
Sandra Ardizzone
Vaterzeit
Mein Baby, der nächste Mozart
Musikalische Früherziehung beginnt früh. Darum hat unser Kolumnist im Gebärsaal Cellosuiten von Johann Sebastian Bach gehört. Zumindest ihm hat das sehr geholfen.
Meine Eltern besuchten mit uns drei Kindern keine Konzerte, als wir klein waren. Es gab auch keine «Peter und der Wolf»-Aufnahme in unserer LP-Sammlung. Aber ob im Auto oder zu Hause: Dauernd lief das Radio, dauernd hörten wir klassische Musik. Mit 5, 6 Jahren ging es dann aber in richtige Konzerte, ja, in Salzburg ab zehn in die Oper. Sass ich als 12-Jähriger mit meinem Vater in irgendeiner Provinzkirche an einem Kammermusikabend, der hörbar langweilig war, ermunterte er mich, die Zeit mit Taktschlagen zu überbrücken.
War das eine musikalische Früherziehung? Und ist klassische Musik tatsächlich gut für Kinder? Werden aus kleinen Mädchen Cern-Physikerinnen, wenn sie statt «Highway to Hell» von AC/DC die Arie «Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen» aus der «Zauberflöte» hören? Ist meine Musikerziehung geglückt oder missglückt, da ich mit 22 rund 100 Opernabende pro Jahr besuchte und mit 28 Jahren Musikkritiker wurde? Kaum war jedenfalls Luule geboren, hörte ich von allen Seiten leicht spöttisch: «Jetzt kannst du anstatt das Wiener Neujahrskonzert die NuggiKonzerte in Zürich besuchen!»
Ihr erstes Konzert besuchte Luule in Luzern, als sie vier Monate alt war. Luule war begeistert, hatte sie doch noch nie zuvor so viele Kinder aufs Mal gesehen. Als ich mit dem sieben Monate alten Mädchen ins Zürcher Seefeld fuhr, um eines dieser Nuggi-Konzerte des Zürcher Kammerorchesters zu besuchen, hatte ich doch tatsächlich den Nuggi vergessen. Ich war auch der Einzige, der alleine mit seinem Kind im Saal war unter lauten herzigen Paaren. Und ich war ganz bestimmt der einzige Rabenvater, der ausser seiner Sonnenbrille nichts dabei hatte: Nichts zu essen, nichts zu trinken, nichts zu spielen.
Hatte ich wirklich gedacht, ich gehe an ein Konzert, wo man still sitzen und Musik hören würde? Bin ich der Baby-Nicht-Versteher, wenn ich glaube, man könne die Kleinsten darauf lenken, Mozart zuzuhören? Ich finde es jedenfalls eigenartig, dass Kinder bis fünf im Konzert alles machen dürfen, danach aber plötzlich zurecht angehalten werden, mucksmäuschenstill zuzuhören.
Doch siehe da: Auf der Bühne spielten vier Musiker das satte 30 Minuten dauernde 2. Streichquartett von Brahms, egal, was im Saal passierte. Die einen Babys schliefen, die anderen plauderten – ganz so wie bei den Grossen im KKL in Luzern oder im Opernhaus Zürich. Und genauso wie gewisse erwachsene Konzertbesucher das Programmheft spannender finden als eine BrucknerSinfonie, studiert man auch beim Nuggi-Konzert aufmerksam das mitgebrachte Stoffbuch. Luule genügte die Musik, und ich bildete mir ein, sie sei interessiert an Brahms, Schostakowitsch und Haydn gewesen.
Logisch, Luules klassisches Musikleben hatte ja längst begonnen. Als es offiziell nur mehr 20 Tage ging, bis sie zur Welt kam, sassen ihr Mami und ich im Opernhaus Zürich und hörten Richard Wagners «Walküre»: Fünf Stunden Liebesdrama inklusive Walkürenritt und Erschaffung von Siegfried, des vermeintlichen Helden, der am Ende alles verkackt.
Damals in den neun Monaten in Mamis Bauch hörte Luule sowieso viel Musik, konnte es doch damals geschehen, dass man als Paar eine LP auflegen und eine Stunde lang im Bett liegend Sonaten lauschen durfte. Kommt hinzu, dass ihr Mami wegen ihres Berufes dauernd Musik hören muss oder darf. Noch im Gebärsaal hörten wir – oder vor allem ich? – sämtliche sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach.
Als Luule dann auf der Welt war, wars damit vorbei. Aber natürlich war in meinem Hinterkopf dauernd der Gedanke, dass sie möglichst bald Mozarts letztes Klavierkonzert oder das 1. Streichsextett von Brahms hören sollte. All das halt, was mein Leben seit Jahrzehnten zusammenhält. Doch wann?
Als ich an einem Sonntag Mozarts «Jupiter»-Sinfonie auflegte, schien die fast acht Monate alte Luule konzentriert zuzuhören, alsbald schlug sie mit dem Arm gar den Takt. Unglaublich war das, ich erkannte das Wunderkind, das in Kürze auf dem Flügel die Préludes von Skrjabin, auf der Geige Paganinis Capriccios spielen würde. Dann begann der langsame Satz und Luule schlug immer noch genau gleich schnell. Also kreuzfalsch. Es war wahrscheinlich ein Grund aufzuatmen.