
Athanasiou & Lüem
Schicksal / Mutter mit Handicap
Ich sehe mein Kind mit Händen
Von Manuela von Ah
Simone Rentsch sieht ihr Kind nicht gross werden. Oder wegspringen. Sie ist blind. Ein Tag im Leben einer Mutter mit Handicap.
Walnussgrosse Augen, blondes Haar, hübsch wie ein Engel. So beschreiben Freunde und Bekannte Surya (2½). Gesehen hat Simone Rentsch (35) ihre Tochter noch nie. Aber sie weiss, wie sich ihr Engel anfühlt. Das Leben meistert die blinde Mutter ohne Augenlicht, aber mit Weitsicht.
Links unten lagern die Pfannen, rechts oben der Reis, die Kochkelle steht im Tonkrug neben der Herdplatte – Simone Rentschs Hände tanzen über die Ablage. Sie zieht Schubladen, öffnet Kästchen, streicht über Gewürzgläschen, die in Blindenschrift Auskunft über den Inhalt geben. Bald zieht der Duft von Spinatrisotto und gebratenen Zwiebeln durch die Küche. Bloss der Hackbraten bereitet Mühe: Bei 180 Grad im Ofen schmoren bis er Farbe zeigt, hat der Metzger geraten. Was heisst das, Farbe zeigen?
Simone Rentsch ist seit ihrer Geburt blind. Sie kam als Frühchen zur Welt, kurz darauf zerstörte ein zu hoch konzentrierter Sauerstoffgehalt im Brutkasten die zarte Netzhaut. Eine leise Ahnung von hell und dunkel ist alles, was Simone Rentsch an Sehvermögen ins Leben mitnimmt. Umso intensiver haben sich ihre Eltern um die gesunden Sinne ihres Einzelkindes gekümmert. Und um Normalität. Der Vater bastelte ihr ein 3-stöckiges Puppenhaus, installierte Lämpchen und Lichtschalter und legte rote, grüne und gelbe Teppiche in die Zimmerchen. Weil Simone die Vorstellung von Farbe faszinierte und sie die Eltern mit Fragen danach löcherte.
«Surya, willst du den Tisch decken?» Das Mädchen drapiert fantasievoll die Gläser, Gabeln und Messer um die bereitgestellten Teller. Dann klettert sie auf den Trip Trap und kostet den Reibkäse aus dem Schälchen. Löffelweise. «Surya, du musst warten!» Die Mutter hat den Deckel klappern hören. Die Kleine nascht geräuschlos weiter. Sie schielt zur Besucherin, guckt ungläubig, als diese den Kopf schüttelt. Simone Rentsch weiss, dass Surya sie hie und da auszutricksen versucht, die Grenzen austestet – wie alle Kinder eben. Sie nimmt es gelassen. Denn wo ihre Augen nicht sehen, da übernehmen die Ohren. «So nicht!», weise sie Surya manchmal zurecht – worauf ihr Mann verblüfft nach dem Grund frage. Für Simone Rentsch sind Hintergrundgeräusche kein Tongeplätscher, sondern ein aufschlussreiches Klanggemälde.
Die Welt lernte Simone Rentsch mit den Fingerspitzen kennen, erschnupperte sie mit der Nase, folgte ihren Ohren. Ihr Bildungswerkzeug waren Gehör und Blindenschrift. Die Matura machte Simone Rentsch in Sierre, danach studierte sie in Genf Deutsch und Englisch, inklusive Auslandsemestern. Heute arbeitet sie einen Tage pro Woche als Übersetzerin bei einer Stiftung in Bern. Sie ist froh, Surya an diesem Tag einer Tagesmutter übergeben zu können, «tschüss zäme» zu sagen und nach Bern zu pendeln.

Bin ich eine gute Mutter?
