Ernährung
Gesund = Schmeckt mir nicht?
Von Jörg Burger und Jürgen von Rutenberg

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wir eltern: Herr Ellrott, was ist der grösste Fehler beim Versuch, Kinder zu gesunder Ernährung zu erziehen?
Thomas Erott: Eltern und Lehrer, die es besonders gut meinen, holen gern die Wissenskeule heraus und halten den Kindern Vorträge über «gesunde Ernährung».
Was ist falsch daran?
Schon die Wörter «gesund» und «Ernährung» lösen bei Kindern Widerstände aus. Wenn man sie fragt: «Was esst ihr besonders gern?», wählen sie fast immer das, was sie als «ungesund» zu benennen gelernt haben. Diese Sachen lieben sie. «Gesund» assoziieren sie bei Lebensmitteln mit: «Schmeckt mir nicht!» Und, noch unglücklicher, mit Zwang. «Gesund» bedeutet: «Ich muss das essen, obwohl ich es nicht will.»
Welcher Weg wäre der richtige? Man sollte auf das Werten von Lebensmitteln verzichten. Ist eine Erdbeere gesund?
Auch in Erdbeeren stecken nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Und ist eine Erdbeere mit ein paar Krümeln Zucker darauf ungesund, wie mein Sohn in der Schule gelernt hat? Der Gesamtkonsum über längere Zeit entscheidet darüber, ob man gesund bleibt.
Gilt das auch für die berüchtigten süssen Limonaden?
Der Unterschied zwischen Limonade und Apfelsaft ist: Bei der Limonade ist Zucker aus der Zuckerrübe drin, im Apfelsaft der Zucker aus der Frucht. Aber beim Apfelsaft denken viele, der ist ja natürlich, also nicht so schlimm. Viele glauben, im Saft seien gar keine Kalorien. Dabei liefern Säfte praktisch gleich viel Energie wie Limonaden.
Was ist mit Hamburgern?
Ein Hamburger hat ungefähr 240 Kalorien, bei zehn Gramm Fett. Problematisch wird so etwas dann, wenn es gleich mehrmals in der Woche ganze XXL-Menüs gibt.
Der langfristige Nutzen gesunder Ernährung lässt sich Kindern kaum vermitteln?
Heute schon an die Zukunft denken – das können selbst Erwachsene nur begrenzt, Kinder noch weniger. Oft gehen die Erklärungen der Eltern deshalb nach hinten los. Meine sechsjährige Tochter ist heute Nachmittag auf einem Kindergeburtstag, da isst sie auch mal viele Süssigkeiten. Morgen kommt der Zahnarzt in den Kindergarten und sagt, Mensch, du hast ja tolle Zähne! Für sie ist das der Beweis, dass Süsses den Zähnen nicht schadet. Und sie liegt gar nicht so falsch: Zahnpflege ist für Kariesschutz wichtiger als die Ernährung.
Sollen Eltern ihr Wissen für sich behalten?
Sie sollen den Kindern nur nicht erklären, dass ihre Auswahl an Nahrungsmitteln etwas mit Gesundheit zu tun hat. Lieber sagen: «Auf dem Teller fehlen noch andere Farben, so ist das langweilig», statt: «Gemüse musst du essen, das ist gesund.»
Was tun, wenn das Kind ausgerechnet das Essen in «gesunden» Farben nicht mag?
Eltern müssen sich klarmachen: Kinder benutzen Essen auch dazu, im Mittelpunkt zu stehen. Manchmal entwickeln sie richtige Marotten. Als mein Sohn fünf war, sagte er plötzlich: «Peperoni mag ich aber nicht.» Er hatte zuvor immer Peperoni gegessen.
Wie haben Sie reagiert?
Leider falsch – meine Frau und ich haben uns beide zu ihm hingewendet und auf ihn eingeredet: «Das gibt’s doch gar nicht, Gulasch ist doch dein Lieblingsessen, da ist doch auch Peperoni drin!» Was wir nicht kapierten, war, dass es ihm gar nicht um Paprika ging, sondern um Aufmerksamkeit. Die hat er bekommen.
Was wäre die richtige Reaktion gewesen?
Ganz einfach: nicht hinhören. Weiteressen. Dann lässt er die Peperonistreifen halt liegen. Oder man kann sagen: «Das ist ja toll, gib her», und nimmt sich die Peperoni vom seinem Teller. Dann fehlt dem Kind etwas, was seine Vorbilder gern essen. Das Prinzip nennt man künstliche Verknappung.
Viele Eltern handeln einen leckeren Nachtisch als Belohnung fürs Aufessen aus.
