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Die Bändigerinnen der Achtundzwanzig

zvg / Ümit Yoker
Die Kinderlein sollen ja auch einmal das Lissabon der Touristen zu sehen bekommen, denke ich mir, und hieve sie in das angejahrte Fahrzeug. Wie ein müdes Tier schleppt sich das Gefährt, das in jedem Reiseführer Erwähnung findet, bald gewundene Strässchen hoch, bald ruckelt es schmale Gassen hinunter, nur widerwillig nimmt es dann und wann Fahrt auf.
Die Achtundzwanzig gehört zweifellos zu den störrischsten Exemplaren im Lissabonner Zoo der Strassenbahnen. Ihre Bändigung scheint vor allem Frauen gut zu gelingen, zumindest trifft man diese dort auffallend oft hinter dem Steuerrad an. Die Tramführerin vor uns trägt schwarze Stiefeletten aus nietenbesetztem Leder, die langen Fingernägel hat sie sich in sattem Dunkelblau angemalt, dem Farbton der biederen Strickjacke, die wohl in der Kleiderordnung ihres Arbeitgebers festgeschrieben ist. Das volle Haar fällt ihr wie ein breiter Fächer über die Schultern, sie lässt es offen, wohl auch im Bewusstsein darum, dass man sie den ganzen Tag nur von hinten sieht.
An der nächsten Haltestelle steigen zwei junge Frauen zu und halten, so, wie das alle tun, ihre Portemonnaies an das Kästchen, an dem man die Fahrkarten entwertet, aber das grüne Lämpchen blinkt nicht auf. Die beiden zwängen sich ungerührt an den anderen Passagieren vorbei nach hinten. Sie wussten ja bereits, dass in ihrer Brieftasche kein Billet drinsteckt. «Ihr habt keine Fahrkarte», sagt die Tramführerin mit dem schwarzglänzenden Haar. «Na und!», rufen die beiden vom Ende des Fahrzeugs nach vorne.
«Ihr müsst bei mir ein Ticket lösen.»
«Warum sollten wir?»
«Oder aussteigen.»
«Bestimmt nicht.»
«Na gut, dann bleibe ich eben hier». Die Chauffeurin dreht sich zu den Fahrgästen um und lässt ihren Blick auf den beiden Gören ruhen. Das Tram bewegt sich nicht von der Haltestelle weg. Die ersten Passagiere beginnen zu murren, irgendwann ruft ein Mann aus, er müsse zur Arbeit und zwei ältere Damen empören sich über fehlenden Anstand und Respekt im Allgemeinen und leiten das Gespräch dann nahtlos zu ihren Söhnen über, die während der Kolonialkriege noch in Angola und Moçambique fürs Vaterland haben kämpfen müssen. Irgendwann droht jemand mit Polizei und da steigen die beiden Schwarzfahrerinnen dann doch aus, nicht ohne den Drinnengebliebenen noch ein paar unflätige Worte und Gesten hinterherzuschicken, aber die lachen nur.
«Endlich einmal jemand, der die Zügel in der Hand hält!» rufen die zwei älteren Damen der Tramchauffeurin zu, als sie einige Haltestellen später selbst aussteigen, und ich muss an die Zürcher Verkehrsbetriebe denken, die vor einigen Jahren mit grossangelegten Plakat- und Inseratekampagnen um mehr Frauen im Führerstand warb. Falls es den VBZ noch immer an weiblichem Personal fehlen sollte: So ein Cobra-Tram beschwören die Kolleginnen in Lissabon mit links.

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Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.