In Grafenried, hier wohnt sie, haben die Bauernhäuser die Dächer tief in die Stirn gezogen und die Bise die Wolken über die Felder. Simone Rentsch kennt die Einsamkeitsgefühle der ans Haus gebundenen Mutter. Vielleicht mehr als andere. Weht ein starker Wind, bleibt sie daheim. Weil sie draussen die Geräusche nicht mehr einordnen kann. Weil Suryas Stimme zu schnell im Tosen untergehen würde. Und weil Simone Rentsch befürchtet, beim Überqueren der Strasse nahende Autos zu spät zu hören. Die wenigsten Autofahrer wissen, dass sie anhalten müssen, wenn ein Blinder mit Stock am Strassenrand steht. Mutig sei sie, hört Simone Rentsch manchmal, ein Kind in die Welt zu setzen. Macht sie das stolz? Oder verletzt es sie? Weder noch. Klar habe sie sich vor der Geburt manchmal gefragt, ob sie ihrem Kind eine gute Mutter sein könne. Ob sie ihm eine sichere und glückliche Kindheit garantieren könne. Und welchen Schwierigkeiten sie wohl begegnen würde. Wie jede reflektierte Mutter fragt sie auch heute hie und da nach den eigenen blinden Flecken.
Papa schneidet Fingernägel
Gewiss ist: Blinde Eltern verfügen über ein geschärftes Sicherheitsbewusstsein. Seit Surya auf der Welt ist, wechselt Simone Rentsch die Windeln auf dem Boden. Notgedrungen, damit die Kleine nicht fällt. In der Krabbelphase gehörten Tür- und Treppenschutzgitter zur Grundausstattung.
Umgekehrt weiss Surya jetzt schon, dass sie den Puppenwagen aus dem Weg räumen, das grüne Holzkrokodil und die Dominoschachtel in der Spielecke versorgen muss. Damit Mama nicht darüber stolpert und sich weh macht.
Wenn Simone Rentsch jedoch jemanden zu Surya sagen hört: «Du bist deiner Mama aber eine gute Hilfe», ärgert sie das. Nein, diese Verantwortung soll ihr Kind nicht tragen müssen. «Surya muss doch nicht mein fehlendes Sehvermögen ersetzen – sie hat genug zu tun mit ihrem Kindsein», sagt Simone Rentsch und zeigt schon wieder ihr schönes Lachen.
Erfindungsgabe, das ist eine weitere Eigenschaft, für die sie das Leben in Dunkelheit geschult hat. Da ausser ein paar Tastbücher kaum Bilderbücher für blinde Eltern existieren, kennzeichnete Simone Rentsch die Seiten kurzerhand mit Brailleschrift. Manches Buch ist dafür aber schlicht zu komplex; dann plaudert Surya eben gleich selber über die Bauern, Kühe, Schafe, die sie auf den Bildern sieht. Oder Papa erzählt.
Überhaupt übernimmt er alles, was mit sehenden Augen «gäbiger» zu erledigen ist: Fingernägelchen schneiden, Kleider auf Schmutzflecken hin absuchen, Surya das Laufradfahren beibringen. Ein engagierter Vater. Über Sirnone Rentschs stets halbgeschlossene Augen gleitet ein Lächeln, wenn sie von der ersten Begegnung erzählt. Im Tandemverein suchte man nach neuen Piloten - Fahrer, die vorne sitzen. Sirnone wurde der Mann mit der sympathischen Stimme zugeteilt. Schon auf der ersten Fahrt spürte sie: Der Rhythmus stimmt. Der trockene Humor auch. «Hast du 9/11 schon gesehen?», fragte Sirnone ihn kurz nach der Premierenfahrt Nach dem Kinobesuch diskutierten die beiden bis spät in die Nacht über den dialogreichen Film. Seither bedeutet der Mann an ihrer Seite Sirnone viel mehr als der Ersatz für das fehlende Augenlicht.
