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Sie sucht sie

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Es ist ziemlich unromantisch, was die Forschung über das Entstehen von Freundschaften zu berichten hat. Freunde, lässt sich zusammenfassen, das ergibt sich halt so. Wer regelmässig zur selben Zeit am selben Ort weilt, Interessen und sonst noch ein paar Merkmale teilt, hat gute Chancen, irgendwann zu BFF, ABF oder ABFSDLUL zu werden. (Gut, die letzte Abkürzung habe ich aus einem Forum, keine Ahnung, ob sie dort auch gerade erfunden wurde oder ob freundschaftliche Liebeserklärungen heute tatsächlich aussehen, als habe sich jemand versehentlich auf die Laptoptastatur gesetzt. Auf jeden Fall steht die Buchstabenfolge für: «Allerbeste Freundin, so lange du lebst und länger». Hach.) Psychologen der Universität Leipzig haben zudem bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass, wer am ersten Tag des Studiums zufällig nebeneinander Platz nimmt, Ende Semester eher miteinander befreundet ist, als wer drei Reihen auseinander sitzt. So viel zur Seelenverwandtschaft also.
In diesem Sinne sollte sich ja aber meine Suche nach neuen Freundinnen in Lissabon nicht allzu schwer gestalten, dachte ich mir eines Tages, als die unbändige Sehnsucht nach Schlaf langsam wieder anderen Bedürfnissen Platz zu machen begann. Mal die anderen Mütter auf dem Spielplatz scannen, da wird schon eine dabei sein, die passt, und der Gesprächsauftakt ist ja ein Leichtes. Man fragt nach der nahegelegenen Ludothek oder lässt sich eine Kinderärztin empfehlen, und sonst halt etwas wie: «Kommst du öfter hierher?» Spätestens an dieser Stelle aber beschleicht mich das Gefühl, dass der freundschaftliche Annäherungsversuch zwischen Rutschbahn und Schaukel einem Date gar nicht so unähnlich ist. Mache ich mir denn nicht auch hier Gedanken, wann der passende Zeitpunkt gekommen ist, um nach der Telefonnummer zu fragen, ohne dass mein Gegenüber mich für eine verzweifelte Stalkerin hält? Zerbreche ich mir nicht bisweilen ebenso den Kopf, ob der Vorschlag, zu zweit einen Kaffee zu trinken, eigenartig klingt? Und überhaupt, wie kommt man von ein paar unverbindlichen Sätzen zum Betreuungsangebot im Quartier eigentlich zu einem echten Gespräch? Insbesondere, wenn der Nachwuchs, dessentwegen man ja auf dem Spielplatz ist, bereits Ansätze eines solchen stets intuitiv zu sabotieren weiss?
Und so vergehen denn Monate zwischen den ersten Worten, die ich mit der sympathischen Australierin vom Haus gegenüber wechsle, und dem Nachmittag, an dem wir uns zum ersten Mal etwas länger unterhalten. «Und überhaupt», sagt sie, wir sitzen gerade auf dem Spielplatzboden und haken in Rekordtempo alle möglichen Themen ab, weil mein langsam auf uns zustapfender Sohn bereits das Ende des Gesprächs ankündigt. «Zeit für Sex haben mein Mann und ich vielleicht alle zwei Wochen mal.» Ich schaue sie an, ein bisschen überrascht über ihre Offenheit, aber noch mehr freue ich mich darüber. Ich glaube, jetzt kann ich sie auch nach ihrer Telefonnummer fragen.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.