Brustkrebs
Kaum Mutter – schon Brustkrebs

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Wenn man 35 Jahre alt ist, berufstätig und Mutter eines bald zweijährigen Kindes, denkt man nicht an Brustkrebs. Es ist keine Option, wenn man gerade neues Leben in die Welt gesetzt hat und täglich dem Wunder beim Wachsen zusehen darf. Man wird gebraucht, hat eine Verantwortung, man will dabei sein. Brustkrebs gehört da nicht hin. Wo gehört der schon hin? Krankheiten generell gehören, wenn schon, dann ins Alter, auf den Mond, was weiss ich, auf jeden Fall nicht hierhin, nicht zu mir, nicht jetzt.
Nicht jetzt. Keine Zeit.
Die Diagnose Brustkrebs erhielt ich im Juni 2009. Sie versetzte mich in eine Art Trance; in einen über mehrere Monate dauernden Schockzustand, der mich immer wieder hinund herriss zwischen zwei Filmen. Hier die rosige, süss duftende, strahlende, blühende, jauchzende Kleinkinderwelt; da die Trauer, der Abschied, das Siechtum, die Verstümmelung, der Horror, die Ungewissheit, die Möglichkeit des Sterbens vor Augen.
Wie noch nie in meinem Leben bin ich auf mich selbst zurückgeworfen worden. Mit Gewalt verschob sich der Fokus auf mich, auf mein Überleben. Heute erscheint es mir verrückt, aber: Ich habe viele Monate gebraucht, bis ich überleben wollte. Die erste Reaktion auf die Diagnose war heftiger, wütender Trotz: Okay, wenn die da oben, blöde Schicksalsmacher, das so wollen, dann geh ich halt. Die können mich alle mal. Und falls sie gedacht haben, ich würde kämpfen, dann haben die sich so was von getäuscht. Leckt mich doch alle. Hab ichs doch schon immer gewusst. Prädikat lebensuntauglich. Und tschüss! (Stinkefinger, Zigarette, Whiskey, Abgang).
Nach dem Trotz wurde ich plötzlich Teil einer hässlichen Statistik. Sie besagt, dass fünf Jahre nach der Brustkrebs-Diagnose soundsoviele Frauen noch leben, nach zehn Jahren soundsoviele, und nach 15 Jahren auch noch ein paar.
Niemand, der ein zweijähriges Kind hat, denkt in Fünfjahresschritten. Eine Weile rechnete ich nur noch in Kinderjahren. Wann wäre es am besten, zu sterben? Wenn das Kind sechs ist, acht, vor oder nach der Pubertät, oder möglichst bald, dass es sich später nicht allzu sehr an das Verlassenwerden erinnern würde? Die Mutter als diffuses, schönes, unbewusstes Gefühl? Wann tat es am wenigsten weh?
Doch irgendwann wechselte ich die Perspektive. ICH wollte mein Kind gross werden sehen! Ich wollte DABEI sein, wenn es seinen ersten Köpfler vom Sprungbrett machte. Durfte ich das wünschen? Und wie weit durfte ich in die Zukunft denken? Bis zum ersten Schultag? Oder etwas darüber, wenns denn möglich ist? Bis er ausgezogen ist, vielleicht? Seine erste Freundin hat? Sein Geld selber verdienen kann?
Ich wollte nicht fünf Jahre irgendwie überleben. Ich wollte gesund werden. Ich wollte zwei unversehrte Brüste, ich wollte meine Fruchtbarkeit, ich wollte noch ein Kind, ich wollte: ALLES. Und wenn ich das nicht haben konnte, dann, bitteschön, dann lieber gar nichts.
Die Diagnose erwischte mich mit voller Wucht und erschütterte mich bis ins Innerste. Das tut sie wohl bei allen Menschen. Doch interessant wird es bei der Reaktion. Wie gehe ich um mit dem Schock? Wie finde ich die Kraft, den Alltag zu bewältigen? Mit einem kleinen Kind ist dieser Alltag vorgegeben: Action von morgen früh bis abends spät, Fokus auf dem Kind und seinen Bedürfnissen, von denen es nonstop welche hat. Von einem Zweijährigen kannst du kein Verständnis erwarten, keine Rücksichtnahme, keine Empathie und schon gar keine Unterstützung. Ist ja klar: Ich bin die Grosse, er ist der Kleine. Meine Last ist nicht die seine.

