
Notfälle
Erste Hilfe bei Kindern: Das sollten Eltern wissen
Unfälle mit Kindern passieren schnell. Richtig reagiert, kann man Schlimmes verhindern. Mit unseren Erste-Hilfe-Videos, sowie ausdruckbaren Bild- und Textanleitungen können sich Eltern auf Notfälle vorbereitet.
Was tun, wenn sich das eigene Kind verschluckt, wenn es irgendwo herunterfällt und bewusstlos ist, sich mit heissem Wasser schlimm verbrüht? Jedes Szenario eine Horrorvorstellung und doch häufiger als man denkt. Schnelles und richtiges Handeln kann lebensrettend sein. «Doch oft ist das eigene Wissen verschüttet und völlig veraltet», sagt Reto Hintermeister. Er ist Rettungssanitäter, seine Schwester Corina Hintermeister ist Pflegefachfrau Pädiatrie. Und weil beide auch Kinder haben, erkannten sie, dass bei Eltern eine grosse Wissenslücke in Sachen Erste-Hilfe besteht. Die beiden bieten darum Kindernothelferkurse für Betreuungspersonen an. «Ziel ist es nicht, aus allen Leuten Profis zu machen, aber es sollen Ängste und veraltetes Wissen genommen und möglichst viele Inputs mitgegeben werden», sagt Reto Hintermeister. Niemand könne alles wissen und auf alles vorbereitet sein. Aber: «Wer sich nur schon ein bisschen damit beschäftigt reagiert intuitiv schneller», so Corina Hintermeister. Für «wir eltern» erklären die beiden, was man bei fünf der häufigsten Kindernotfällen tun kann.
Verschlucken
Hat ein Kind etwas verschluckt, immer Notruf 144 alarmieren und dann wie folgt vorgehen:
Kind atmet, hustet: Ruhe bewahren. Ist der Fremdkörper im Mund deutlich sichtbar, dann entfernen. Nicht versuchen, mit dem Finger tiefer im Rachen nach Fremdkörpern zu suchen. Nicht auf den Rücken oder die Brust klopfen, da sich der Gegenstand sonst noch mehr verkeilen kann. Versuchen, dem Kind ruhig beizustehen und ermuntern, den Fremdkörper rauszuhusten.
Kind atmet nicht oder nicht mehr: Babys und Kinder, die noch nicht eigenständig stehen können:
1. Auf dem Arm oder Bein in Bauchlage legen, Kopf fixieren, Neigung ca. 40 Grad nach unten;
2. Fünf Stösse mit der flachen Hand auf den oberen Rücken. Kind drehen;
3. Fünf Mal Herzdruckmassage mit zwei Fingern oder zwei Daumen zwischen den Brustwarzen.
Sobald Kinder eigenständig stehen können: Von hinten mit den Armen umfassen, eine Faust auf den Bauchnabel legen, mit der zweiten Hand die Faust umschliessen; wiederholt und mit Druck die Hände in Richtung der eigenen Schultern ziehen, um so den Druck in den Lungen aufzubauen (Heimlich-Manöver).
Bei allen Massnahmen gilt: Beide Manöver werden nur solange durchgeführt bis der Fremdkörper heraus kommt und das betroffene Kind wieder eigenständig atmet oder bis es bewusstlos wird. Bei Bewusstlosigkeit sofort mit Reanimation beginnen. Nach jedem beschriebenen Manöver wegen Verletzungsgefahren im Bauchraum zum Arzt oder ins Spital, selbst wenn der Fremdkörper draussen ist.
Verbrennungen oder Verbrühungen
Ist ein Gelenk, Genital oder das Gesicht betroffen, immer zum Arzt. Ist die Verbrennung oder Verbrühung grossflächiger: Notruf 144 alarmieren. Kleider nicht ausziehen, mit Wasser zwischen 20 und 30 Grad kühlen, kein kaltes Wasser oder Eiswasser! Maximal 10 Minuten kühlen. Blasen nie aufstechen. Kind vor Kälte schützen und mit sauberem und trockenem Tuch zudecken, keine Hausmittel oder Salben auftragen.
