Asyl
Leben im Nirgendwo

Athanasiou & Lüem
Die farbigen Container kauern zwischen Autobahnausfahrt und Güterbahnhof, am Stadtrand von Zürich. Verstecken sich hinter einer weissgetünchten Sichtschutzwand, zwischen gesichtslosen Bürogebäuden und einem Stück Brachland – dort, wo bald die Verrichtungsboxen für Prostituierte und Freier stehen werden. Wer hier lebt, hat um Asyl gebeten und wartet auf den Entscheid des Bundesamtes für Migration.
Ein Leben im Provisorium. Auch Darwishs wohnen hier. Obwohl sie gerne Wurzeln schlagen würden. Sich nichts sehnlicher wünschen, als ihren Kindern endlich ein Zuhause zu bieten, das von Dauer ist. Seit fast vier Jahren schieben sich die Schweiz und die Tschechische Republik die syrisch-kurdische Familie gegenseitig zu wie heisse Kartoffeln.
«Guten Tag», sagt Saliha. Ein kleiner Knicks, den Blick gesenkt, streckt das Mädchen dem Besuch die schmale Hand entgegen und dehnt die Silben bis zum Anschlag. Es hat gelernt, höflich zu sein gegenüber fremden Gesichtern. Wer weiss: Vielleicht kann eines Tages eines helfen, die Odyssee zu beenden.

Radebrechen in Deutsch
Zwischenstation der Reise der Darwishs ist Container Nummer 30.001, seit acht Monaten das Zuhause von Fatima (35), Saleh (34) und ihren fünf Kindern Saliha (9), Abdel (6), Can (5), Redur (3) und Kawa (1). Nein, kein schmuddeliges Dreckloch – hier lässt sich leben. Auch wenn die Metallbaracke nicht viel mehr als saubere Funktionalität ausstrahlt: grauer Linoleumboden, drei Schlafzimmer à 12 Quadratmeter, eine offene Gemeinschaftsküche mit Sitzecke.
Fatima – klein, rund, flink – stellt süss-trockenes Gebäck auf das rote Tischchen aus dem Brockiland, schenkt gut gezuckerten Kaffee nach, lebt auf in ihrer Gastfreundschaft. Sie radebricht in Deutsch, unterstreicht das Gesagte mit den Händen. Richtig hängengeblieben sind nicht viele Worte aus dem Deutschkurs. Wie denn auch, wenn so viel anderes den Kopf besetzt. «Stress», sagt Fatima immer wieder, während sie erzählt, «viel Stress», und drückt die Hand auf ihre Brust.
Darwishs sind Kurden. Und diese werden in Syrien seit jeher schikaniert und verfolgt. Ihre Sprache, Kleidung, Feste oder eine Berufslaufbahn als Beamter: alles verboten. Angehörige der kurdischen Minderheit hörten lange vor dem Ausbruch des jetzigen Bürgerkrieges die Schreie in Bashar al-Assads Folterkellern.
Mehrmals wurde Saleh Darwish verhaftet, im Gefängnis geschlagen und unter Androhung des Todes gezwungen, den Schergen des Regimes Informationen aus der verbotenen kurdischen Partei zu liefern, der er angehörte.
Die stete Angst – das prägt. Durch den weissen Schmetterlingsvorhang aus dem Brockenhaus hindurch sieht man hinaus auf einen gepflegten Kiesplatz, ein Baum steht da in Frühlingsblüte. Die Kinder der Darwishs aber verbringen die Schulferien drinnen. Fatima mag es nicht, wenn sie draussen spielen. Die befahrene Strasse, die Baustelle nebenan, die stets wechselnden Gesichter aus Somalia, Eritrea, Afghanistan – Gefahren können ausserhalb des Blickfeldes einer Mutter ins Unermessliche wachsen. Und so zwirbeln die Kleinen um die Kücheneinrichtung und Saliha kämmt verträumt die blonde Barbie. Oder alle fünf liegen zusammen auf den Matratzen am Boden im Kinderzimmer. Und holen die Welt über den Flachbildschirm ins Haus.
In Syrien gehörte die Familie zu den Privilegierten im Dorf: ein Stück Land, ein Haus, ein kleines Lastwagenunternehmen – alles, was es braucht, eine Familie durchzubringen. Saleh aber wollte nicht, dass seine Kinder mit der steten Angst aufwachsen, ihren Vater zu verlieren.
Fingerabdrücke
Deshalb verkaufte er einen grossen Teil seines Besitzes. Die 2 Millionen syrische Lira, fast 40 000 Franken, reichten für die Schlepper, die die Familie 2008 mit den drei Erstgeborenen über Ägypten nach Europa in die Tschechische Republik brachte. Dort stellte die Familie das erste Asylgesuch.
Das aber wurde abgelehnt. Weshalb, ist nicht ganz klar: Traute man damals der syrischen Regierung noch keine Greueltaten zu? Zurück nach Syrien konnten die Darwishs angesichts der Todesdrohungen nicht.