Ist es nicht wieder mal schrecklich ironisch, das Schicksal?
Ich: Homöopathin mit Leib und Seele; überzeugte, wenn auch undisziplinierte Anhängerin des Bio-Food (Business-Mama isst sozusagen fleischgewordenes Biogemüse), medikamentenfrei, Aluminium-Deofrei, einigermassen rauchfrei, einigermassen sportlich. Ein einigermassen gesundes Leben halt, und das nicht etwa aus Angst vor Krankheit, sondern schlicht aus logischer Überzeugung.
Voyeuristische Blicke
Ich wusste das, und ich wusste auch, dass ich nicht das Recht hatte, zusammenzubrechen. Nicht vor dem Kind, nicht in meiner Rolle als Mutter. Das Kind war von mir abhängig, ich hatte stark zu sein. Ich musste das Kind beschützen, ihm Sicherheit und Halt geben. Um jeden Preis. Und das war das Dilemma. Weil ich eigentlich nichts lieber tun wollte als zusammenbrechen und wegdriften.
Ob es gut war? Spüren Kinder nicht sowieso alles, auch das, was ungesagt bleibt? Intellektuell kann ein zwei-, vier- oder sechsjähriges Kind wohl kaum die Dimension einer Krankheit wie Krebs begreifen. Was hätte es also für einen Sinn, ihm davon zu erzählen? Was Kinder wissen, ist: Wenn man krank ist, legt man sich ein paar Tage ins Bett, jammert ein bisschen, und dann ist man wieder gesund. Dem Kind sagen, dass man Krebs hat? Damit es dann im Sandkasten und im Kindergarten überall davon erzählt und in betroffene, schockierte, mitleidsvolle Gesichter blickt, weil Krebs gleich Horror?
Andererseits: Wie lange darf ich mein Kind anlügen? Ihm etwas vormachen, die lustige, starke Optimistin spielen? Authentisch ist das nicht. Und doch gab es für mich keine andere Option. Der Kleine hat seine heile Welt verdient, eine Welt so heil und unversehrt wie er selber. Ich habe mich also zusammengerissen. Bei der Mammografie, in die ich schnellstmöglich geschickt wurde, nachdem der Ultraschall auf einen «sehr suspekten Herd» hinwies. Bei der Stanzbiopsie, wo mir zwei wurmdicke Zentimeter Brust-, nein, Tumorgewebe entnommen wurden. Ich spürte den wachsenden Ernst, die plötzlich veränderte Stimmung, das gierige wissenschaftliche Interesse der Ärzte, die voyeuristischen Blicke der wissenden Belegschaft in meinem Rücken.

Angst, Wut, Unglaube
Ich riss mich zusammen und ging gleich anschliessend an die Biopsie wieder in meine Praxis (Homöopathie, oh Ironie), wo ich scheinbar souverän den Platz hinter dem Behandlungstisch einnahm, äusserlich wie immer, innerlich gelähmt, geschockt, starr vor Angst. Ich wusste, dass ich Krebs hatte. Ich wusste es, seit der Herr Mammografie-Spezialist es nicht gewagt hatte, mir in die Augen zu sehen und Tacheles zu reden, sondern ein derart unbeholfenes, verworrenes, nichtssagendes Spezialisten-Blabla von sich gab, dass ich bereue, es nicht auf Tonband aufgenommen zu haben. Super-Sketch-Vorlage.
Ich verlangte, die Mammografie-Aufnahme ausgehändigt zu bekommen – schliesslich hatte ich mir dafür beide Brüste platt drücken lassen wie zwei Omelettes – und sah, was unübersehbar war: einen Tumorstern. Den Krebs mit seinen Ausläufern im linken oberen Quadranten meiner linken Brust. Plus weitere Kleinstherde in der ganzen Brust, sogenannt polyfokal und multizentrisch, sprich ganze Brust ab.
Immer wieder packte und packt mich Todesangst. Obwohl einem die Mediziner beruhigend weismachen wollen, Brustkrebs sei heutzutage heilbar. Doch: Weiss ich im Vornherein, auf welcher Seite der Statistik ich stehe? Was heisst schon geheilt? Brust ab, Hormone unterdrückt, Zellwachstum gehemmt. Ist das Heilung? Anders gefragt: Ist damit das, was den Krebs hat entstehen und wachsen lassen, auch eliminiert?
Jede Frau geht anders um mit der Diagnose Brustkrebs. Was sicher ist: Alle werden wir auf uns selbst zurückgeworfen, zurück auf eine instinktive, zutiefst in uns verankerte, unkompensierte Reaktionsweise, ähnlich wie unter der Geburt. Da hat der Verstand nicht viel mitzureden, der Bauch übernimmt das Kommando. Und da sitzen sie alle dicht nebeneinander: die Angst, die Wut, die Verzweiflung, der Kummer, der Trotz, der Unglaube.
Viel Wasser ist die Aare runtergeflossen seit dem Schlag in meine Schlagseite. Der Verstand meldete sich irgendwann zurück, die Bauchkinder wechseln sich ab in mehr und weniger moderater Aktivität, den Optimismus habe ich mir zurückerkämpft. Auch dank meines Sohnes, der mir die Lebenslust derart unverschämt begeistert vorlebt, dass ich gar nicht anders kann, als mitzufeiern. Aktuelles Fernziel: Grossmutter werden.