Vergiftungen
Wenn Flaschen mit giftigem Inhalt oder Tablettenblister rumliegen und das Kind unerklärliche Übelkeit, Durchfall, Speichelfluss, Bauch- oder Kopfschmerzen, Schwindel, atypische Atmung, Blässe oder Rötung im Gesicht aufweist: Toxikologisches Zentrum 145 anrufen. Nicht versuchen, zum Erbrechen zu bringen, keine Milch geben. Eine Flasche Aktivkohle auf Vorrat zu Hause haben, jedoch nur nach Absprache des Tox-Zentrums verabreichen. Bei Bewusstlosigkeit Notruf 144 alarmieren; Babys und Kleinkinder in Bauchlage, Kopf zur Seite; bei grösseren Kindern stabile Seitenlagerung; falls das Kind erbricht, Erbrochenes nicht aktiv ausräumen. So verhindert man, dass Erbrochenes in die Atemwege gelangt oder Schleimhäute verletzt werden.
Wichtige Nummern: Rettungsdienst: 144 Toxikologisches Zentrum: 145 Polizei: 117 Nächst gelegenes Kinderspital
Kindernothelferkurse: ➺ nothelferkurs-kinder.ch ➺ samariter.ch ➺ redcross-edu.ch
Stürze
Gehirnerschütterung ist die leichteste Art eines Schädel-Hirn-Traumas. Symptome dafür können sein: kurze Bewusstlosigkeit, kein Schreien direkt nach dem Sturz, Gedächtnislücken, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, abnorme Schläfrigkeit, Wesensveränderungen, grosse Beule. Immer ins Spital, Überwachung von 24 Stunden nötig, auch wenn Symptome allenfalls erst später auftreten.
Schwere Schädel-Hirn-Traumata zeigen sich durch Bewusstlosigkeit nach dem Sturz. Notruf 144 wählen, Kind nicht bewegen, nicht in Wohnung tragen, nicht aufsetzen oder aufwecken versuchen, nicht selber ins Spital fahren. Tritt Erbrochenes aus dem Mund, ganz vorsichtig in Seitenlage bringen.
Reanimation
Atmet ein Kind nicht, Notruf 144 anrufen. Bis die Ambulanz eintrifft:
Babys: Ein Tuch, eine Decke oder ähnliches unter den Rücken legen, zwischen den Brustwarzen mit zwei Daumen oder zwei Fingern 15 Stösse, danach zweimal Mund-Nasen-Beatmung, indem man den eigenen Mund auf Nase und Mund des Babys hält, zweimal hauchen, wie wenn man eine Brille anhauchen würde, dann wieder 15 Stösse mit zwei Fingern auf der Brust (Beispielvideo auf Instagram @wireltern).
Ab 1 bis 12 Jahren: mit flachen Händen 15 schnelle Stösse (2 Pro Sekunde) im Bereich zwischen den Brustwarzen, zwei Beatmungsstösse mit sehr wenig Luft, nur so viel, bis sich der Brustkorb anhebt. Dann wiederholen
Kinder ab 12 Jahren: mit flachen Händen 30 schnelle Stösse (2 pro Sekunde) im Bereich zwischen den Brustwarzen, zwei Beatmungsstösse mit sehr wenig Luft, nur so viel, bis sich der Brustkorb anhebt. Dann wiederholen.



Als Quereinsteigerin in den Journalismus schreibt Anita Zulauf erst für die «Berner Zeitung», die Migrationszeitung «Mix», nun bei «wir eltern» und als freie Journalistin bei dem Kulturmagazin «Ernst». Sie mag Porträts und Reportagen über Menschen-Leben und Themen zu Gesellschaft und Politik. Als Mutter von vier Kindern hat sie lernen müssen, dass nichts perfekt, aber vieles möglich ist.