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Für immer

Ümit Yoker
Es ist eine der traurigsten Stellen im Gespräch mit dem Vater desjenigen Mannes, der vor etwas mehr als vier Jahren in Norwegen siebenundsiebzig Menschen tötete. Ob er jemals stolz auf seinen Sohn gewesen sei, fragt der Journalist des Magazins der «Süddeutschen» Jens Breivik. Nein, erwidert der Mann, der nicht wie ein schlechter Mensch wirkt, nur eigenartig unbeteiligt; schon seit langer Zeit hat der einstige Diplomat keinen Kontakt mehr zu seinem Kind. Anders hätte ihm ja nie etwas von gewonnenen Wettbewerben erzählt oder dass er an etwas teilgenommen hätte. Er scheint die Antwort nicht böse zu meinen, gerade das macht sie so tragisch.
Es müssen karge Kinderleben sein, in denen Anerkennung der Eltern mit Siegen errungen werden muss. Ich weiss noch genau, wann ich das unbändige Gefühl mütterlichen Stolzes zum ersten Mal spürte. Erst gerade ein paar Wochen schwanger stand ich vor der Praxis meiner Frauenärztin und wartete an der Haltestelle auf das Tram, das mich zurück ins Stadtzentrum bringen sollte. Das klitzekleine Wesen, hatte die Gynäkologin mir soeben versichert, wuchs, wie es sollte, und sein Herzchen klopfte genau so, wie kleine Herzchen eben klopfen müssen. Du machst das toll, flüsterte ich dem Baby in meinem Bauch zu.
Es gibt so unglaublich viele Gründe, auf meine Söhne stolz zu sein. Doch nichts rührt mich derzeit mehr als die Zuneigung, die sie füreinander haben. Als mein Dreijähriger mir kürzlich mit ernster Miene verkündete, wie sehr er seinen kleinen Bruder vermisse, nur, weil dieser ein paar Tage bei den Grosseltern verbrachte, war ich den Tränen nahe. Gehen wir einkaufen, legt er zum Schokoladennikolaus auch «einen für Tiago» dazu, von den Spielzeugautos an der Supermarktkasse greift er sich nicht nur ein blaues für sich selbst, sondern auch ein grünes «für Tiago». Der Kleine dankt es ihm mit Blicken voll grenzenloser Bewunderung. Hoffentlich bleiben die beiden einander stets so wichtig, ich wünsche mir, dass sie sich auch als Erwachsene zu trösten vermögen und zu beschwichtigen, sich auch mal gegen ihren Vater und mich verbünden, wenn wir als Eltern wieder Mist gebaut haben, dass sie gemeinsam über die Vergangenheit lachen werden und auch sonst über alles Mögliche. Mögen sie für immer verbunden bleiben, egal, wohin sie ihr Weg dereinst führt.
Mein schönstes Weihnachtsgeschenk kommt übrigens dieses Jahr mit der Swiss aus Zürich angeflogen: Mein Bruder verbringt die Feiertage mit uns in Portugal.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.