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Müssen Kinderlose die Klappe halten?
Von Bloggerin Nathalie Sassine-Hauptmann

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Reda El Arbi, bekannter Stadtblogger im Newsnet der Tamedia hat es gewagt: Als Kinderloser stellt er all die Eltern an den Pranger, die ihre Kinder überbehüten und ihnen nichts zutrauen («Noah, zieh deinen Helm an, wenn du das Dreirad nimmst.»). In seinem Blogpost schreibt er sich ein wenig in Rage, denn er ist überzeugt, dass die heutige Erziehung aus den Kids lauter lebensuntaugliche Erwachsene machen wird.
Ich habe noch einige kinderlose Freunde und Bekannte. Die meisten haben eine Meinung zur heutigen Erziehung. Wenn ich die mit ihnen diskutiere, kommt früher oder später – meist früher – immer der Satz «Ich weiss, ich darf das ja nicht sagen, schliesslich habe ich keine Kinder....». Bestätigt wird dieses Zögern in den Kommentaren zum genannten Blogbeitrag. So meint ein Elternteil (ob Vater oder Mutter ist unwichtig) «Wir Eltern lieben es ja, Erziehungstipps von Fremden zu bekommen. Wir haben ja eh keine Ahnung und keine Erfahrung und sind darum froh um Hilfe von Aussenstehenden. Besonders von Kinderlosen.»
Autsch. Kinderlose haben schliesslich keine Ahnung. Oder? Versteht mich nicht falsch, bei Themen, von denen sie keine Ahnung haben, sollen sie die Klappe halten. Dazu gehören Stillen, Kaiserschnitt, und Bettzeiten («das kann ja nicht so schwer sein»). Also eigentlich bei den meisten Baby-Themen.
Aber sonst? Bei Kindern und deren Erziehung? Dürfen kinderlose Menschen ihre Meinung sagen, wenn es darum geht, was sie beobachten, wenn sie auf öffentlichen Plätzen, in Restaurants, im Zug oder in den Ferien sind? Obwohl sie keine Praxis haben in Sachen Quengeln, Nicht-essen-Wollen, Bewegungsdrang und Lautstärkenregler? Natürlich dürfen sie! Unsere Erziehung ist doch nicht über jeden Zweifel erhaben, bloss weil wir Kinder haben. Wir können doch durchaus Fehler machen und wer ist da besser dafür geeignet, uns darauf hinzuweisen, als die, die eben KEINE schlaflosen Nächte haben? Kinderlose! Als Erwachsene, die die Regeln kennen. Als Teil dieser Gesellschaft, und nicht zuletzt als ehemalige Kinder.
Wenn also meine kinderlose Freundin es fraglich findet, dass ihr Neffe an Weihnachten motzt, weil er nicht genau DAS Geschenk von ihr erhält, welches er sich gewünscht hat, finde ich sehr wohl, dass sie etwas sagen darf. Genauso, wenn ein fremdes Kind im Restaurant unter ihren Tisch kriecht, weil es mit den Geschwistern verstecken spielt. Oder einfach von ihr verlangt, sie solle jetzt vorlesen. Nicht fragt, verlangt!
Dann MUSS sie ihm sogar sagen, dass das nicht in Ordnung ist. Dies aus drei Gründen:
- Es stört sie, also muss sie sich wehren und dem Kind begreiflich machen, dass es sich daneben benimmt.
- Weil es immer viel mehr Eindruck macht, wenn es jemand anderes als immer Mama oder Papa sagt.
- Weil ein Zusammenleben nur dann funktioniert, wenn man Rücksicht aufeinander nimmt. Das gilt auch für Kinder.
Wenn ein Kinderloser wie Reda also unseren modernen Erziehungsstil kritisiert, weil er Beobachtungen macht, finde ich das durchaus legitim. Ob er nun direkt zum Kind geht und ihm sagt, was ihm nicht passt. Oder uns Eltern erklärt, dass wir unsere Kids verweichlichen. Das ist das für mich in Ordnung. Kinderlos oder nicht. Eventuell könnte er ja recht damit haben und wir überlegen es uns das nächste Mal besser, bevor wir unseren Max Andreas und Dorotheas den Zucker verbieten. Oder was meint ihr?
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Nathalie Sassine-Hauptmann (1973) gehört zu den Müttern, die ihr schlechtes Gewissen wie ein Baby mit sich rumtragen. Dennoch würde sie ihren Beruf nie aufgeben. Mit ihrem Buch «Rabenmutter - die ganze Wahrheit über das Mutterwerden und Muttersein» spricht sie vielen berufstätigen Müttern aus der Seele. Denn als Unternehmerin weiss sie, dass ihre Kinder sie zwar glücklich machen, aber erst ihr Job ihr den Ausgleich garantiert, den sie braucht. Sie führt sowohl ihr Familienleben als auch ihre Firma mit viel Leidenschaft und macht sich in diesem Blog Gedanken zur Vereinbarkeit von beidem. Und sie hat keine Angst davor, sich eine Feministin zu schimpfen. Alle Blog-Beiträge von Nathalie Sassine-Hauptmann finden Sie hier.