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Remo Largo im Gespräch
«Kinder oder Kampfjets?»
Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo plädiert für Gratiskrippen und wünscht sich Frauenpower in der Politik.
Remo Largo ist am 11.11.2020 gestorben. Lesen Sie hier unsere Würdigung.
Hoch oberhalb von Uznach (SG) wohnt Remo Largo. Vom Wohnzimmer aus hat er einen fantastischen Weitblick in die Glarner Alpen. Ein Tripp-Trapp-Stuhl am Esstisch zeugt davon, dass die Enkel einen festen Platz haben im Leben des berühmten Kinderarztes.
wir eltern: Herr Largo, wäre es nicht an der Zeit für einen Titel «Elternjahre»?
Remo Largo: Wenn schon, dann «Seniorenjahre». Wenn ich etwas übers Erwachsenenalter schreiben wollte, müsste ich sehr viel recherchieren. Ich glaube nicht, dass ich das noch schaffe. (Lacht)
Laut einer nationalen Studie im Auftrag von Pro Juventute fühlen sich zwei Drittel aller Eltern regelmässig überfordert. Was ist los?
Überforderte Eltern hat es immer gegeben. Wenn man bedenkt, dass bis ins 19. Jahrhundert über ein Drittel der Mütter starb, bevor ihre Kinder das Erwachsenenalter erreichten, kann man sich vorstellen, wie schwierig die Erziehung war. Das grosse Problem heute ist, dass man meint, Eltern schaffen alles alleine. Eltern fehlt die notwendige Unterstützung durch andere Bezugspersonen. Vielen macht es immer weniger Freude, Kinder zu haben, weil die Belastung zu gross ist.
Kinder haben ja, wie Sie eben sagten, früher auch nicht immer Freude gemacht.
Aber früher waren Kinder Schicksal. Heute mit der Pille ist es nicht mehr so. Das ergibt eine Reihe von Problemen. Da wäre ein demografisches: Wir haben in der Schweiz ein Geburtendefizit von knapp 30 000 Kindern pro Jahr, die nicht geboren werden, weil die jungen Menschen Angst vor der Elternschaft haben. Die fehlenden Arbeitskräfte holen wir dann aus dem Ausland. Ein weiteres Problem ist, dass auch den Kindern Bezugspersonen fehlen: Sie wollen auch andere Vorbilder als ihre Eltern haben.
Plädieren Sie deshalb für ein umfassendes Gratis-Krippenangebot?
Kindertagesstätten erfüllen heute eine Funktion wie die Schule. Sie gehören nicht mehr in den Privatbereich, sondern sind eine Dienstleistung, die die Gesellschaft alimentieren sollte. Wenn Krippen teuer sind, kann nur ein Teil der Bevölkerung sich diese leisten. Viele suchen dann günstigere, oft schlechtere Lösungen. Wer darunter leidet, sind die Kinder. Es gibt aber nicht nur zu wenige Bezugspersonen, sondern auch zu wenig Kinder. Kinder wollen mit anderen Kindern aufwachsen. Sie lernen viel voneinander. Auf dem Land haben Eltern noch mehr Kinder; hier funktioniert der Austausch etwas besser. Aber in den Städten ist das nicht mehr der Fall.
In den Städten gibt es Spielplätze.
Die meisten sind trostlos. Es geht um ein Umfeld, in dem Kinder nicht ständig beaufsichtigt werden müssten. Kinder sind daher viel in der Wohnung und dann ist die Versuchung gross, sie fernsehen oder gamen zu lassen. Einfach, damit sie beschäftigt sind.
Gleichzeitig ist der Umgang mit Medien einer der Punkte, bei denen Eltern überfordert sind.
Das sind Pseudodiskussionen. Wir diskutieren endlos, wie schädlich Medien sein könnten. Aber die Realität ist, dass zwei- bis vierjährige Kinder täglich eine Stunde oder mehr vor dem TV sitzen. Die richtige Diskussion wäre also: Warum setzen Eltern die Kinder vor den Fernseher?
Wie könnte man die Mütter oder Väter, die zu Hause sind, entlasten?
Auch die beste Mutter kann andere Kinder nicht ersetzen. Ab dem zweiten Lebensjahr sollten Kinder jeden Tag drei bis vier Stunden mit anderen Kindern spielen können.
Damit sind wir wieder bei Kitas oder Spielgruppen, die diese Funktion erfüllen.
Der Akzent hat sich bei den Krippen in den letzten Jahren verschoben. Bisher betrachtete man sie als Entlastung für Eltern, die arbeiten müssen. Heute ist der Fokus – Politiker haben es nur noch nicht gemerkt – auf der Förderung der Kinder. Einzelkinder, die nicht in die Krippe gehen, entwickeln sich oft weniger gut als Krippenkinder. Mit anderen Worten: Es ist enorm wichtig, was für Erfahrungen die Kinder in der Krippe machen können und wie die Krippe qualitativ ausgestattet ist. Ich vermute, wenn man das wirklich gut machen will für all die Kinder, die es brauchen, dann kostet es etwa zwei Milliarden Franken pro Jahr. Jetzt ist einfach die Frage: Ist die Gesellschaft bereit, das zu bezahlen, oder kauft sie lieber Kampfjets?
