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Beziehung
Was machen Regenbogenfamililen besser?
Für Lisa Bendiek sind Regenbogenfamilien ein Modell für gelebte Gleichberechtigung. Wo Liebe wichtiger ist als Rollenbilder, geht es Kindern besser. Sie erleben weniger Gewalt, haben engere Beziehungen und entwickeln früh soziale und emotionale Fähigkeiten.
wir eltern: Der Titel Ihres Buches provoziert: «Lesben sind die besseren Väter». Was meinen Sie damit?
Lisa Bendiek: Ich meine nicht, dass Lesben die besseren Mütter sind. Aber oft übernehmen sie Aufgaben, denen Väter ausweichen. Kurz: Regenbogenfamilien teilen Care-Arbeit, Erwerbsarbeit und Beziehungsarbeit gerechter auf als die meisten heterosexuellen Paare. In diesen Familien tragen Frauen noch immer den grössten Teil der Last, und das erschöpft sie.
Woran zeigt sich dieses Bessersein?
Studien zeigen: Frauen in Regenbogenfamilien sind zufriedener mit der Rollenverteilung. Kinder sprechen mehr über Gefühle, erleben weniger Gewalt, entwickeln früher soziale Kompetenzen und fühlen sich weniger unter Druck, einer Norm entsprechen zu müssen. Natürlich sind das keine Regeln, aber klare Tendenzen.
Warum gelingt Gleich berechtigung in Regen bogenfamilien eher?
Weil vieles schon vorher besprochen wird: Wer gebärt ? Wer nimmt Elternzeit? Wie teilen wir Kosten und Risiken? Solche Gespräche verhindern, dass man in alte Muster rutscht. CareArbeit hat oft Vorrang, Erwerbsarbeit wird drum herum organisiert und nicht umgekehrt.
Was können Väter von lesbischen Müttern lernen?
Nicht-gebärende lesbische Mütter wissen: Elternschaft ist eine bewusste Entscheidung, kein biologisches Recht. Daraus entsteht Verantwortungsbereitschaft. Väter könnten genau davon lernen.
Mit anderen Worten: Ein Vater ist mehr als ein Erzeuger?
Genau. Vaterschaft ist kein Status, sondern tägliche Praxis. Dazu gehört auch Mental Load: Termine, Kommunikation mit der Kita, Organisation. Väter sollten nicht den Müttern helfen, sondern echte Verantwortung übernehmen.
Viele Männer sagen: Uns fehlen Vorbilder.
Das stimmt. Deshalb lade ich Väter ein, auf lesbische Mütter zu schauen. Dort gibt es Modelle für aktive, gleichberechtigte Elternschaft.
Was können heterosexuelle Paare sofort umsetzen?
Erstens: Beide Eltern haben gleich viel freie wir eltern 12–25 | 1–26 Zeit ohne Job, Haushalt, Kinder. Zweitens Verantwortung klar aufteilen, nicht nur kleine Aufgabenstücke. Drittens: Früh planen – Elternzeit, Arbeitszeiten, Notfallpläne. Klingt unromantisch, schützt aber vor klassischen Rollenfallen.
Lisa Bendiek, Philosophin und Buchautorin.
Was können Väter tun, damit es Müttern besser geht? Mütter gehören ja zu den erschöpftesten Gruppen unserer Gesellschaft.
Der Partnerin genauso viel freie Zeit ermöglichen, wie sie selbst haben. Care-Aufgaben vollständig übernehmen und auch die Organisation. Und ehrlich prüfen: Will ich wirklich meine Karriere mit Familienzeit bezahlen?
Braucht es Väter überhaupt noch, wenn wir Frauen alles unter uns lösen können?
Kinder brauchen keine traditionelle Vater-Mutter-Konstellation. Es gibt viele gute Familienformen. Aber Väter sind nicht überflüssig, wenn sie ihre Rolle aktiv gestalten. Dabei ist so wichtig: Enge Beziehungen machen glücklicher als Status oder Einkommen.
Sie schreiben auch über Ihren eigenen Vater.
Ja. Er war in den 1990ern Hausmann in einem katholischen Dorf und hat mich grösstenteils erzogen. Damals war das sehr ungewöhnlich. Mein Buch ist auch eine Liebeserklärung an ihn und ein Versuch zu verstehen, wie er das geschafft hat.
Aber viele sagen: Mütter sind biologisch mehr gebunden.
Die Forschung sagt anderes: Wenn Väter mit ihren Kindern aktiv sind, steigt ihr Oxytocinspiegel, das ist das sogenannte Kuschel- oder auch Bindungshormon. Gleichzeitig sinkt ihr Testosteronspiegel. Das zeigt: Bindung entsteht durch Beziehung, nicht durch Blutlinie.
Und rechtlich?
In Deutschland ist die Lage für Regenbogenfamilien schwierig. Zwei Mütter oder zwei Väter können nur über Stiefkindadoption beide Elternrechte bekommen – mit langen Verfahren und Hausbesuchen. Für Familien mit mehr als zwei Eltern gibt es gar keine Regelungen, obwohl das dem Kindeswohl dienen könnte.
Mehr als zwei Elternteile zu berechtigen, ist auch in der Schweiz utopisch. Zwar hat sich mit der Ehe für alle das Adoptionsverfahren erleichtert, aber die Hürden sind immer noch gross. Wie ist es gesellschaftlich? Was muss dort passieren?
Institutionen müssen diverser werden: keine Pflichtfelder «Mutter/Vater» auf Formularen. Keine Vatertagsbasteleien in Gruppen, in denen Kinder keinen Vater haben, dasselbe gilt natürlich für Muttertags-Geschenke. Die einen Kinder haben keine Mutter, andere haben vielleicht zwei. Und wir müssen unbedingt weiter die Betreuung ausbauen, Arbeitszeiten flexibilisieren und Alleinerziehende besser absichern. Denn solange eine Trennung vor allem für die Frauen Armut bedeutet, verhandeln sie aus einer sehr schwachen Position.
Welche heute noch utopischen Vorstellungen haben Sie?
Eine Gesellschaft, in der Kinder unabhängig von der Familienform überall Platz haben, eine Gesellschaft, in der der Beziehungen und Fürsorge mehr zählen als Status. Und Gesetze, die abbilden, was längst gelebt wird.

Lisa Bendiek ist Philosophin, Journalistin und politische Bildnerin. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihrem Kind in Leipzig und beschäftigt sich mit Gleichberechtigung, Care-Arbeit und queeren Familienformen.
Ihr Buch «Lesben sind die besseren Väter» erschien 2025 bei Edition Nautilus.

