Wohnen / Umzug
Einer packt aus

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Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, Veränderungen suchen wir nicht, vor allem nicht, wenn sie mit Anstrengung verbunden sind. So ein Umzug ist insgesamt aber doch verdammt anstrengend. Selbst wenn wir nur ein paar hundert Meter weiter wandern, alles muss mit. Bedeutet: Stress und Nervosität. A wie Alkohol wäre darum eine Alternative.

Es ist simple Mathematik: Ist ein Umzug ohnehin schon anstrengend, macht ein Baby das Ganze noch mühsamer. Gehts noch anstrengender? Na klar, wenn das Kind obendrein noch krank ist. Aber das wird doch sicher nicht passieren, nicht wahr, Herr Murphy? Na klar, gerade rechtzeitig hat das Baby, das eh schon intensiv betreut werden muss (heisst: eine Arbeitskraft weniger), eine Bronchitis und erbricht seine Milch am laufenden Strahl.

Wo ist dieses verdammte Ding? Eine Frage, die ich mir nie öfter gestellt habe als vor, nach und während des Umzugs. Früher war das Ding doch in dieser Kommode, aber weil die Kommode jetzt im Schlafzimmer steht und nicht mehr in der Stube, ist eben alles anders und ich weiss nicht mehr, wo ich das Ding, einer neuen Logik folgend, versorgt habe. Mensch, das kostet Nerven. Und einzelne Gegenstände tauchen wohl erst wieder auf, wenn wir das nächste Mal zügeln.

Ich zähle mich nicht gerade zu jenen, die handwerklich begabt sind. Ich kann einen Nagel einschlagen und eine Glühbirne eindrehen, zu viel mehr gereicht es nicht. Wer umzieht, muss aber zwangsläufig selber Hand anlegen. Da Regale und Schuhschränke den baldigen Erklimmversuchen unserer Tochter Stand halten müssen, heisst das: Dübel, Dübel und nochmals Dübel. Einen Vorteil hat das Dübeln: Weil die Schraube in den Dübel und das zu Befestigende drüber kommt, sieht keiner, wie mies das Loch gebohrt wurde.

Erst wenn alles Hab und Gut in Kisten verpackt und gestapelt vor dir steht, siehst du, in welchem Überfluss du lebst. So viele Dinge, die wir nicht brauchen. Ein Kerzenhalter hier, eine Salatschüssel da. Den Grossteil davon haben wir geschenkt bekommen. Ein Umzug ist darum auch eine prima Gelegenheit, um mal wieder reinen Tisch zu machen und Sachen wegzugeben. Auf dass andere ihre Wohnung/ihren Estrich/Keller zumüllen können.

Kiste buckeln, Treppe rauf, Kiste abladen, Treppe runter, Kiste buckeln, Treppe rauf, Kiste abladen, Treppe runter. Und das Ganze mal x, während x gegen unendlich strebt. Das geht in die Beine, in die Arme, in den Rücken. Und wenn du nicht mehr kannst, merkst du: Mist, die letzte Kiste war gar nicht für den Estrich, sondern für den Keller. Wenigstens ist damit das Crossfit-Programm schon absolviert. Hmm, ist das vielleicht sogar eine Geschäftsidee?
G wie Gewohnheit
Sagte ich schon, dass Menschen Gewohnheitstiere sind? Und darum kann die neue Wohnung oder das neue Haus noch so viel grösser, ruhiger, schöner sein. Die ersten paar Tage oder Wochen müssen wir uns erst akklimatisieren und zweifeln immer wieder, ob der Umzug an den neuen Ort die richtige Entscheidung war. Bis wir uns auch daran wieder gewöhnt haben.

Wir hausen schon seit Tagen zwischen Boxen, mit dem Zügeltag in Sichtweite schwindet auch die Motivation, das Bad zu putzen, zumal es für die Abnahme eh nochmals richtig geputzt werden muss. Und beim Zügeln selber vergiessen wir Blut, Schweiss und Tränen – für ein paar Tage ist das total in Ordnung so, Sauberkeit und Körperpflege haben keine Priorität. Wenn alles vorüber ist, wird dann die Einweihung der hoffentlich sauberen Badewanne umso schöner.

Auch wenn man es sich immer wieder versprochen hat, ohne IKEA gehts nicht. Irgendwas braucht man immer, ob ein Billy-Regal oder auch nur ein Kissen. Und kaum steht man im total überlaufenen Ausstellungsraum oder in der proppenvollen Lagerhalle, könnte man sich ohrfeigen, dass man doch hergefahren ist. Kauft dann aber doch noch kurz Plastikbehälter fürs Spielzeug.

Wer umzieht, braucht Hilfe. Und wen mobilisiert man, wenn man Hilfe braucht? Freunde und Verwandte natürlich. Spannend zu schauen, wer erscheint, wenn Not am Mann ist. Aber auch interessant, zu sehen, wer sich als Elektrospezialist entpuppt oder welches Fliegengewicht Kisten stemmt wie ein Profi.

Die Männer schleppen Kisten, was macht der Junior? Lieber etwas anderes. Dass ein Umzug für Kinder eine Umstellung bedeutet und mit Stress verbunden ist, ist klar. Meinen 10-jährigen Stiefsohn davon zu überzeugen, ein wenig mitzuhelfen und etwas zu seinem neuen Heim beizutragen, ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. «Was? Mithelfen? Ihr schaffts ja schon die ganze Zeit ohne mich.» Und da der Zeitplan dicht ist, und die Kraft schon nachlässt, fehlt die Energie, da noch nachzuhaken.

