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Muss es ein Geheimnis bleiben?

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Jede Mutter erinnert sich wohl an den Moment, der ihr zum ersten Mal bestätigte, dass sie bald ein Kind bekommen würde. Ich sass damals in unserer Zweieinhalbzimmerwohnung in Zürich auf dem Badewannenrand und schaute mit Hugo auf das Plastikstäbchen, das ich auf dem Heimweg noch schnell in der kleinen Migros gekauft hatte, die gegenüber meiner Redaktion lag. Es sah aus wie ein Fiebermesser. (Natürlich hätte ich den Schwangerschaftstest auch aus einem Automaten ziehen können, wo solche ja nun bereits seit einiger Zeit zwischen Sauren Zungen und Red Bull ihrer Bestimmung harren. Das brachte ich aber alleine schon des bescheuerten Namens wegen nicht über mich. Maybe Baby. Hallo!?)
Ich sass also auf dem Badewannenrand und war schwanger. Schwanger und aufgeregt. Schwanger und gerührt. Schwanger und ängstlich. Schwanger und ein wenig erschrocken darüber, dass es so schnell geklappt hatte mit dem Schwangerwerden. Hugo küsste mich und zog sein Handy aus der Tasche. Wo er herkam, waren Bekanntmachungen werdender Mütter wie diejenige, dass man gerade in der achten Woche schwanger sei, nicht unüblich. Ich hingegen hatte einen solchen Satz in der Schweiz bisher vielleicht zwei Mal ausgesprochen gehört. Ich kenne kaum eine Frau, die vor Ablauf des ersten Trimesters über ihre Schwangerschaft spricht. Ich unterbrach meinen künftigen Mann, bevor er seine Mutter und weitere Verwandte in Portugal anrufen konnte: Sollten wir nicht wenigstens bis zum ersten Arzttermin warten, bevor wir Familie und Freunden die freudige Nachricht überbrachten? Er schaute mich ein wenig befremdet an. Zögern wäre in seinem Fächer von möglichen Reaktionen auf eine Schwangerschaft wohl die letzte gewesen, die er gewählt hätte, aber wir einigten uns: Erst das Ultraschallbildchen, dann der Anruf an die Liebsten.
Eigentlich ist es ja seltsam, dass man ausgerechnet ein emotionales Ereignis wie eine Schwangerschaft derart rational angeht und sich zu Beginn nach aussen hin möglichst nichts anmerken lässt. Natürlich hatte auch ich nicht vor, meine neuen Umstände allgemein bekannt zu machen, bis das Risiko, mein Kind zu verlieren, mit dem Ende der zwölften Schwangerschaftswoche deutlich sinken würde. Aber meinen Eltern nichts zu sagen? Meinen Freundinnen? Ich habe mich nie getraut in meinem Umfeld zu fragen, weshalb viele Paare selbst ihre Nächsten am Anfang nicht einweihen. Würden sie es denn nicht sowieso mit diesen teilen wollen, wenn sie ein Kind verlören? Würden sie das Erlebte ein Leben lang zu zweit mit sich herumtragen? Oder reicht das Leistungsdenken in unserer Gesellschaft bereits so weit, dass es selbst in die Trauer um ein viel zu kurzes Leben das bittere Gefühl des Versagens zu mischen vermag? Oder geht es vielleicht weniger um Angst als vielmehr auch darum, die Neuigkeit während den ersten Wochen einfach nur für sich zu haben und geniessen zu können, als Eltern in spe? Ich weiss nur: Hätte ich es erleben müssen, dass ein kleines Herz wieder aufhörte zu schlagen, kaum hatte es damit begonnen, mir hätte wohl vor allem eines geholfen: Zu wissen, dass es anderen Frauen gleich gegangen war und sie danach trotzdem Mütter werden durften.

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Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.