weg zu einem Pipi-Unfall-freien Leben mitgeben möchten ist jedoch, dass es sich wirklich, wirklich lohnt, einen Arzt aufzusuchen, wenn man den Urin nicht mehr halten kann. Denn es gibt etliche medizinische Lösungen – von Tabletten über einen kleinen operativen Eingriff – die dafür sorgen können, dass Sie wieder unbeschwert über die doofen Witze Ihrer Kinder lachen können. Tauschen Sie sich aus, trauen Sie sich. Aber die Sache mit Dieter Bohlen ... die müssen Sie vielleicht erst mal mit sich selber ausmachen, bevor Sie sich jemanden anvertrauen!
**Nur, damit das klar ist: Die Autorin findet Dieter Bohlen nicht sexy. Dafür Roger Schawinski ein bisschen, aber das ist ein ganz anderes Thema.*
Was bei Pipi-Panik hilft
Ausreichend trinken: Gerade bei Blasenschwäche ist es wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, weil dadurch die Konzentration des Urins in der Blase geringer wird – zudem wird die Blase trainiert.
Bewusste Ernährung: Übergewichtige Frauen leiden tendenziell eher unter Blasenschwäche. Eine vollwertige Ernährung mit vielen Ballaststoffen, wenig Zucker und Fett und sanfte Sportarten wie Nordic Walking oder Fahrradfahren helfen dabei.
Darüber reden: Wenn es Ihnen schwer fällt, können Sie sich auch anonym im Internet mit Betroffenen austauschen. Es ist wichtig, zu erfahren, dass man nicht alleine ist.
Hilfe holen: Ihre Frauenärztin weiss wirklich Rat! Sie kennt sich mit den bestmöglichen Behandlungsmethoden aus und steht Ihnen auch psychisch zur Seite.
Den Beckenboden trainieren: Mit gezielten Übungen genügen schon fünf Minuten am Tag, um die Kontrolle über die Blase deutlich zu steigern.
Die App: «Beckenboden Training – Während der Schwangerschaft und nach der Geburt» gibts für 4 Franken im AppStore und auf Google Play.
Das Buch: «Beckenboden-Training» von Irene Lang-Reeves mit Audio CD, GU Verlag, 27.90 Franken (im Buchhandel erhältlich)
Sie bricht das Tabu: Die Sport-Mama Julie
Den an sich lustigen Begriff «Pinkelpanik» hat die dänische Läuferin und Fitnessbloggerin Julie Carl kreiert, die ihre Erlebnisse als begeisterte Freizeitsportlerin auf www.juliecarl.dk (leider nur auf Dänisch) niederschreibt. Die 37-Jährige ist top fit, stellte aber vor sechs Jahren nach der Geburt ihres zweiten Kindes, das mit stolzen 5 kg zur Welt kam, schockiert fest, dass bei ihrem an sich sehr fitten Körper etwas nicht mehr ganz in Ordnung war. «Während meines ersten Laufes nach der Geburt hat es sich untenherum sehr schwer angefühlt, und ich hatte zum ersten Mal keine Kontrolle über meinen Körper. Ich war schockiert, als ich mir das erste Mal beim Laufen in die Hosen machte», erzählt sie in ihrem Blog – und auch von den Konsequenzen, die der unfreiwillige Urinablass in ihrem Alltag hatte. Gelöst hat Julie Carl ihr Problem mit gezieltem Beckenbodentraining via App (siehe Tipps) – und läuft heute nicht nur unbeschwert, sondern auch mit trockenen Shorts.