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Gastarbeiterkind on Tour

Ümit Yoker
Früher, als Kinder noch in den Pässen ihrer Eltern unterkamen, klebte auch im Ausweis meines türkischen Vaters das Foto eines blassen Mädchens mit langen Haaren und Mittelscheitel. Workers Child stand daneben, darüber mein Name. Falls ich mal eine Band gründen sollte, dachte ich in den Jahren danach oft, dann würde ich sie so nennen: Workers Child. Gastarbeiterkind. Mir gefiel, wie das klang. Zu irritieren begann es mich erst später.
Denn Gastarbeiter ist ja ein Unwort. Wie Mutterschaftsurlaub. Schlaflose Nächte sonder Zahl, ständig die Sorge, bei der Pflege des Neugeborenen etwas falsch zu machen und immer mal wieder Milchstau? Ha, war das nicht diesen All-Inclusive-Ferien in Südfrankreich zum Verwechseln ähnlich? Am Fliessband für einen mickrigen Lohn regelmässig Überstunden leisten? Danke für die Einladung! Aber gut, dass der Begriff nicht zu den gelungensten Wortschöpfungen des vergangenen Jahrhunderts gehört, ist inzwischen ja hinlänglich bekannt, und wer aus dem Ausland ein paar Jahre in die Schweiz arbeiten kommt, den nennt man heute Expat, zumindest wenn er gut ausgebildet ist und ebenso verdient.
Als solcher Expat ginge vielleicht auch ich als Schweizerin in Portugal durch, nur das mit dem Gutverdienen.. nun ja. Nach siebenunddreissig Jahren in einem der reichsten Länder der Welt muss ich doch erst einmal leer schlucken, wenn der Mindestlohn hier von mickrigen 485 auf ebenfalls nicht berauschende 505 Euro erhöht wird, das Einstiegsgehalt einer Ärztin 1500 Euro beträgt, ein portugiesischer Durchschnittslohn bei 900 Euro liegt, und ein Richter der obersten Gehaltsstufe gerade einmal soviel verdient wie meine Zürcher Freunde in ihrem ersten Job nach dem Betriebswirtschaftsstudium.
Und so vergeht denn nach unserer Ankunft in Lissabon auch kein halbes Jahr, bis mich zum ersten Mal, einen klitzekleinen Augenblick lang nur, aber trotzdem, der Gedanke streift, den sich vor mir schon so viele portugiesische Mütter und so viele portugiesische Väter gemacht haben: Wie würde unser Leben wohl aussehen, wenn ich für eine Weile in die Schweiz ginge, um dort zu arbeiten? Vielleicht könnte ich mir irgendwo in der Agglomeration von Zürich ein Zimmer suchen, stets bei Lidl einkaufen und unter den Krankenkasse die günstigste wählen, mit der höchsten Franchise dazu? Vielleicht hätte ich Glück und fände eine Stelle auf meinem Beruf und sonst wäre es halt einfach irgendein Job. Abends würde ich dann meinen Kindern via Skype eine Gutenachtgeschichte erzählen und jeden Monat schickte ich einen ordentlichen Teil meines Lohnes nach Portugal, Geld, dessen Wert sich auf seinem Weg quer durch Europa auf magische Weise vervielfachte, Geld, mit dem, einmal an seinem Bestimmungsort angekommen, plötzlich ganz viel möglich wäre, tolle Schulen für unsere Kinder, zum Beispiel, Ferien, ein neues Auto.
Natürlich werde ich die kommenden Jahre nicht getrennt von meiner Familie als Gastarbeiterin in einem anderen Land verbringen. Wir leben gut hier. Und wenn wir wollen, können wir Portugal jederzeit den Rücken kehren. Aber es schadet trotzdem nicht, sich zwischendurch bewusst zu werden, was für Gedanken man sich als Eltern vielleicht machen würde, wenn man nicht zufällig in der Schweiz geboren worden wäre.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.