
Claudia Herzog, claudiaherzog.ch
Elternkolumne
Thomas Meyer: Anweisungen an den Sohn
Von Thomas Meyer / Foto: Claudia Herzog
Echt jetzt! Unser Kolumnist Thomas Meyer erzieht seinen Sohn streng und bringt ihm Manieren bei. Mit dem Risiko, sich unbeliebt zu machen.
Ich nenne jetzt nicht einfach eine absurd hohe Zahl, um den Begriff «viel» zu illustrieren. Ich habe meinem Sohn wohl tatsächlich je 2000 Mal erklärt, dass man «bitte» sage, wenn man etwas wolle, «danke», wenn man es bekommen habe, sowie «ja, gern», wenn einem etwas angeboten werde, beziehungsweise «nein, danke». Im Weiteren, dass man still sei und warte, wenn jemand telefoniere, und dass man, wenn zwei Menschen sich miteinander unterhielten, nicht einfach dreinrede, sondern frage, ob man unterbrechen dürfe. Weitere 2000 Mal habe ich ihm klargemacht, dass meine Anweisungen – Pyjama anziehen, Schuhe anziehen, zu Tisch kommen, Zähne putzen – keine Angebote seien, sondern eben Anweisungen, und dass sie auf der Stelle zu befolgen seien und nicht irgendwann im Verlaufe des restlichen Tages.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ich muss meinem Sohn, der mittlerweile sieben Jahre alt ist, all diese Dinge nur noch jedes zehnte Mal in Erinnerung rufen. Er guckt dann immer leicht genervt. Wie man halt so guckt, wenn einer etwas sagt, das er schon mindestens 2000 Mal gesagt hat und das schon beim ersten Mal nicht besonders interessant gewesen ist. Dann führen wir – also ich – ein kurzes Gespräch über den Sinn von Regeln sowie über deren Dauerhaftigkeit. Auch das macht mich bei meinem Kind nicht unbedingt populär, aber– und damit kommen wir zum Kern der Sache – es ist auch nicht mein Ziel, ein populärer Papa zu sein. Sondern ein erfolgreicher.
Damit meine ich: Ein Papa, dem es gelingt, seinem Kind Manieren beizubringen. Und beides zusammen geht nicht. Man kann nicht gleichzeitig beliebt sein und sich durchsetzen. Es ist ein Widerspruch, den jede Chefin und jeder Chef kennt und jeder Vorgesetzte im Militär: Will man seine Leute führen, kann man sich nicht zu ihrem Freund machen. Sie nehmen einen dann schlicht nicht mehr ernst. Wozu auch?
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich liebe meinen Sohn über alles. Sein Wohlergehen ist mir das Wichtigste im Leben. Ich sehe ihn gewiss nicht als meinen Untergebenen an. Wenn ich merke, dass ihn etwas bedrückt oder irritiert, das ich sage, umarme ich ihn, setze mich zu ihm und erkläre ihm meine Beweggründe so lange, bis er sie versteht. Das unterscheidet den Vater vom Chef. Der braucht sich niemandem zu erklären. Der Vater schon. Es ist seine Aufgabe, eine Reihe von Dingen radikal durchzusetzen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Seele des Kindes dabei möglichst wenig Schaden nimmt. Und das ist keine leichte Aufgabe.

«wir eltern»
Der Schriftsteller Thomas Meyer (44) ist Vater eines Sohnes und lebt in Zürich. Sein neues Buch, «Verschiedene Arten von Warten» ist im Diogenes Verlag erschienen.
Wenn ich andere Eltern beobachte, wählen die meisten den einen oder den anderen Weg: Entweder sie unternehmen alles, um sich bei ihrem Kind nicht unbeliebt zu machen und lassen ihm in der Folge alles durchgehen. Oder es ist ihnen schlicht egal, wie es sich fühlt. Beides ist nicht gut. Das eine führt zu egozentrischen kleinen Monstern, aus denen später egozentrische grosse Monster werden, die schlechten Benimm mit Selbstbewusstsein verwechseln, im Zug die Füsse aufs Polster legen und sich von niemandem etwas sagen lassen, schon gar nicht von ihrem Partner. Das andere führt zu verschüchterten, selbstunsicheren Wesen, die einen dürftigen Bezug zu ihren Bedürfnissen haben und immer bei sich die Schuld suchen.
Bei meinem Sohn hat es prima geklappt. Er sagt deutlich seine Meinung und erklärt mir auch, warum meine falsch ist, womit er übrigens immer öfter richtig liegt. Gleichzeitig respektiert er, dass ich bei uns das Sagen habe, und hält sich an die Regeln, die ich aufgestellt habe. Manchmal aber scheint er alles, was ich ihm je vermittelt habe, zu vergessen. Dann lässt er mich dreimal nach ihm rufen, ohne zu reagieren, und beklagt sich dann ziemlich laut darüber, dass das vierte Mal ziemlich laut geworden sei. Er hat ein sehr herziges Kindergesicht, immer noch, aber in diesen Momenten sehe ich in ihm einen Erwachsenen, der sich über einen anderen Erwachsenen ärgert. Und merke, dass ich mit den 2000 Mal mein Kontingent an Einflussnahme vermutlich bereits bald aufgebraucht habe.