Essen als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen, ist eine fatale Strategie. Denn es werden damit genau die falschen Signale gesendet: Essen wird von den Innenreizen Hunger und Sättigung entkoppelt, die natürliche Regulation wird gestört.
Was können Eltern stattdessen tun?
Achtgeben, wie sie sich selbst verhalten. Das Lernen von Vorbildern ist das Entscheidende. Das fängt bei Kleinkindern an und setzt sich fort bis ins jugendliche Alter.
Aber schon Kleinkinder werden skeptisch, wenn ihre Eltern schwärmen: «Mh, dieser Broccoli, fantastisch!» Die merken sofort, dass man sie belehren will.
Was man sagt, ist zwar auch wichtig, aber vor allem werden Eltern von ihren Kindern daran gemessen, was sie tun. Wenn sie selbst den Broccoli nicht essen, können sie noch so toll darüber reden, wie lecker der ist, die Kinder werden es nicht glauben. Der Genuss muss glaubwürdig sein.
Worauf kommt es bei den Mahlzeiten an?
Die Eltern müssen mit am Tisch sitzen. Das zeigt den Kindern: Gemeinschaft ist wichtig. Die Kinder lernen überhaupt sehr viel beim Essen: Es geht um Kommunikation, Toleranz, um Bindungen, lauter ganz wichtige Dinge. Wann sonst sitzt die Familie schon mal zusammen? Beim gemeinsamen Essen kann die Familie über die Zukunft reden, den anstehenden Geburtstag von Oma, die nächste Mathearbeit. Und wenn es mal richtig Streit gibt, sollte man sagen: Das besprechen wir nachher. So verhindert man, dass das gemeinsame Essen negativ besetzt wird.
Soll man auch übers Essen reden?
Auf jeden Fall. Wo kommt das her? Wo haben wir das schon mal gegessen? Man kann mit der Familie auch eine Wunschliste für die nächste Woche aufstellen: Was wollen wir essen? Und einen Ausflug zum Wochenmarkt oder Hofladen planen.
Wie bringt man Kinder dazu, offen zu sein für neue Geschmackserlebnisse?
Bei uns zu Hause haben wir die Regel: «Mag ich nicht», ohne dass man einmal probiert hat, gibt’s nicht. Probieren ist Pflicht! Kinder müssen geschmacklich mit Neuem in Kontakt kommen, dann ist die Hürde beim nächsten Mal deutlich niedriger. Manchen Kindern schmeckt’s vielleicht erst beim zehnten Versuch.
Können Vorlieben angeboren sein?
Schon Ungeborene lernen im Mutterleib über das Fruchtwasser und das Nabelschnurblut den Geschmack von Nahrung kennen, Babys dann über die Muttermilch. Wenn die Mutter vielfältig isst, kommen Babys mit all diesen Eindrücken in Kontakt. Muttermilch schmeckt jedes Mal anders. Flaschenmilchkinder lehnen viel mehr Lebensmittel ab, weil sie die nicht kennengelernt haben. Schwangere und Stillende prägen so die späteren Vorlieben ihrer Kinder.
Was ich als Säugling kennenlerne, liebe ich auch als Erwachsener?
In den ersten beiden Lebensjahren werden Präferenzen für Lebensmittel entscheidend geprägt. Vielfältige Babynahrung macht später vieles leichter.
Und wenn die Chance bereits vertan ist?
Im Klein- und Schulkindsalter lernen die Kinder vor allem über das Nachahmen von Eltern und älteren Geschwistern. Bei Jugendlichen stehen auch mediale Vorbilder hoch im Kurs. Auch der Wunsch nach Abgrenzung kann eine wichtige Rolle spielen. Es gibt Kinder, die nur noch Pommes, Fischstäbchen und Poulet-Nuggets essen. Und egal, wo diese Kinder hinkommen, alle reden über sie, bei jedem Kindergeburtstag stehen sie im Mittelpunkt. Das ungewöhnliche Essverhalten wird dadurch natürlich zementiert.
Wie bringt man ein Kind davon ab?
Ein radikaler Weg, das zu durchbrechen, wäre: Wir spielen das durch bis zum Exzess. Dann kriegt das Kind nur das, was es will – und zwar wirklich nur das. Das Kind wird bald Abwechslung verlangen.

Der 45-jährige Mediziner Thomas Ellrott leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen (D). Er erforscht das Essverhalten von Kindern und Erwachsenen und hat mehrere Bücher über Ernährung geschrieben. Ellrott hat zwei Kinder im Alter von sechs und acht Jahren.