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Feuchttücher in Aktion machen mich glücklich!
Als wir am Ende der dreissig Stufen angelangt sind, blickt der Grosse zu mir hoch: «O que é Sodeli?». Ich muss kurz überlegen, wie ich ihm am besten erkläre, was Sodeli heisst, denn so genau habe ich mir das noch nie überlegt, viel mehr noch, bis zu diesem Augenblick war mir nicht einmal bewusst, dass ich den Ausdruck überhaupt benutzte. «Das sagt man», antworte ich schliesslich meinem Dreijährigen, «wenn man etwas zu Ende gebracht hat und damit zufrieden ist.» Erst jetzt fiel mir auf, wie oft ich das Wort eigentlich aussprach. Sodeli: Die Fischstäbchen sind angerichtet. Sodeli: Die Küche ist aufgeräumt. Sodeli: Die Kinder haben endlich ihre Stiefel an. Sodeli: Wir sind im Café mit der Spielecke angekommen. Als gälte es, sich nach jedem der tausend Etappenzielchen, die ein Tag mit den Kleinen mit sich bringt, aufs Neue ein wenig Lob und Ermunterung zuzusprechen.
Seit wann rede ich denn so? Klammere ich mich nun als Auslandschweizerin mit Kindern, die mehr Portugiesisch reden als Deutsch, auf einmal an Mundartwörter, die ich früher verschmähte? Ich kann mich auf jeden Fall nicht daran erinnern, dass ich meinem ehemaligen Chef auf der Zürcher Redaktion je einen Text hingelegt hätte mit den Worten: «Sodeli, Thomas, hier mein Artikel zur umstrittenen Revision der Bau- und Zonenordnung in Hombrechtikon, gäll, du.» Überhaupt frage ich mich, ob ich immer spiessiger werde, seit ich Kinder habe. Erscheinen mir nicht viel mehr Menschen rücksichtslos als früher? Verliere ich nicht schneller die Geduld, wenn es auf einem Amt oder in der Supermarktschlange nicht vorwärtsgeht? Sehe ich nicht überall Gefahren, Schmutz und Schaden für die Kinderseele? Und während mir noch vor ein paar Jahren alles ein Graus war, das zu festgelegten Zeiten besucht oder erledigt werden musste, erfüllen mich Abende, die nach dem immergleichen Muster ablaufen, heute fast schon mit zenartiger Ruhe: Die Söhne essen und baden heute zur selben Zeit wie gestern und vorgestern – wunderbar! Sie sehen sich zur selben Zeit wie gestern und vorgestern einen Trickfilm an (meistens denselben) und bekommen danach zur selben Zeit ihre Gutenacht-Geschichte erzählt – toll! Und wenn dann in der Broschüre des lokalen Supermarktes auch noch gerade die Feuchttücher in Aktion sind, geht auf diese Weise doch ein weiterer, zufriedenstellender Tag zu Ende. Sodeli.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.