Weil Licht im neuen Heim doch relativ wichtig ist, müssen schnell Lampen montiert werden. Und das ist so eine Sache. Der Haken, an der die Lampe hängt, greift nämlich so gut wie nie an der Decke (da hilft nur: Dübel). Die Kabel haben so gut wie nie die richtige Länge. Und lassen sich so gut wie nie im Gehäuse verstecken und Letzteres ist so gut wie nie bündig an der Decke. Gute Gründe, das jemand anderes machen zu lassen (siehe J).

Es soll Leute geben, die sich bei jedem Umzug komplett mit neuen Möbeln eindecken. Dazu gehören wir nicht. Ergo müssen wir damit leben, dass unsere Möbel, die so gut zur alten Wohnung gepasst haben, nun einen neuen Platz finden, an den sie wahrscheinlich nicht mehr so gut passen. Das erinnert ein wenig ans Tetris-Spielen, wenn immer nur die falschen Blöcke vom Himmel fallen.

Wir haben alles eingeräumt, alle Strapazen hinter uns und sagen uns: Hier bleiben wir jetzt erst mal ein paar Jahre. Verständlich, einen solchen Aufwand möchten wir uns so schnell nicht wieder zumuten. Erstaunlich, wie schnell man sich aus Faulheit heimisch fühlt.

An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an die Grossmütter, fürs Putzen und Hüten und für die moralische Unterstützung. Ohne euch würden wir wohl immer noch im Hotel Mama wohnen.

Für die Helfer ist es oftmals das Highlight, für die Zügelnden eine Notwendigkeit: die Verpflegung. Für ein normales Essen fehlen meist Zeit und Utensilien, also wird das Essen bestellt. Das läuft bei uns im Prinzip auf Pizza hinaus. Und hat sich noch immer bewährt. Auf Kalorien achtet sowieso keiner (siehe F).

Zügeln ist teuer. Ein Grund mehr, warum ich das nicht allzu oft machen möchte. Selbst wenn man sich helfen lässt, Kinderbetreuung, Verpflegung, Parkplatzblockierung, Entsorgung, Automiete oder Zügelunternehmen schlucken locker ein paar Tausend Franken. Und, was wir nicht wussten, es dauert weiter an: Für jedes Päckli, das an die alte Adresse geht, zahlen wir 9 Franken Bearbeitungsgebühr. Leicht verschenktes Geld, wenn man sich die neue Adresse nicht schnell genug einprägt.
R wie Rollenverteilung
Kaum einmal zeigt sich so gut, dass Mann und Frau anders sind: Die Frau plant den Umzug, der Mann wartet ab. Die Frau wird nervös, der Mann wartet ab. Die Frau delegiert, der Mann pariert. Die Frau betreut die Kinder, der Mann packt an. Die Frau putzt, der Mann räumt auf. Die Frau dekoriert, der Mann montiert. Die Frau stellt um, der Mann moniert. Für einmal endet das nicht in langatmigen Gender-Diskussionen.

Schön, wenn all die Möbel die kurze oder lange Reise überstehen. Ein «Hick» hier, eine Delle da, ist aber wohl normal, wenn man selbst anpackt. Dümmer ist es, wenn «Fachleute» (siehe Z.) patzen und etwas demolieren. Da denkt man sich: Das hätte ich gerade so gut selbst kaputtmachen können.

Ob Tränen der Freude, Tränen der Erschöpfung oder Tränen des Zorns – wer en famille umzieht, der trocknet sie alle. Oder weint sie selbst.
U wie Umzugskiste
Wir brauchen sie zum Zügeln, dann nicht mehr. Dafür sind Umzugskisten aber ziemlich teuer. Und kompliziert. Wer seine Sinne nicht beieinander hat und den doppelten Boden nicht richtig hinkriegt, erfährt auf die harte Tour, dass eine Box nur richtig zusammengebaut 20 Kilo trägt.
V wie Verzweiflung
Die Anstrengung, die Umstellung, das Leben im Provisorium, Essen im Stehen, Schlafen am Boden – irgendwann ist jeder der Erschöpfung nahe und denkt sich: Komm, wir lassen das Ganze, die alte Wohnung ist doch noch ganz okay.

Die Sachen sind in Kisten verpackt und versiegelt. Das ist die Gelegenheit. Schnell das ferngesteuerte Auto verschwinden lassen, das eh nicht mehr funktioniert und den verwaschenen Teddy gleich mit. Und bei Gejammer sagen: Das haben sicher die Zügelmänner stibitzt.

Hatten wir keines in der alten Wohnung. Haben wir keines in der neuen Wohnung. Immerhin diesbezüglich mal wenig Aufwand. (Und es soll mir keiner blöd kommen: Wer weiss bei X schon etwas Gescheites hinzuschreiben.)

Wie so oft im Leben ist die Balance entscheidend. Beim Zügeln braucht es jene, die planen und jene, die anpacken. Jene, die ausrasten und jene, die ruhig bleiben. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die sich ergänzenden Teile während des Zügelprozesses im Einklang miteinander sind. Oft geht es dann um die Balance zwischen schreien und angeschrien werden.

Eigentlich hätten wir es gerne ohne sie gemacht, aber dann wollten wir doch auf Nummer sicher gehen. Sicher war dann aber gar nichts: Die Zügelmänner schraubten unser Bett kaputt und verschwiegen es. Das Trinkgeld sackten sie trotzdem ein. So eine Sauerei! Das nächste Mal können wir ja gleich den Schwarzen Block engagieren.