
It‘s Raining Elephants
Imaginäre Freunde
Der unsichtbare Freund
Kinder, die einen unsichtbaren Freund haben, sind keine verschrobenen Einzelgänger. Im Gegenteil: Sie sind sogar besonders kreativ. Das sagt Marjorie Taylor, die Pionierin auf diesem Forschungsgebiet.
Lange hat die Forschung den unsichtbaren Freundeskreis von Kindern schlicht und einfach ignoriert. Ein Randphänomen, zu wenig interessant: Damit waren keine Forschungsmeriten zu verdienen. Doch seit man herausgefunden hat, dass Kinder mit ihren verborgenen Kumpanen den Alltag spiegeln und verarbeiten, ist das Interesse erwacht. Die amerikanische Psychologin Marjorie Taylor war die Erste, die sich dem vernachlässigten Phänomen angenähert hat. «wir eltern» hat mit ihr gesprochen.
wir eltern: Frau Taylor, wie viele Kinder reden täglich mit ihrem unsichtbaren Freund?
Marjorie Taylor: Es kommt häufiger vor, als man allgemein glaubt: 37 Prozent aller siebenjährigen Kinder haben schon mal einen unsichtbaren Freund gehabt. Schliesst man zusätzlich all die Kinder ein, welche ihr Stofftier, eine Puppe oder ein anderes Objekt im Kinderzimmer als Medium für eine erfundene Figur benutzen, sind es ganze 63 Prozent, die die Frage nach dem Fantasiegefährten bejahen. Eine schöne Mehrheit also.
Was für Kinder sind das?
Bis heute gibt es das Vorurteil: Ein Kind, das einen imaginären Freund hat, ist schüchtern, soziophob und hat auch sonst Probleme. Unsere Forschung aber beweist das Gegenteil: Ein Kind mit imaginären Freunden ist ein gesundes Kind, welches genauso viele reale Freunde hat wie andere Kinder. Kinder mit und Kinder ohne imaginäre Freunde haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Schaut man die Unterschiede genau an, so schneiden die Kinder mit den imaginären Freunden besser ab: Sie haben grössere Sprachkompetenzen, sind kreativer, empathiefähiger, können also die Perspektive einer anderen Person besonders gut einnehmen, und sie sind kontaktfreudiger.
Haben Kinder zahlreiche imaginäre Freunde oder nur einen?
Das ist ganz unterschiedlich: Es gibt Kinder, die nach einer Woche mit einem imaginären Freund entscheiden, dass es Zeit wird, sich einen neuen zu suchen. Andere Kinder kreieren unsichtbare Freunde, die über Jahre bei ihnen bleiben, sich mit ihnen entwickeln und zum Teil der Familie werden.
Dann verschwindet der imaginäre Freund plötzlich. Weshalb?
Fragt man Kinder, warum sie nicht mehr mit ihrem imaginären Freund spielen, erinnern sie sich oft nicht daran. Der unsichtbare Freund ist verblasst, also tatsächlich unsichtbar geworden. Manchmal gibt es aber auch einen deutlichen Endpunkt der Freundschaft: Es gibt etwa Kinder, die erzählen, ihre imaginäre Freundin sei in einer Pfütze ertrunken oder umgezogen. Ein Mädchen, das ich im Rahmen meiner Forschungen befragt hatte, besass drei winzige Bären als Fantasiegefährten, die in ihrer Hand lebten. Wenn sie ihre rechte Hand benutzen wollte, setzte sie zuerst ihre Bären in die linke Hand. An einem Fussgängerstreifen packte ihre Mutter einmal ihre Hand und erdrückte die Bären.
Apropos Gewalt: Sind eigentlich alle imaginären Wesen immer lieb und freundlich?
Nein, gar nicht. Etwa 40 Prozent der unsichtbaren Freunde sind immer lieb, immer bereit mitzuspielen. Fast ein Drittel der unsichtbaren Freunde sind hingegen des öfteren renitent und ungesittet: Sie fluchen, kommandieren herum, geraten in Schwierigkeiten.
Wie interpretieren Sie dieses erfundene Fehlverhalten?
Negative Themen sind für Kinder interessant. Sie wissen, dass man bestraft wird, wenn man ungezogen war. Ihre imaginären Freunde benehmen sich also daneben und müssen bestraft werden. Die Kinder verbannen sie in eine Ecke oder sie schimpfen mit ihnen. Imaginäre Freunde spiegeln immer auch, was ein Kind gerade beschäftigt.
Wie sehen denn typische Fantasiegefährten aus?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Idealtypische Fantasiefreunde gibt es nicht. Ich forsche nun seit über 20 Jahren auf diesem Gebiet. Wenn ich meine Mitarbeiter fragen würde, welche imaginären Freunde sie diese Woche entdeckt haben, wäre darunter mit Sicherheit irgendeine Form oder Art, von der ich noch nie gehört habe. Die Vielfalt ist enorm und erstaunlich: Sie reicht von kleinen Kreaturen, die im Kopf oder Hosensack leben, über kleine weisse Personen, die im Licht leben, bis zu Marsmenschen und allen Arten von Tieren. Sie können riesig sein, 1000 Jahre alt werden oder auch ganz kleine Babys bleiben. Viele Leute sind besorgt, dass die Vorstellungskraft der Kinder aufgrund des gesteigerten Medienkonsums abnimmt. Meine Forschung könnte entwarnen: Die Vielfalt bleibt konstant. Disney-Figuren etwa tauchen nur ganz selten unter den Fantasiegefährten auf. Das ist doch eine sehr interessante Tatsache. Es erstaunt mich immer wieder, was Kinder erfinden. Im Alter zwischen drei und vier sind sie unglaublich kreativ.