Ist das nicht eine rhetorische Frage?
Leider nicht. Es tönt zynisch, wenn man das so sagt, aber es ist wirklich so.
Die erwähnte Studie zeigte auch auf, dass heute doppelt so viele Eltern Probleme mit der Erziehung bekunden wie vor 15 Jahren. Woran liegt das?
In Bezug auf die Erziehung erleben wir eine eigentliche Zäsur. Bis in die 60er-Jahre hinein hatten wir die Erziehung vom Mann vorgegeben, autoritär und oft repressiv. Man ging davon aus, dass Kinder nur gehorchen, weil sie Strafe befürchten. Seit einigen Jahrzehnten wird nun auf der Grundannahme erzogen: Wenn ich zum Kind eine gute Beziehung habe, dann gehorcht es. Doch was, wenn die Beziehung nicht gut ist? In der Schweiz beschäftigen sich Väter rund 20 Minuten pro Tag mit ihrem Kind, wenn man die Mahlzeiten abzieht. Fehlen Zeit und Beziehung, werden die Eltern repressiv oder verwöhnen die Kinder.
Wie ist es bei arbeitenden Müttern?
Sie kommen besonders unter Druck. Und es zieht weitere Kreise: Wenn die Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind in der Schule ungenügend ist, wird es zu Hause noch schwieriger. Wenn die Krippe nicht gut ist, ist der Anspruch des Kindes an die Eltern höher. Alles ist miteinander verknüpft.
Umgekehrt entlastet eine gute Beziehung in der Schule oder Kita die Eltern.
Das ist tatsächlich so. Darum betone ich stets, wie enorm wichtig eine gute Beziehungsqualität ist.
Hat die Verunsicherung der Eltern auch damit zu tun, dass sie nicht wissen, wie sie ihre eigenen Rollen gestalten wollen?
Solange die Gesellschaft nicht bereit ist umzudenken, bleibt es für Eltern schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren. Heute herrscht in der Gesellschaft immer noch die Meinung vor, dass Arbeit prioritär ist, auch wenn es auf Kosten der Familie geht. Wir können so weitermachen, dann wird es immer weniger Kinder geben. Die fehlende Verfügbarkeit der Väter ist eine der Hauptgründe für die hohe Scheidungsquote. Viele Mütter erwarten, dass die Kinder gemeinsam erzogen werden.
Und wie schafft man die nötigen Rahmenbedingungen?
Familie und Kinder müssen massiv aufgewertet werden. Das geht meines Erachtens nur über eine Frauen- oder Familienpartei. Bis jetzt haben sich Frauen gescheut, diese politische Aufgabe auf sich zu nehmen. Doch es brodelt. Immer mehr Frauen schaffen den Spagat zwischen Familie und Beruf nicht mehr. 40 Prozent der Akademikerinnen haben keine Kinder.
Was halten Sie von der neuen Männer- und Väterbewegung?
Diese Männer haben sehr berechtigte Anliegen, aber sie stehen quer in der Landschaft. Die Mehrheit der Politiker in unserer Gesellschaft hat dafür kein Gehör.
Was für ein Vater waren Sie selbst? Sie mussten als Arzt und Wissenschaftler sicher viel arbeiten.
Ich war sehr privilegiert. In den USA wie hier am Kinderspital konnte ich immer frei arbeiten.
War die partnerschaftliche Kinderbetreuung noch kein Thema?
Es gab Phasen, in denen ich aus verschiedenen Gründen alleine für meine Kinder sorgte.
Sind Sie ein engagierter Grossvater?
Gerade eben waren meine beiden jüngeren Enkel ein paar Tage bei uns. Ich würde meinen, meine Frau hat etwa 60 Prozent, ich 40 Prozent der Betreuung geleistet.
Sind Sie mehr der Typus Spielkamerad als der autoritäre Grossvater?
Das Autoritäre liegt mir nicht. Das kommt auch aus meiner Arbeit heraus. In den USA tat ich einmal zwei Jahre lang nichts anderes, als Kindern beim Spielen zuzuschauen. Das ist ein wenig speziell, ich weiss.
Zur Person
«Übervater der Nation», «Erziehungspapst», «Gott der Kindererziehung»: Medien verleihen dem emeritierten Professor für Kinderheilkunde Titel der Superlative. Remo Largos Werke wie «Babyjahre» (1993), «Kinderjahre» (1999) oder jüngst «Jugendjahre» (2011) sind Top- und Longseller. Insgesamt sind bisher zirka 1,7 Millionen Largo-Titel verkauft worden. 1975 bis 2005 leitete er die Abteilung Wachstum und Entwicklung an der Universitätsklinik Zürich. Remo Largo hat drei Töchter und vier Grosskinder.
Das Interview wurde im Juni 2012 im Haus von Remo Largo in Uetliburg (SG) geführt.