Nach dem Mittagessen will Surya «Zu den Fischen», das Synonym für den Tierpark Dählhölzli in Bern. Ein Unterfangen, das Sirnone Rentsch nur bieten kann, wenn jemand sie begleitet. Das Laufgeschirr ist unabdingbar, die Mutter zieht es Surya stets an, bevor sie das Haus verlässt. Andere mögen sich angesichts des «Gschtältli» über das beschnittene Freiheitsgefühl der Kinder ereifern, für Surya ist es überlebenswichtig. Sirnone Rentsch hält die Leine eng um die linke Hand gewickelt, ihre rechte schwingt den Blindenstock in kleinem Radius hin und her. Tock, tock, tock, ein Meter gefühlte Sicherheit, dahinter Stimmfetzen, Dröhnen, Hupen, Brummen - die Stadt als kakofonischer Moloch.
Niemand achtet auf das kleine Händchen, das sich am Fussgängerstreifen aufspannt und den Autos anzuhalten gebietet. Eine Gewohnheit vom Land. Auf den verkehrsreichen Strassen aber regieren die Ampeln: rot, grün, rot. Für Surya ist die Blickdistanz über die Hauptstrasse zu gross, zu abgelenkt sind die Kinderaugen vom Trubel und Treiben. Für Sirnone Rentsch Stress pur. Sie ist angewiesen auf die gelben Blindenvibratoren, auf die weissen Leitlinien am Boden, auf die Hilfe von Passanten.

«Surya, wo bist Du?»
Endlich, im Vivarium des Tierparks legt sich die feuchte Luft wie eine Decke über die Besucher, erdig und schwül riecht es hier im Tropenhaus. Sirnone Rentsch nimmt Surya das «Gschtältli» ab, vertraut auf die Aufsicht von aussen. Und schickt doch immer wieder ein fragendes «Surya?» in den Raum. Surya verschwindet nie ganz. Sie erkundet die Tiere, rennt zurück, hin und her, wie an ein unsichtbares Gummiband geknüpft.
«Siehst du den Nashornleguan dort hinten im Sand?», fragt ein Vater seinen Sohn. Surya drängt sich neben den Jungen, drückt die Nase an die Glasscheibe, scheint die Eindrücke mit den Augen zu trinken. Zwergkrokodil, farbige Fische, Robben mit Kugeläuglein - Sirnone Rentsch wird ihrer Tochter nie sagen: «Guck mal!» Ja, manchmal tut das weh. Für eine Zeichnung loben, Weihnachtssterne nach Vorlage basteln, Schönschreiben beibringen: geht nicht. Da ist ein Vakuum, das andere Menschen füllen müssen.
Wackelige Hängebrücke
Andererseits: Masst sich jemand an, seinem Kind in all seinen Ansprüchen und Bedürfnissen allein gerecht zu werden? Ein ganzes Dorfbrauche es für die Erziehung eines Kindes, sagt ein afrikanisches Sprichwort.
Simone Rentsch weiss, dass andere Kinder wichtig sind für die Entwicklung von Surya. Deshalb packt sie jede Gelegenheit, mit der Kleinen einen Spielplatz zu besuchen. So wie jetzt. Aus dem Tierpark drüben quaken die Enten, im Hintergrund rauscht die Aare, Kinderstimmen sirren durch die Luft.Sirnone Rentsch fühlt den sicheren Tartanboden unter den Füssen und entlässt Surya in die Szenerie eines ungefähren Bildes in ihrem Kopf. Sie freut sich zu hören, dass ihr Kind die Holzleiter hochsteigt, sich auf die wackelige Hängebrücke wagt und auf die breite gelbe Rutschbahn setzt: «Mama, ich komme!» Simone Rentschs Arme rudern kurz verloren in der Luft, Surya landet dicht neben ihr auf dem Hintern. Halb so schlimm. Die Mutter streichelt über die Engelslocken, küsst ihr Mädchen auf die Wange. Zuwendung und Optimismus als Rückenwind in die Zukunft ihres Kindes. Weitsicht braucht Herz und Verstand. Nicht nur Augen, die sehen können.