Interview
«Jünger durch die Enkel»

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wir eltern: Herr Professor Höpflinger, Sie haben drei Enkelkinder. Erstaunlich, dass Sie trotzdem Zeit zu einem Interview haben. Bei einer Summe von jährlich etwa zwei Milliarden Franken, die Grosseltern-Dienste ausmachen, müssten Sie doch voll eingespannt sein.
François Höpflinger: Drei Milliarden sind es in der Schweiz sogar. Allerdings muss man fragen, wie sich diese Summe zusammensetzt. Nur aus dem Geld, das Eltern an Krippenkosten sparen oder wird auch ein Verdienstausfall der Grosseltern einberechnet? Grosseltern sind meist noch im Erwerbsleben, wenn erstmals Enkel kommen. Zu Ihrer Frage: Klar, hüte ich. Einmal die Woche bei meiner Tochter. Die Kinder sind 5 und 7 Jahre alt. An 1-2 weiteren Tagen hüten die anderen Grosseltern. Meine Tochter arbeitet wissenschaftlich – eine andere Art der Betreuung würde schwierig.
Ich frage mal ganz gemein: Findet die Emanzipation auf dem Rücken der Grosseltern statt? Ist Berufstätigkeit von Frauen nur durch Grosi-Support möglich?
Das klingt wirklich gemein und ist auch viel komplexer. Aber richtig ist: Grosseltern dienen als Reservekapazität und wichtige Ressource im Erwerbsleben.
Wo leben denn die engagiertesten Omas und Opas? Sagen Sie bitte nicht in Skandinavien.
Doch. In Schweden hüten Grosseltern häufiger als etwa in Spanien oder Griechenland.
Ich dachte, die Menschen im Süden seien kinderfreundlicher.
Das ist verzwickt. Im Süden ist das Verhältnis zwischen den Generationen intensiver. Also: Grosseltern müssen etwa wegen fehlender Infrastruktur gleich mehrere Tage die Woche hüten, damit die Tochter arbeiten kann. Auch ist die Beziehung der älteren Generation zu ihren Kindern eine andere. Arbeitslose Eltern sind auf die Grosseltern als Unterstützer angewiesen. Alte Menschen in Sachen Pflege auf ihre Kinder. Diese Abhängigkeiten sorgen für Spannung. In Schweden dagegen ist es so: Die Enkelkinder gehen in eine Krippe – das Betreuungssystem ist dort prima ausgebaut – und einen Tag hüten die Grosseltern. Das ist für niemanden eine Überlastung. Auch ist in den nordischen Ländern die Gesundheit der älteren Generation meist besser. Sie sind fit genug, um mit kleinen Kindern umzugehen.
Es ist also ein wenig widersprüchlich? Je besser das öffentliche Betreuungssystem und je weniger die Grosseltern eigentlich gebraucht würden, desto mehr setzen sie sich ein?
Ja. Das Verhältnis der Generationen zueinander wird durch gute sozialpolitische Strukturen verbessert.
Rechte haben Grosseltern aber an ihre Enkelkinder keine.
Das ist so. Eigentlich ist in der Schweiz der Einfluss der Älteren seit dem 16. Jahrhundert, also seit junge Menschen ohne Zustimmung der Eltern heiraten dürfen, kontinuierlich geschrumpft. Etwa in Burkina Faso sieht das völlig anders aus. Da bestimmt die älteste Frau im Clan, was getan oder nicht getan wird.
Im Alter scheint das Machtverhältnis Männer-Frauen zu drehen. Grossmütter hüten häufiger, geben Traditionen weiter.
Richtig. Die Grossmutter ist als Muttersupport fest verankert. Heute engagieren sich zwar auch viele Grossväter, aber noch immer meist nur zusammen mit der Oma.
Haben Grosseltern darüber hinaus Bedeutung?
Enorme. Neben den Eltern hegen Kinder zu Oma und Opa die stärksten Gefühle. Und sie stehen für die familiale Kontinuität. Als mein Enkel das verstanden hatte, hat er zu mir mal ganz stolz gesagt: «Erst stirbst du, dann der Papa, dann ich.» Ging nicht leicht runter, aber stimmen tuts. Das Gefühl, in eine Geschichte eingebunden zu sein, gibt Sicherheit. Ausserdem sind Grosseltern heute im Erleben der Kinder leider oftmals die einzigen Erwachsenen, die Zeit haben.
Und wie sieht es umgekehrt mit der Bedeutung aus?
Auch die Grosseltern profitieren enorm: Für sie bedeuten Enkel eine soziale Verjüngung: Sie erfahren durch sie was die neuste Frühlingsmode ist, welche Musik modern ist, wie man chattet ... Grosseltern denken zwar, dass sie es sind, die ihre Werte an die jüngste Generation weitergeben, in Wirklichkeit ist es andersherum. Die Jungen beeinflussen stärker das Denken der Älteren. Ältere Menschen mit engem Kontakt zu ihren Enkeln sind deshalb Neuerungen gegenüber viel aufgeschlossener und finden Gleichaltrige schnell ältlich.
Weil sie mit ihren Enkeln die eigene Jugend wieder aufleben lassen?
Manches wird nachgeholt, auch Erinnerungen leben auf, oder sie erfahren mit den Enkeln ganz Neues: Rappen oder gamen. Viel Spielerisches, denn die Verantwortung, die man als Eltern gefühlt hat, fällt als Grosseltern weg.
Genau diese Rosinenpickerei sorgt aber auch für Konflikte mit den Eltern.
Ja. Aber dass Grosseltern Enkel hüten, funktioniert ohnehin nur, wenn das Verhältnis zu den Kindern gut ist. Meist ist es so: Grosi und Grosspapa dürfen mitbetreuen, aber nicht miterziehen. Ich darf beispielsweise mein Tablet nicht zum Hüten mitbringen und ich habe von meiner Tochter klare Anweisungen, welche Filme meine Enkel nervös machen. Angeblich.
Klingt das e chli tüpft?
Ach was. Ich profitiere doch jede Menge. Beispiel: Mein Enkelsohn liebt Schnecken. Er schaut ihnen in aller Gemütsruhe Ewigkeiten zu, wie die an einer Mauer rumklettern. Ich habe durch ihn nicht nur eine völlig neue Hochachtung vor Schnecken, sondern vor allem gelernt, genauer hinzusehen und das Fantastische im Alltäglichen zu entdecken. Alles meinem Enkel zu verdanken.
François Höpflinger (65) ist Professor an der Uni Zürich und einer der bekanntesten Generationenforscher.