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Mein krimineller Freund

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Lieber Toni,
ich hab einen Freund und ich weiss nicht so recht, wohin mit ihm. Vielleicht kannst du mir helfen? Mein Freund, nennen wir ihn Paul, ist in der Schweiz geboren, er hat hier alle Schulen besucht, er hat hier studiert und immer in der Schweiz gearbeitet, aber er hat keinen Schweizer Pass. Was wäre also zum Beispiel, wenn Paul aufgrund einer Reihe unglücklicher Umstände plötzlich Sozialhilfe beziehen müsste, und wenn er dann nebenbei noch Französischnachhilfe gäbe, die fünfundzwanzig Franken auf die Stunde, die er dafür erhielte, aber nicht deklarieren würde? Zugegeben, das Szenario ist unwahrscheinlich. Paul hat mehrere Jahre als Rohstoffhändler gearbeitet und dabei so viel verdient wie alle meine übrigen Freunde zusammen. Steuern hat er auch nicht wenig bezahlt, aber darum soll es jetzt nicht gehen.
Meine Frage an dich: Wo würden wir ihn hinschicken, Toni, diesen kriminellen Ausländer, wenn deine Durchsetzungsinitiative in einem Monat angenommen wird? Die Mutter von Paul ist Türkin, aber in Portugal aufgewachsen und hat in Genf studiert, wo ihre Eltern heute noch leben. Etwas Familienanschluss wäre schön für Paul, wenn er schon «dorthin zurückgehen soll, wo er herkommt», aber Genf liegt, wenns mir recht ist, halt eben immer noch in der Schweiz. Also Istanbul? Vielleicht hat er noch ein paar Kundenbeziehungen von früher dort, da fühlt man sich doch auch gleich zu Hause. Oder Lissabon? Hier würde er immerhin mich und meine Familie kennen, und ich könnte ihn auch gleich herumführen, meines Wissens hat er die Stadt nämlich noch nie besucht. Aber Paul hat sogar noch mehr Heimaten oder was auch immer der Plural von Heimat ist. Sein Vater kommt aus den Niederlanden. Wäre doch auch eine Möglichkeit. Das Holländisch meines Freundes ist nicht ganz einwandfrei, aber hey, das kann man lernen. Das würdest du auch nicht anders machen, wenn man dich, sagen wir, nach Eritrea schicken würde, oder? Du hast ja jetzt eine Verbindung zu diesem Land, gäll, dank Lulu, der neuen Kuh in deinem Stall, deren Name offenbar in einer der dortigen Landessprachen auch irgendwas bedeutet, wie du kürzlich am Fernsehen erzählt hast. Und natürlich sei die Kuh schwarz, hast du noch hinzugefügt, und laut gelacht. Es war ja auch wirklich lustig.
Fast hätt ichs vergessen: Mein Freund hat Frau und Kinder. Müssen die auch mit «nach Hause»? Oder soll Paul schon mal vorgehen und sich einen Job in einem Fastfoodlokal in der Nähe von Rotterdam suchen, bis er die Landessprache etwas besser beherrscht? Er kann ja dann jeden Monat ein bisschen Geld in die Schweiz schicken, drei Kinder kosten ja auch nicht alle Welt. Du würdest dich schliesslich in Asmara auch erst mal hinter einen Tresen stellen und schwarzen (!) Kaffee ausschenken, oder, Toni? Bei dieser Gelegenheit könntest du dann auch deinen Witz mit der Kuh zum Besten geben, ein Brüller, ich hör schon das Gelächter der eritreischen Bargäste. Aber zurück zur Frau meines Freundes: Vielleicht wäre es sowieso das Beste, sie liesse sich gleich scheiden. Schliesslich will man sich nicht ausmalen, was einer, der Einnahmen aus Nachhilfestunden verheimlicht, sonst noch alles treibt, und Steuerhinterziehung ist ja eh das Letzte, gäll, Toni? Toni?
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.