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Gesundheit, Schulkind
Es muss nicht immer Ritalin sein
Von Karin Aeschlimann
Ein Kind, das unter der Aufmerksamkeitsstörung ADS leidet, muss nicht unbedingt (nur) mit Ritalin therapiert werden.
Früher hiessen sie entweder «Zappelphilipp», «ewige Träumerin» oder «schlecht erzogener Saugoof». Heute hat man für Mädchen und Buben, die «schwierig» sind, sich nicht konzentrieren können und ziellos überdreht wirken, schnell ein anderes Etikett zur Hand: «ADS-Kind».
- ADS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität (wichtigste Symptome: Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen). Gebräuchlich ist auch die Bezeichnung «ADS minus H» oder ADS-H).
- ADHS heisst Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität, das heisst es kommt zur Unaufmerksamkeit noch Unruhe und Impulsivität dazu.
- In der Schweiz nennt man ADHS teilweise auch POS (Psychoorganisches Syndrom), falls es sich dabei um ein sogenanntes Geburtsgebrechen handelt. In einem solchen Fall besteht das Recht auf Beiträge durch die Invalidenversicherung.
Bis heute gibt es keinen Test, der AD(H)S eindeutig feststellen kann. Stattdessen müssen einzelne Puzzleteile zusammengesetzt, interpretiert und alle möglichen Krankheiten ausgeschlossen werden. Steht die Diagnose AD(H)S fest, sollte die Therapie mehrere Bausteine umfassen. Etwa zwei Drittel der betroffenen Kinder haben weitere Begleiterkrankungen, die ebenfalls behandelt werden müssen: Typisch sind Legasthenie, aggressive Verhaltensstörungen oder Koordinationsprobleme. Kein Kind ist wie das andere; deshalb gibt es auch kein therapeutisches Patentrezept.
Hilfsmöglichkeiten bei AD(H)S:
Lob, Zuwendung und Konsequenz
Oft hilft schon eine Umstellung der Erziehung: ein ruhiges Umfeld schaffen, klare Regeln aufstellen, Ablenkungen vermeiden, positives Verhalten loben, konsequent sein. Das familiäre Umfeld ist nicht die Ursache der Störung; es beeinflusst aber den Verlauf der Krankheit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist AD(H)S eine meist erbliche, neurobiologische Störung: Eine Veränderung im Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn ist für die typischen AD(H)S-Symptome verantwortlich.
Kognitives Verhaltenstraining
Zu den allgemein anerkannten Therapien bei AD(H)S gehört das kognitive Verhaltenstraining. Das Kind soll lernen, sich Gedanken über sein Verhalten zu machen und es zu steuern. Unerwünschte Verhaltensweisen nach und nach durch neu gelernte ersetzt, das Kind kann sich besser wahrnehmen und kontrollieren. Therapien bei ärztlichen Fachpersonen werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen, bei psychologischen Therapeuten nur in bestimmten Fällen.
Homöopathie
In einer neueren Berner Studie konnten erstmals Erfolge der homöopathischen Behandlung von AD(H)S-Kindern wissenschaftlich belegt werden. Allerdings eignet sich die Homöopathie nicht für Notfallinterventionen, da es teilweise mehrere Wochen dauert, bis das individuell passende homöopathische Arzneimittel gefunden ist.
Ergotherapie
Bei Wahrnehmungsstörungen kann eine Ergotherapie wichtiger Bestandteil der Behandlung sein. Gleichgewichtssinn, Fühlen und auch Hören werden dabei gezielt gefördert. Die Kosten werden durch die Grundversicherung der Krankenkasse abgedeckt, sofern die Ergotherapie auf ärztliche Anordnung bei einem zugelassenen Therapeuten stattfindet.
Tomatis-Therapie
Diese Therapie soll die Wahrnehmung fördern und beruht auf Behandlungen mit speziell aufbereiteter Musik und Stimme. Sie wird von Krankenkassen jedoch nur mit Zusatzversicherung teilweise bezahlt und ist – anders als die Ergotherapie – nicht allgemein anerkannt. Dass Musik(machen) für viele AD(H)S-Kinder wichtig und auch heilsam ist, wird dagegen nicht bestritten.
Ernährungsumstellungen
Spezielle Diäten gehören nicht mehr zu den Standard-AD(H)S-Therapien, werden aber immer wieder diskutiert. Vor Kurzem wies eine englische Studie nach, dass künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel (insbesondere Natriumbenzoat) hyperaktive Verhaltensweisen verstärken können. Allerdings reagierten manche Kinder unmittelbar auf die Zusätze, andere gar nicht, so wie ein Espresso die einen Erwachsenen schlaflos legt, die anderen beruhigt.
L-Carnitin und Strath
Ein Versuch am Bieler Z.E.N. dass L-Caritin, eine für den Energie- Stoffwechsel wichtige Substanz, die Zappeligkeit und Unkonzentriertheit verbessern kann. Auch das Kräuterhefepräparat Strath erwies sich in einer Schweizer Studie bei manchen Kindern als sehr wirksam. Bezahlt werden diese Therapien von den Krankenkassen jedoch meist nicht.
Neurofeedback
Neurofeedback ist eine Variante des Biofeedbacks. Dabei lernen Kinder ab Schulalter, ihre Hirnaktivität bewusst zu beeinflussen. Gearbeitet wird mit einem Computer; die abgeleiteten Hirnwellen bewegen auf dem Bildschirm Comicfiguren. Eine Untersuchung am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Zürich (KJPD) hat kürzlich viel versprechende Resultate gezeigt: Kinder mit AD(H)S konnten sich nach einem mehrwöchigen Neurofeedbacktraining besser konzentrieren. Die Nachfrage nach Neurofeedback steigt, obwohl die Krankenkassen die Behandlung nicht bezahlen.
PC-Training
Es gibt verschiedene Computer-Trainings für zu Hause, die die Konzentration fördern sollen und teilweise speziell für AD(H)S-Kinder angepriesen werden. «Ohne begleitende Strategien wie ein Verhaltenstraining unter Einbezug der Eltern bringt das oft nur kurzfristig eine Verbesserung», sagt die Berner Psychologin Regula Bischof, die regelmässig Abklärungen und Verhaltenstherapie bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen durchführt.
Weitere komplementärmedizinische Therapien
Traditionelle Chinesische Medizin, (Laser-)Akupunktur, Kinesiologie oder Phytotherapie (Therapie mit pflanzlichen Mitteln wie etwa Gingko): Die Liste der Therapieangebote wird immer länger. Sie richten den Fokus auf das Kind und seine Situation. «Sind Eltern und Kind motiviert und setzen etwas gemeinsam um, dann kann sehr vieles helfen, auch wenn es schulmedizinisch nicht anerkannt ist», sagt Regula Bischof.
Ritalin
Das Medikament Ritalin enthält den Wirkstoff Methylphenidat und verbessert die Konzentrationsfähigkeit sowie Ausdauer. Im Normalfall wird es nur bei übermässigem Leidens- und Zeitdruck eingesetzt, sowie als letzte Möglichkeit. Für die betroffenen Kinder ist es wichtig, dass sie trotz AD(H)S ihre Stärken entwickeln können und individuell zugeschnittene, für sie optimale Therapien erhalten.
Weiterführende Informationen
Die Seite des Psychologen Piero Rossi und des Arztes Martin Winkler stellt wissenschaftlich abgestützte Informationen zur Therapie bei AD(H)S zur Verfügung.
Eltern von betroffenen Kindern betreiben diese Seite mit vielen Informationen, Literaturhinweisen und Veranstaltungstipps.