In der Schweiz, so hörten sie, erfasse man bei den Flüchtlingen noch keine Fingerabdrücke. Doch wenige Tage vor ihrer Einreise, am 27. Dezember 2008, änderte hierzulande das Gesetz. Jetzt war auch die Schweiz angeschlossen an die elektronische Datenbank zum internationalen Abgleich von Fingerprints.
Damit hatten sich die Darwishs im Netz des Schengen/Dublin-Abkommens, das sich über Europa spannt, verheddert. Egal, in welchem Land sie fortan ein Asylgesuch einreichen – sie werden in jenen Staat zurückgeschickt, in dem sie das Erstasylgesuch gestellt hatten: nach Tschechien.
Im Vakuum der Ungewissheit hat es sein Gutes, wenn der Alltag eine Struktur einfordert. Erst recht mit Kindern: Die Wäsche muss gewaschen, Streithähne besänftigt, Mäuler gestopft werden. 1925 Franken monatlich steht der Familie zur Verfügung, so bestimmt es die Asylfürsorgeverordnung. Miete und Krankenkasse bezahlt der Staat.
Das reiche gut, nicken Fatima und Saleh. Waschpulver im XXL-Pack, Putzmittel und Kleider kaufen sie in Otto’s, kleine Möbel und Spielzeug im Brockiland. Migros und Coop? «Zu teuer!», sagt Fatima und lacht. Die Billigwarenketten hingegen zählt sie in einem Atemzug auf.

Die Bürde tragen
Und schiebt jetzt mit Saliha den Einkaufswagen konzentriert den Regalen im Aldi entlang. Die beiden vergleichen die Preise, erörtern, was fehlt. Fatima fischt nach tiefgefrorenem Gemüse aus der Truhe: günstig soll es sein – aber auch gesund. Das Eis legt Saliha auf Geheiss der Mutter grummelnd wieder zurück. Reis, Poulet, Öl, Apfelessig, Bananen – für den gut gefüllten Einkaufswagen bezahlt Fatima 41.69 Franken.
Die schweren Papier- und Plastiktaschen will sie selber schleppen – Hilfe lehnt Fatima energisch ab. Keiner soll denken, sie hätte nicht die Kraft, die Bürde zu tragen.
Sie müsse sich schonen, warnte die Ärztin beim letzten Ultraschall. Wegen des Kindes im Bauch. Fatima ist zum sechsten Mal schwanger, in der 32. Woche, trotz einer vor eineinhalb Jahren in Tschechien durchgeführten Unterbindung. Nein, kein vorgeschobener Grund, um sich mit einer weiteren Schwangerschaft das Bleiberecht zu erwirken. Sondern eine seltene, aber ärztlich bestätigte «Gravidität trotz Sterilisation».
«Ich will das Kind nicht», sagte Fatima zu Saleh, als man die Schwangerschaft feststellte. «Du musst es nicht austragen», sagte er zu ihr. «Allah wird verstehen, dass wir jetzt nicht noch ein Kind gebrauchen können.» Für eine Abtreibung aber war es zu spät.
Ob sich Saliha auf das Brüderchen freut? Das Mädchen zuckt die Schultern, blickt schwermütig, mit Augen schwarz wie Murmeln. Nein, darüber will sie nicht sprechen. Über die Schule hingegen schon. Saliha richtet sich auf im Sofa, reckt das Kinn und beginnt mit einem Anflug von Stolz die Namen ihrer Freundinnen aufzuzählen: Erika, Stefanie, Christina – und viele mehr. Saliha mag die Lehrerin, Mathe, Lesen, Deutsch für Fremdsprachige. Ein neugieriges und wissensdurstiges Kind. Und in der Schule kann Saliha die Kopf- und Bauchschmerzen für ein paar Stunden vergessen. Diese Quälgeister im Körper, die sie sonst Tag und Nacht plagen. «Schwere und mehrfache posttraumatische Belastungsstörung», heisst es dazu in den Akten.

Begonnen habe es vor zweieinhalb Jahren, erzählt Fatima. Bei der letzten «Überstellung » nach Tschechien. Damals drangen im Asylzentrum in Embrach frühmorgens – die Familie schlief noch – acht bewaffnete Polizisten in das Zimmer der Darwishs ein, einer stieg durchs Fenster. Die Kinder erschraken zu Tode, schrien und weinten. Die Vollzugsbehörde durchsuchte die Eltern, packte die Habseligkeiten der Familie in Koffer, fuhr sie auf den Flughafen Zürich Kloten und setzte sie in ein Flugzeug nach Prag.
Nicht zuständig!, proklamierte man in Tschechien und schickte die Darwishs mit derselben Maschine zurück nach Zürich. Die Schweiz ihrerseits schaffte die Familie kurz darauf wieder nach Prag aus. Seit jenem Morgen stottert Abdel, und Saliha schnürt es am Tisch nach zwei Bissen die Kehle zu.
