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Ich bin kein Helikopter

Ümit Yoker
Grösse? Gewicht? Mein Mann und ich schauen einander an. In die Belustigung darüber, dass man solche Angaben offenbar stets griffbereit haben sollte, mischt sich das schlechte Gewissen, dass wir es nicht tun. Und der Fragebogen zu unserem Kleinen geht noch weiter: Wie viele Portionen Früchte hat das Kind gestern gegessen? Hat es ferngesehen? War es draussen? Nun – ich weiss es nicht. Unser Sohn hat den Tag zuvor gemeinsam mit seinem Bruder bei der Grosstante verbracht, während wir in einem hübschen Café am Meer in aller Ruhe ein Buch lasen. Ich schreibe ein paar Schätzwerte in die Antwortfeldchen und reiche das Blatt den anderen Müttern und Vätern weiter, die ebenfalls am Informationsabend der Krippe im Quartier teilnehmen.
Ja, solche Eltern sind wir. In Zeiten, in denen unsereins gerne mit Luftfahrzeugen verglichen wird, die unablässig über dem Nachwuchs kreisen, gehen mein Mann und ich vielleicht als rostige Damenvelos durch: nahebei geparkt und einsatzbereit, aber nun nicht gerade die Eifrigsten. Und das finde ich auch ganz in Ordnung, denke ich so für mich, doch um mich herum brummen schon wieder die Rotoren. Die Helikopter-Mutter hat zusammen mit dem Helikopter-Vater längst die ganze Welt abgeflogen, sie ist in Lissabon so präsent wie sie es in Zürich ist oder in Berlin. Und sie hat offenbar Geleit von weiteren Erziehungsverantwortlichen: So sieht es etwa unsere Krippenleiterin gar nicht gern, dass wir beim nächsten Fragebogen ausgerechnet auf die Frage, was uns bei der Entwicklung unseres Sohnes am meisten Sorge bereite, keine Antwort haben. Vorwurfswoll tippt sie mit dem Zeigefinger auf die leeren Linien, in etwas spitzem Ton merkt sie an, ob unser Sohnemann denn vielleicht gar ein Universalgenie sei?
Natürlich nicht. Und natürlich mache ich mir ständig Sorgen um mein Kind: Autos jagen mir Furcht ein, Balkongeländer ebenso, ich habe Angst, dass es auf Scherben treten könnte oder in eine Steckdose fasst. Aber so oft mich der Gedanke heimsucht, dass ihm etwas zustossen könnte, so selten habe ich Bedenken, dass aus ihm einmal nichts Rechtes wird. Denn soweit ich das beurteilen kann, scheint mein Sohn einfach ein normales Kind zu sein. Und ganz ehrlich? Normal find ich super.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.