In welchem Alter tauchen imaginäre Freunde normalerweise auf?
Schon ab zweieinhalb. Sie sind aber auch bei Siebenjährigen noch weit verbreitet. Und sogar neun Prozent der Zwölfjährigen pflegen immer noch ihre imaginären Freunde.
Wie sollen Eltern diesen unsichtbaren Gespielen des Nachwuchses begegnen? Sollen sie die Kinder ernst nehmen?
«Ernst nehmen» ist vielleicht kein zutreffender Begriff. «Bewusst darauf reagieren », trifft es besser. Eltern reagieren höchst unterschiedlich auf die imaginären Freunde ihrer Kinder: Manche sind besorgt, weil diese sich daneben benehmen. Hat das Kind eine imaginäre Mutter, fragen sich die echte Mutter, warum ihr Kind eine imaginäre Mutter braucht. Andere wiederum sind stolz über die Kreativität ihres Kindes: Eines meiner Forschungs-Mädchen hatte eine kleine weisse Katze als Freundin, die im Schnee lebt und antarktisch spricht. Das machte den Eltern richtig Spass. Nicht wenige Eltern allerdings sind besorgt, dass ihr Kind nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann.
Ist diese Sorge berechtigt?
Nein. Kinder wissen genau, dass ihr imaginärer Freund erfunden ist. Das haben unsere Studien deutlich gezeigt. Eltern können deshalb durchaus bewusst auf diese Wesen eingehen und etwa den imaginären Freund selbst als Kommunikationsmittel nutzen.
Wie denn?
Stellen wir uns vor, jemand mit einem grossen Hund ist ins Nachbarhaus gezogen. Die Eltern stellen fest, dass ihr Kind nicht mehr draussen spielen will. Manchmal wollen Kinder nicht zugeben, dass sie sich fürchten. Die Eltern können also fragen: Was hält dein imaginärer Freund von diesem Hund? Und das Kind wird sagen: er fürchtet sich. Häufig spiegeln Ängste, Gefühle, das Verhalten des imaginären Freundes Themen aus dem Leben des Kindes. Er hilft ihnen, Situationen zu verarbeiten, Konflikte zu bewältigen. Der Fantasiegefährte eines Mädchens, dessen Grossmutter schwer erkrankt war, wurde ebenfalls ständig krank. Das Mädchen wollte immer mit dem kranken imaginären Freund zu Hause bleiben.
Und wie sollen sich Eltern in einer solchen Situation verhalten?
Ich würde den Eltern vorschlagen, einen weiteren imaginären Freund zu erfinden, der mit dem Kranken zu Hause bleibt. Es nützt nichts, dem Kind zu sagen: Dein Freund ist ja gar nicht echt und also auch nicht krank. Wenn Kinder spielen, sie seien Monster und plötzlich fühlen sie sich unwohl dabei, sagen sie nicht: Ist ja bloss ein Spiel. Vielmehr passen sie ihr Spiel an. Sie sagen: Es ist ein Baby-Monster. Oder: Die Zähne des Monsters sind herausgefallen. Auf diese Weise können auch die Eltern das erfundene Spiel beeinflussen.
Sie beschäftigen sich seit zwei Jahrzehnten mit den unsichtbaren Wesen. Was löste Ihr Interesse aus?
Meine kleine Tochter redete immer über einen Michael Rose. Ich dachte, das sei ein Bub in der Kindertagesstätte. Doch als ich nachfragte, kannte ihn dort niemand. Ich war zu dieser Zeit Psychologiestudentin und bat meine Tochter, mir mehr über Michael Rose zu erzählen. Sie berichtete, er habe eine Farm voller Giraffen. Da machte es bei mir klick. Ich realisierte, dass sie sich Michael selber erschaffen hat, sie war ohnehin sehr erfinderisch. Oft wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das hat mich zusätzlich angespornt darüber zu forschen.

«wir eltern»
Die 59-jährige Psychologin ist Professorin an der University of Oregon im amerikanischen Eugene. Sie gilt als Pionierin auf ihrem Forschungsgebiet und ist Autorin des Grundlage-Werks «Imaginary Companions and the children who create them». Die kanadisch-amerikanische Doppelbürgerin ist Mutter dreier erwachsener Töchter.
Haben Sie Entdeckungen gemacht, die Ihre eigenen Vorstellungen umgestossen haben?
Zu Beginn war ich auf der Suche nach dem typischen imaginären Freund. Die Diversität, der ich in meinen Studien begegnete, frustrierte mich. Dann realisierte ich: Darin steckt die Erkenntnis! Später fragte ich mich, warum so wenig Buben in unseren Studien auftauchen. Bis ich entdeckte, dass Jungs nicht mit ihrer erfundene Figur reden, sondern ganz in die erfundenen, Figur schlüpfen. Sie tun so, als seien sie ein Hund, eine Katze oder ein Held. Bis zum Alter von sieben Jahren haben Buben dann aber genauso häufig imaginäre Freunde wie Mädchen.
Wie gross ist denn das Interesse Ihrer Berufskollegen an diesem Phänomen?
Anfangs war ich als Forscherin auf diesem Gebiet ziemlich alleine. Damals hatte sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt, dass imaginäre Freunde zum normativen Benehmen gehören. Geht man davon aus, dass nur schüchterne, verstörte Kinder imaginäre Freunde haben, dann werden dazu keine Studien gemacht. Doch wenn man versteht, dass dies Teil des kreativen Spiels von Kindern ist, und dass die imaginären Freunde helfen, den Alltag zu bewältigen, wird es für die Forschung interessant.