Natürlich möchte Saleh Darwish arbeiten. Als Lastwagenfahrer, Küchenhilfe, Müllmann. Alles würde er dafür tun, um zu zeigen, dass er für seine Familie sorgen kann. Dass er auf Sozialhilfe nicht angewiesen ist, die ihn zum ewigen Bittsteller erniedrigt. Aber das Gesetz verbietet, abgelehnten Asylsuchenden einer Arbeit nachzugehen.
Saleh ist ein geduldiger Mensch, ein liebevoller Familienvater. Er packt mit an, wo immer er kann. Er rüstet Kartoffeln, bäckt Fladenbrot, schiebt das Poulet, gut gewürzt, in den Ofen, tischt auf, wäscht das Geschirr, wechselt die Windeln, drückt den weinenden Kawa an seine Brust, bis er einschläft. Fatima übersieht derweil geflissentlich die verächtlichen Blicke der afghanischen Flüchtlingsfrauen im selben Wohncontainer. Ein Mann, der Weiberkram erledigt?
Gefängniszelle
Saleh übernimmt auch Behördengänge, trifft Rechtshilfevertreter und Leute von kirchlichen Organisationen. Er studiert eingeschriebene Dokumente und rudert in der Juristensprache zuweilen wie ein Ertrinkender. «Rechtsmitteleingabe», «Beschwerdeführer », «Wegweisungsvollzug» – was heisst das?
Am schlimmsten wäre es, sagen die Eltern, noch einmal in die Tschechische Republik ausgeschafft zu werden. Fatimas Lippen zittern, sie presst die Hand auf ihre Brust. Damals platzierte man die Familie sechs Monate lang in einer Einzelzelle eines ausgedienten Gefängnisses, abseits des Dorfes Bela pod Bezdezem, umgeben von nichts als Wald . Eine Notlösung für Asylsuchende mangels anderer Unterkünfte. Maschendrahtzaun, Polizeipatrouillen, Kampfhunde, Ausgangssperre bis auf wenige Stunden pro Tag, die Toiletten verstopft, die Küche verdreckt, die Kinder krank, es fehlte an medizinischer Versorgung, Schule gab es keine.
«Ich spreche nicht falsch!», ruft Fatima verzweifelt. Als sässe sie erneut vor einer Behörde, die ihr keinen Glauben schenkt. Weshalb aber kamen die Darwishs nach Tschechien erneut in die Schweiz? Weil die Tschechische Republik ihr Asylgesuch Anfang 2011 das zweite Mal abgelehnt hatte. Und weil Flüchtlinge sich ihre Chancen, in einem Land Unterschlupf zu finden, nach eigenen Regeln ausrechnen. Es sei besser, sagen die Darwishs, in Europa in möglichst wenigen Ländern daktyloskopiert zu werden. Lieber den Finger fünfmal in der Schweiz und fünfmal in Tschechien aufs Papier drücken, als in einem Drittland anzuklopfen.
Schengen/Dublin
- Das Schengen-Abkommen erleichtert den Reiseverkehr, da an den Binnengrenzen die Personenkontrollen wegfallen. Dafür werden die Schengen-Aussengrenzen verschärft kontrolliert. Eine europaweite Fahndungsdatenbank hilft im Kampf gegen die Kriminalität.
- Das Dubliner Abkommen stellt sicher, dass Asylsuchende nur ein Asylgesuch im Dubliner Raum stellen. Die Verordnung legt fest, welcher Staat für das Gesuch zuständig ist. Nicht überall sind die Asyl- und Sozialstandards gleich gut erfüllt. Griechenland z.B. wurde wegen Verstoss gegen die europäische Menschenrechtskonvention verurteilt. Am Dubliner Abkommen beteiligen sich 31 Staaten.
- Die elektronische Fingerabdruck-Datenbank Eurodac identifiziert Personen, die in mehreren Ländern ein Asylgesuch gestellt haben.
«Warum negativ?»
Genützt hat es nichts. Saleh sitzt eingesunken auf dem türkisfarbenen Kunststoffsofa aus dem Brockenhaus – das bislang letzte Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes auf dem Schoss. Die Wegweisung der Familie ins Erstasylland, also Tschechien, sei «zu lässig, zumutbar und möglich», heisst es darin – also zwingend. Ungeachtet Fatimas Schwangerschaft, ungeachtet der mehrfach traumatisierten Kinder.
«Warum negativ?», fragt Saleh müde, «warum negativ?» Der leise Trommelschlag der Hoffnung darf nicht verstummen. Fatima weint. «Ich will nicht nach Tschechien! Nicht ins Gefängnis zurück!»
Die Familie, längst zum Spielball kafkaesker Gesetze und Verfahren geworden, wartet erneut auf ihre Ausschaffung.
Weshalb schiebt man Kinder und ihre Eltern in einem fort quer durch Europa? Solange, bis die Würde wie ein zerschlissenes Kleid an ihnen hängt. Und eine Mutter Dinge sagen lässt, die sie nicht einmal denken sollte. «Ich mache mich tot!», flüstert Fatima.
Schmal und starr sitzt Saliha zwischen ihren Eltern. Nur der Schmetterlingsvorhang zittert leise hinter ihrem Rücken.