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Wie dressiere ich mein Pferd, und andere Tipps für junge Mütter

Ümit Yoker
Es gab bislang keinen Grund, mir Fredy Knie als Vorbild zu nehmen. Warum auch, ich wollte nie in der Manege stehen und die Geheimnisse der erfolgreichen Pferdedressur liessen mich ebenfalls kalt. In letzter Zeit scheint sich mein Alltag aber dem seinen stetig anzunähern, und so erhalten Fredy Knies Worte plötzlich ganz anderes Gewicht: Zum Beispiel, wenn er davon spricht, dass er mit seinen Pferden aus Erziehungsgründen abwechslungsweise Deutsch und Französisch spricht. Für sanfte Anweisungen ziehe letzteres vor, erzählte er kürzlich einer Moderatorin von Tele Züri, solls etwas energischer sein, halte er sich ans Deutsche. Wenn die Tiere auch die Worte nicht verstünden, den Tonfall würden sie sehr wohl begreifen.
Das könnte doch auch der Largo gesagt haben, oder? Die Kommunikation mit meinen Kindern funktioniert auf jeden Fall ähnlich. Liebkosungen aller Art bekommen die beiden auf Schweizerdeutsch zu hören, und eigentlich auch sonst alles, was ihnen zu erklären, erzählen und beschreiben weiss. Aber halte ich sie mal wieder in scharfem Ton zu Geduld oder Gehorsam an, dann oft in Einwortbefehlen auf Portugiesisch: Espera! Calma! Ebenso fällt es mir in der Sprache meines Mannes wesentlich leichter, vor ihnen zu fluchen. Was es nicht besser macht. Denn der Grosse weiss natürlich längst in beiden Sprachen, welche Ausdrücke sich seine Eltern eigentlich verkneifen sollten.
Bei einem Thema weiche ich aber besonders gern auf das Portugiesische aus: Den primären Geschlechtsmerkmalen meiner Kinder. Denn während ich einst noch darüber nachdachte, was ich meinen Söhnen antworten sollte, wenn sie irgendwann nach dem Namen des Dings da zwischen ihren Beinen fragen würden, sprach die angeheiratete Verwandtschaft längst vom Lolo. Lolo, das gefiel mir auf Anhieb, und so musste ich mich auch nicht mehr zwischen Pfiifeli und Schnäbi entscheiden. Nur dauerte es natürlich nicht lange, bis sich mein Grosser mit sorgenvoller Miene erkundigte, warum denn mir ein solcher Lolo fehle, zumal ja auch Papi, schleunigst müsse man deshalb für Mami einen erstehen, und was denn das da eigentlich sei..? Ich druckste herum und murmelte etwas von Mumu. Da stand ich also wieder vor demselben Problem und begann mich zu fragen, ob ich nicht doch prüder war als bis anhin gedacht. Denn so richtig wohl fühlte ich mich bei keiner Variante: Scheide? Zu klinisch. Schnäggli? Zu schleimig. Vagina? Klingt, als ob zwingend eine Einführung in den Feminismus vorangehen sollte. Selbst das Portugiesische liess mich dieses Mal im Stich. Pipi - das ist als Kinderwort nun wirklich auch im Deutschen schon besetzt. Um Hilfe wird gebeten.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.