Interview
«Manche Paare verbeissen sich in die Nachwuchsfrage.»

Keystone
wir eltern: Fällt es Paaren heute schwerer als früher, sich für ein Kind zu entscheiden?
Dr. Josef Lang: Früher sind Kinder einfach «hereingeschneit». Heute versuchen Paare, die Entscheidung für ein Kind bewusst zu fällen. Es ist typisch für unsere Zeit, dass man nicht nur zwischen 30 Brotsorten entscheiden muss, sondern auch bei so existenziellen Fragen wie der Geburt eines Kindes. Das ist sehr anspruchsvoll und fordert viel Verantwortungsgefühl. Das erfahren gerade Paare, die sich in dieser Frage nicht einig sind.
Welche Gründe geben Männer an, die keine Kinder wollen?
Oft kommen die Themen Autonomie und Freiheitsverlust zur Sprache. Der Mann hat Angst, durch ein Kind in seiner beruflichen Tätigkeit und in seiner Freizeit eingeschränkt zu werden. Vielleicht steckt dahinter die Befürchtung, er würde in der Familie zum Aussenseiter, weil die Frau ihre ganze Zuneigung dem Kind schenken könnte. Ökonomische Gründe und die Angst der Familie nicht gerecht zu werden, spielen ebenfalls eine Rolle. Vor 20, 30 Jahren hörte man noch oft das Argument: In diese Welt kann man doch keine Kinder hineinstellen. Das hört man heute weniger. Und schliesslich kann ein Grund auch die Angst sein, Erbkrankheiten weiterzugeben. Auf jeden Fall gibt es ganz verschiedene Gründe, die durchaus zu respektieren und nicht nur auf Egoismus zurückzuführen sind. Auch hinter der Entscheidung gegen ein Kind stecken Verantwortungsbewusstsein und realistische Selbsteinschätzung.
Es ist also nicht ein Zeichen mangelnder Liebe, wenn er keine Kinder mit ihr will?
Nein, das muss überhaupt nicht auf ein Beziehungsproblem oder mangelnde Liebe hinweisen. Er ist vielleicht sogar so zufrieden mit der Beziehung, dass er befürchtet, ein Kind würde diese gefährden. Das ist ja auch nicht ganz unbegründet, wenn man sich die Paarprobleme in der Beratungspraxis anhört. Ein Kind setzt die Gemeinschaft völlig neu zusammen, da wird emotional neu verteilt. Das betrifft im Übrigen die Frau genauso. Man kann der liebevollste Partner sein und trotzdem sagen: «Als Vater sehe ich mich nicht.»
Aber wie geht es mit der Beziehung weiter, wenn sie ein Kind will und er nicht?
Es kommt darauf an, wie die Argumente ausgetauscht werden. Wenn ein Partner sagt: «Ich kann mir mit dir keine Kinder vorstellen» – dann wird natürlich die Beziehung selbst massiv infrage gestellt. Heisst es aber: «Ich würde dir schon zutrauen, eine gute Mutter zu sein, aber ich vertraue mir nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich Vater sein könnte» – dann sollte das Vertrauen in die Beziehung nicht unbedingt erschüttert werden. Vielleicht passiert das aber trotzdem. Vieles hängt davon ab, wie ein Paar diese Fragen auseinandernimmt. Und es hängt davon ab, ob die Frau seine Gründe respektieren kann.
Wie kommen die Zwei aber nun zu einer Entscheidung, was kann ihnen dabei helfen?
Dass zwei Menschen unterschiedliche Perspektiven haben, ist eigentlich normal. Ein Konflikt in der Kinderfrage ist aber darum so schwierig, weil er so tief greifend und existenziell ist. Zudem sind ja nicht nur Sachargumente ausschlaggebend, sondern auch sehr viele emotionale Anteile. Viel Unbewusstes, Familieneinflüsse, gesellschaftliche Vorstellungen fliessen mit ein.
Der Weg ist eigentlich derselbe wie bei allen Konflikten: Erst einmal legt jeder in einem ruhigen Moment die eigenen Argumente auf den Tisch, während der andere wirklich zuhört, anerkennt, nicht abwertet, sich nicht verteidigt. Dann sind die Gründe beim Namen genannt. Damit ist natürlich noch keine Entscheidung gefällt. Dafür müssen beide auch sich selbst erforschen. Die Frau, die unbedingt Kinder will, à tout prix, bis zur Auflösung der Beziehung, sollte versuchen, sich mehr Klarheit zu verschaffen, warum das für sie so wahnsinnig wichtig ist – und was sie tun will, wenn es dann doch keine Kinder gibt. Und umgekehrt ist es hilfreich, wenn der Mann seinen Ängsten nachspürt und seine Zweifel hinterfragt. Sich darüber auszutauschen setzt sehr viel gegenseitiges Vertrauen voraus – und kann eine Beziehung ungemein stärken.
Oder der Konflikt gerät zum Machtkampf …
Tatsächlich verbeissen sich manche Paare buchstäblich in die Nachwuchsfrage. Dann sollte sich das Paar Zeit lassen, bewusst das Thema aussparen und gemeinsame Erlebnisse planen – was allerdings voraussetzt, dass bei der Frau nicht schon die biologische Uhr tickt. Eine hilfreiche Übung ist auch, sich auszumalen, wie man als Paar in zehn Jahren lebt. Wie sieht das aus, wenn wir keine Kinder haben? Was stellst du dir vor? Und wie sieht es aus, wenn wir Eltern sind? Sich dazu Geschichten erzählen, die Fantasie anregen. Es gibt ja viele Wege, wie Menschen sich beeinflussen oder überzeugen lassen. Druck bringt nichts. Am Schluss müssen beide zustimmen können.
Und wie wirkt sich die Kinderdiskussion auf die Sexualität aus?
Partnerschaft und Elternschaft werden heutzutage losgelöst voneinander gesehen. Beim Sex muss man in keiner Weise an eine Zeugung denken. Darum kann ein Paar, das verhütet, eine sehr lebendige Sexualität haben. Wenn aber ein Partner den Sex «instrumentalisiert », wenn der Mann zum Beispiel spürt, sie schläft nur an den fruchtbaren Tagen mit ihm, weil sie ein Kind will, kommt Misstrauen auf. Und das stört die Sexualität empfindlich.
Was, wenn sie ihn «überrumpelt» und einfach schwanger wird?
Vielleicht hat sie Glück und er nimmt es später als Schicksal hin und ergreift nicht gleich die Flucht. Aber es ist ein gefährlicher Versuch, weil sie das Vertrauen auf einer ganz grundlegenden Ebene ausnützt und missbraucht. Manchmal kommt das erst viel später als Vorwurf wieder: Du hast mich damals reingelegt. Früher oder später wird ein solcher Vertrauensbruch auf jeden Fall zum Thema.
Dr. Josef Lang ist Psychotherapeut mit eigener Praxis in Wettingen. Er ist Gründer und Betreiber des ersten deutschsprachigen Onlineangebotes für Paarberatung (www.paarberatung.ch) und Autor der «PaarKiste», mit deren Hilfe Paare anhand von 70 Antwortkarten und einem Begleitbuch spielerisch herausfinden können, in welchen Bereichen sie unterschiedlich «ticken» und wie sie womöglich konstruktiv mit diesen Unterschieden umgehen können. Verlag Hirschi+Troxler 2010, Fr. 38.–