Mit seinem Kind ist man stets liebevoll und nachsichtig. Warum mit sich selbst eigentlich nicht? Thomas Meyer rätselt über Fremd- und Selbstliebe.
Mein 16 Monate alter Sohn geniesst eine höchst luxuriöse Umsorgung. Ich kaufe frisch und gesund für ihn ein und verpflege ihn entsprechend. Sind wir miteinander unterwegs, führe ich nicht nur genügend Windeln, Feuchttücher und Snacks mit, sondern auch eine gut sortierte Notfallausrüstung und Ersatzkleider für sämtliche Eventualitäten, inklusive Plüschtier und Wolldecke. All diese Dinge sind in thematisch geordneten Mini-Kits untergebracht und diese wiederum in einer Pumatasche, die mittlerweile nur noch «das Kit» genannt wird.
Die Detailversessenheit, in der ich das Kit angelegt habe und bewirtschafte, könnte man als zwanghaft bezeichnen. Für mich aber gibt es nichts Grossartigeres, als meinen Sohn ernsthaft zu betreuen. Dazu gehört auch, dass ich sein Zimmer in einen Abenteuerspielplatz mitsamt Indoor- Rutschbahn verwandelt habe.
Doch das sind alles nur Äusserlichkeiten. Ich gehe vor allem emotional sehr pfleglich mit dem kleinen Mann um. Bin einfühlsam, geduldig, nachsichtig und nähere mich ihm ganz grundsätzlich in Liebe. Und zwar in bedingungsloser Liebe. Er kann machen, was er will, ich liebe ihn weiter. Manchmal weise ich ihn gezwungenermassen zurecht, aber ich sage ihm dabei jedesmal, dass ich ihn gernhabe.
Bis ich eines Tages, als ich ihn im Arm hielt und ihm erklärte, wie viel er mir bedeutet, mich entsetzt fragte: «Meyer, warum bist du eigentlich zu dir selber nicht so nett?»
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich mir selbst gegenüber überhaupt nicht immer einfühlsam bin. Auch die Nachsicht lässt zu wünschen übrig, von Geduld fehlt jede Spur. Misslingt mir etwas, und sei es, dass ich die Pizza etwas zu lang im Ofen gelassen habe, bin ich enttäuscht von mir und beschimpfe mich mitunter sogar selber. Ich erwarte von mir Best- und Höchstleistungen. Ständig. Erbringe ich an einem bestimmten Tag keine, werte ich ihn als verloren. Mit bedingungsloserLiebe hat das nicht viel zu tun; allenfalls mit chronischer Zuneigung.
Mein Sohn lag in meinem Arm und sah mich in dieser durchdringenden Art an, die mich darüber rätseln liess, ob er mich nicht längst durchschaut hatte. Vor allem, was die alles andere als bedingungslose Liebe sich selbst gegenüber betrifft.
Dann rutschte er von meinem Schoss herunter und watschelte ins Bad, um wieder mal irgendwelche Gegenstände im Klo zu versenken. Seine derzeitige Lieblingsbeschäftigung.
Anstatt ihn daran zu hindern, überlegte ich: Warum nur bin ich so nachsichtig mit ihm?
Während aus dem Bad also plätschernde Geräusche erklangen, nahm ich mir vor, künftig auch netter und einfühlsamer mit mir zu sein – und mir selbst damit ein bisschen mehr Papa.
Thomas Meyer
Thomas Meyer (42) ist Vater eines Sohnes, Texter und Autor und lebt in Zürich. Sein letztes Buch: «Wäre die Einsamkeit nicht so lehrreich, könnte man glatt daran verzweifeln», erschien im Salis Verlag. www.thomasmeyer.ch