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Familie / Expats
«Ich bin die Kulturschockabsorberin»
Alain Urbain (52) ist Management Consultant für Automobilzulieferer. Während eines längerfristigen Auftrags in Japan pendeln er und Lian Urbain (38), Journalistin, mit Noëmi (6) und Anaïs (2) zwischen Tokio und St. Gallen, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben.
Seit: einigen Monaten
Bis: noch offen
«Da Alain von der Arbeit oft fast verschluckt wird, bin ich hier in Tokio sozusagen die Kulturschockabsorberin und trage die alleinige Verantwortung für das Management zuhause – ohne Netzwerk aus Freunden und Nachbarn. Ich bin diejenige, die Kontakte knüpft und verstehen muss, wie der Hase läuft.
Japanisch kann ich nicht und mit Englisch komme ich nur bedingt durch. Zum Glück übersetzt mein iPhone und navigiert mich. Ich habe keine Angst verlorenzugehen. Überall gibt es Personal, das einem bei Bedarf zu Hilfe eilt. Es ist an Fantasieuniformen und Spielzeug-Laserschwertern zu erkennen. Je besser ich mich zurechtfinde, Lieblingsorte habe und Menschen kennenlerne, desto wohler fühle ich mich hier.
Noëmi besucht eine internationale englische Schule, der Unterricht dauert von 8.45 bis 15.15 Uhr, inklusive Mittagessen. Anaïs und ich gehen, wie japanische Mütter mit Kleinkind, mittags in ein Restaurant, wo wir auf gut Glück bestellen. Denn nicht immer gibt es Bilder oder Plastikmuster von den Gerichten auf der Menükarte.
Mit den Kindern gehe ich oft auf einen städtischen Abenteuerspielplatz. Animatoren machen Lagerfeuer oder bauen Klettergerüste, und es gibt Sändeli- und andere Spielsachen, Werkzeug, Handwerksmaterialien und sogar saubere Ersatzkleidung für die Kinder. Alles zur freien Verfügung. Ich treffe mich mit einheimischen Müttern und wir essen zum Zvieri gegrillte Reiskuchen und Süsskartoffeln.
«Mama, ich brauche eine Maske», sagte Noëmi kürzlich, und Anaïs weint inzwischen nicht mehr beim Anblick eines Mund Nasen-Schutzes. Die Kinder haben sich in Tokio akklimatisiert. Obwohl ihre Oma Indonesierin war, lernen sie das Leben in Asien erst jetzt kennen.
Alain hat typisch japanische Arbeitszeiten, er geht um 7 Uhr aus dem Haus und kommt selten vor 21 Uhr zurück. In Tokio brauche ich keine Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Kinder zum Aufstehen zu bewegen: Für ein Frühstück mit Papa hüpfen sie noch vor dem Klingeln des Weckers aus dem Bett.»
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