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Fragen und Antworten rund ums Stillen
Macht Stillen schlaffe Brüste?
Von Christa Petrachi
Ums Stillen ranken sich allerlei Mythen und Ammenmärchen. Wir erklären, was es damit auf sich hat.
Stillen ist ein Vermächtnis der Natur an die Frau. Es ermöglicht der Frau, ihr Kind in der ersten Zeit seines Daseins durch ihren Körper zu ernähren. Sorgt sie gut für sich, sorgt sie auch gut für das Kind. Die Evolution hat sogar vorgesehen, dass Stillen nicht nur art-, sondern familienerhaltend ist; Muttermilch ist innerhalb der Familie der Säugetiere austauschbar. So können wir problemlos auch Kuh-, Schaf- oder Ziegenmilch trinken.
Der Mythos von Rom, in dem Wölfe die Gründer dieser Hauptstadt säugten und somit am Leben erhielten und grosszogen, ist aus biologischer Sicht möglich. Und umgekehrt ist es bei den Naturvölkern in den Regenwäldern Papua-Neuguineas gang und gäbe, Hunde an der Menschenbrust zu ernähren, um sie zu domestizieren. Keine erquickende Vorstellung für uns westliche Menschen.
Da wir unsere Kinder nicht zwischen Mambo schlangen und Lianen in Mangrovenwäldern gebären und stillen, sondern in einer der Natur entfremdeten Welt, fehlt uns heute oft der Zugang zum instinktiven Wissen über das Stillen. Die Verbreitung der industriell hergestellten Säuglingsmilch hat das ihre dazu beigetragen. Anderseits müssen wir uns dank den Errungenschaften von Medizin und Wissenschaft auch keine Ammenmärchen mehr auftischen lassen. Irmtraud Fäth, Stillberaterin IBCLC aus Zürich, beantwortet häufig gestellte Fragen zum Stillen:
Kann jede Frau stillen?
Rein biologisch oder anatomisch gesehen kann jede Frau stillen. Nach medizinischen oder kosmetischen Eingriffen wie Brustvergrösserung, -verkleinerung oder nach einer Bestrahlung ist Stillen in manchen Fällen nicht mehr möglich.
Ist es vererbt, wenn ich nicht stillen kann?
Stillen hat nichts mit Vererbung zu tun. Instinktiv setzen die meisten Frauen ihre Kinder richtig an der Brust an. Alles Weitere ist lernbar. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss, ob es mit dem Stillen klappt, hat das Umfeld. Es ist nicht egal, was die engsten Verwandten und Freunde über das Stillen denken. Tauchen Probleme auf, wird einer Mutter schnell einmal geraten: Still doch ab. Oft hat eine Frau aber nicht weniger Stress, wenn das Kind abgestillt ist. Viele der heutigen Mütter sind selbst nicht gestillt worden und können daher nicht auf Ratschläge ihrer Mütter in diesem Punkt zählen. Es herrscht eine Lücke im Generationenwissen. Wir orientieren uns daran, wie wir erzogen worden sind.
Muss bei Milchstau oder Brustentzündung abgestillt werden?
Vor der Brustentzündung staut sich die Milch. Reagiert die Frau sofort, kann eine Brustentzündung, eine sogenannte Mastitis abgewendet werden. Oberstes Gebot ist Ruhe, am besten Bettruhe. Gut helfen Quarkwickel, zudem soll das Kind die Brust leer trinken oder die Frau streicht die Milch selbst aus. Denn bleibt die Milch zu lange in der Brust, kann sich ein bakterieller Infekt entwickeln, der mit Antibiotika behandelt werden muss. Doch auch dann besteht kein Grund zum Abstillen. Frauenärzte sind gut informiert, welche Antibiotika für stillende Frauen geeignet sind. Zahlreiche Frauen haben Brustentzündungen hinter sich gebracht und hartnäckig und glücklich weitergestillt.
Sind meine Brüste zu klein fürs Stillen?
Die Brustgrösse hat keinen Einfluss auf die Milchmenge. Die Grösse der Brust wird durch die Menge an Fettgewebe bestimmt, die Fähigkeit Milch zu bilden hingegen durch das Brustdrüsengewebe. Dieses bildet sich in der Schwangerschaft fertig aus, was dazu führt, dass die Brust meist um eine BH-Grösse wächst.
Macht Stillen schlaffe Brüste?
Mit 30 Jahren erreichen das Verhältnis und die Qualität von Binde- und Fettgewebe ihren Zenit, danach muss sich jede Frau damit abfinden, dass ihre Brüste nie mehr so straff sein werden, wie sie es mal waren. Stillen beschleunigt diesen Vorgang nicht.
Bekommt mein Kind Koliken, wenn ich blähendes Gemüse esse?
Eine stillende Mutter kann essen, was sie auch in der Schwangerschaft vertragen hat. Wer den Eindruck bekommt, dass ein bestimmtes Nahrungsmittel beim Baby Blähungen verursacht, soll es eine Woche beiseite lassen und beobachten, ob es dem Kind besser geht. Gegen Koliken kann helfen, das Kind mindestens zwei Stunden täglich zu tragen und es ins Tragetuch oder in die Tragehilfe zu nehmen, bevor es zu weinen anfängt.
Muss ich zwischen den Stillmahlzeiten eine Pause von zwei Stunden einhalten, damit sich alte nicht mit frischer Muttermilch mischt?
Besser ist, das Kind nach dem Instinkt und nicht nach der Uhr zu stillen. Der Magen eines Neugeborenen ist nicht grösser als eine Murmel und wächst in zehn Tagen auf die Grösse eines Pingpongballs – die Milch passiert den Magen also schnell.
Macht langes Stillen runde Kinder?
Ja, denn zu Beginn ist die Milch eher wässrig und erst etwa nach zehn Minuten Saugen bildet sich die fettreiche Hintermilch, die für den adretten Babyspeck verantwortlich ist. Zahlreiche Studien haben jedoch ergeben, dass Stillen ein guter Schutz vor späterem Übergewicht ist.
Kann ich die Milchmenge steigern?
Grundsätzlich gilt die Regel, dass die Menge der Milch vom Brustdrüsengewebe abhängig ist. Durch häufiges Ansetzen des Kindes kann der Milchfluss angeregt werden. Mit dem richtigen Ansetzen dürfte den Brustwarzen nichts Schlimmes geschehen. Meist zahlt sich das häufigere Ansetzen mit einem zufriedenen Baby aus, womit die Mutter dann auch wieder an Ruhe gewinnt.
Ist Rivella milchbildend?
Rivella bildet nicht mehr Milch als die handelsüblichen Stilltees.
Härten Einreibungen von Schwarztee und Zitronensaft meine Brustwarzen ab, damit ich keine wunden Brustwarzen bekomme?
Schwarztee und Zitronensaft gehören nicht an die Brustwarzen. Sonne und Luft hingegen schon.
Nehmen stillende Frauen schneller ab?
Der Kalorienbedarf in der Stillzeit ist tatsächlich erhöht, die meisten Frauen nehmen deshalb in dieser Zeit ab – vorausgesetzt sie ernähren sich nicht nur von Schokolade und süssem Backwerk.