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Und wie übersteht ihr einen Flug mit zwei Kleinkindern?
Traktandum: Flug Lissabon – Zürich
Anwesende: Aymar (3 Jahre 7 Monate), Tiago (1 Jahr 10 Monate), Ümit (never mind)
9.30 Uhr: Koffer sind gepackt. T. bestreut den Balkon mit Speisesalz, A. sortiert konzentriert Wäscheklammern nach Farben. Ü. macht Fotzelschnitten, sie sehen alle ein wenig verbrannt aus. Die muss dann halt Ehemann H. essen.
10.15 Uhr: H. fährt seine Familie zum Flughafen Lissabon.
10.53 Uhr: Abschiedsküsse vor dem Check-In-Schalter 63. H. kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück.
11.10 Uhr: Unerwartet rasche an Ankunft an Gate 14. Bis zum Abflug dauert es noch 2 Stunden und 15 Minuten. Einmal leer schlucken.
11.10 – 11.30 Uhr: A. und T. rennen geschätzte siebenhundertfünfzig Mal eine kleine Rampe hoch und runter. Jeder Lauf wird mit theatralischem Sich-am-Boden-Rollen beendet. Zwischendurch kurze Pausen für Flugzeugbeobachtung.
11.35 Uhr: Ruhigstellung überhitzter Kindergemüter mit eigens zu diesem Zweck mitgebrachten Knabberstäbchen mit Streichkäse.
11.45 Uhr: Einwilligung Ü.s zum Kauf zweier Päckchen M&Ms, ein Sonderangebot.
11.46 Uhr: Der Automat schluckt das Geld, aber rückt keine M&Ms heraus.
11.50 Uhr: Eine Frau in neongelber Weste verspricht, sich um das Problem zu kümmern und verschwindet. Als Knabberalternative muss nun eine Nusskernemischung mit getrockneten Früchten herhalten. A. und T. stopfen sich ein paar Rosinen in den Mund und setzen ihr Rennen an der Rampe fort.
12.20 Uhr: Ruhigstellung überhitzter Kindergemüter mittels eines Pixibüchleins sowie eines Wimmelbuchs in handlichem Kleinformat, auf dem man allerdings nicht mehr allzu viel erkennen kann.
12.30 Uhr: Ein Mann in roter Weste erscheint und hantiert am defekten Automaten. Ü., A. und T. erhalten zwei Päckchen M&Ms sowie ihr Rückgeld. Sie sind eine glückliche Familie.
13.10 Uhr: Boarding Time.
13.50 Uhr: A. fragt im Minutentakt, ob er den Sicherheitsgurt wieder öffnen darf. Ablenkung mit eigens dafür mitgebrachten Küchenutensilienstickern mit Filzoberfläche.
13.50 – 14.00 Uhr: A. und T. befühlen andächtig Küchenutensiliensticker mit Filzoberfläche.
14.10 Uhr: Befehlfsmässiges Windelwechseln auf Sitz 16D. Ü. blickt flüchtig an sich herunter und stellt fest, dass ihre Bluse bis zum Bauchnabel offen steht. Immerhin trägt sie ein Unterhemd. In zartfleischfarben.
14.28 Uhr: Flugbegleiterin rügt Ü. für behelfsmässiges Windelnwechseln auf Sitz 16D und serviert anschliessend Cippolata mit Kartoffelstock und Erbsli.
14.30 Uhr: T. besteht darauf, alleine zu essen. Ü. hält angesichts suboptimaler Platzverhältnisse nichts von dieser Idee. T. verweigert sich jeglichem Essen, solange dieses von Ü. transportiert wird. Ü. droht ihre Contenance zu verlieren, doch in diesem Augenblick bietet A. seinem Bruder T. von seinem Essen an. T. lässt sich bereitwillig von ihm füttern. Ü. steigen ob so viel geschwisterlicher Eintracht die Tränen in die Augen.
14.45 Uhr: A. muss mal.
14.46 Uhr: T. auch.
14.47 Uhr: Ü. hält sich angesichts der Umstände eigentlich für ziemlich entspannt, doch aus dem Spiegel auf der Toilette blickt sie eine Frau mit fleckig geröteten Wangen und zerzaustem Haar an.
15.20 Uhr: T. weigert sich brüllend, auf dem Schoss von Ü. Platz zu nehmen.
15.21 Uhr: Ü. packt Spielzeugpferd, Spielzeugambulanzfahrzeug und Spielzeugoffroader aus der Tasche und macht abwechselnd Wieher- und Motorengeräusche.
15.23 Uhr: T. ist eingeschlafen.
15.50 Uhr: A. möchte zurück nach Lissabon.
16.03 Uhr: Die Maschine landet in Zürich. A. wirft die Arme hoch wie bei einem Fussballspiel.
17.00 Uhr: M., der Vater von Ü., nimmt die Familie am Flughafen in Empfang. Mission accomplished. Puh.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.