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Helvetia ist eben auch ein Mami

Ümit Yoker
Das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hält auswanderungswilligen Schweizern eine Broschüre mit dem etwas verzweifelt klingenden Namen «Auswandern: Was nun, was tun?» bereit. Darin sind allerlei wichtige Erledigungen aufgelistet und diese wiederum diversen Planungszeiträumen zugeordnet: Ein bis zwei Jahre vor der Ausreise (hahaha!), Zwei bis sechs Monate vor der Ausreise (das trifft es schon eher), Nach der Ankunft im Zielland. Es wird empfohlen, die künftige Heimat erst einmal zu verschiedenen Jahreszeiten als Tourist zu besuchen, wichtige Dokumente in die Landessprache übersetzen zu lassen oder an den passenden Steckdosenadapter zu denken. Je weiter man sich in der Liste des EDA voranarbeitet, desto fürsorglicher werden die Ratschläge: «Wenn die erste Euphorie vorüber ist, sorgen Sie für einen neuen Alltag.» «Erkunden und geniessen Sie die neue Umgebung.» «Teilen Sie Ihren Nächsten mit, wo Sie sind.» Jöö. Soll mir einer sagen, dass Helvetia kein Mami ist.
Der Staat – und ja, man muss als Schweizerin vielleicht eine Weile dem eigenen Land den Rücken gekehrt haben, um sich dessen wirklich bewusst zu sein – meint es gut mit uns. Natürlich meckerte auch ich über steigende Krankenkassenprämien, als ich noch dort lebte. Doch nie hatte ich auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass die Versorgung in einem öffentlichen Spital für die Geburt meiner beiden Kinder ausreichen würde. Ebenso wäre es mir nicht im Traum eingefallen, für meine Söhne den Besuch einer Privatschule in Erwägung zu ziehen. Nicht, weil eine solche weit mehr kosten würde als wir zu bezahlen vermochten. Nein, in erster Linie liegt es daran, dass ich Vertrauen in die staatlichen Schulen habe und private Institutionen für mich seit jeher ein vages Gefühl des Suspekten umweht. Das mag man den bescheidenen Verhältnissen zuschreiben, in denen ich aufgewachsen bin - was viel kostet, befand sich schon immer in ansehnlicher Distanz zu meinem Lebensalltag. Doch munkelten wir schon als Kantischüler über die Gymnasiasten am Zugerberg, ihnen hätten wohl die Eltern die Matura kaufen müssen.
Vielleicht war das ungerecht. Noch viel ungerechter scheint mir aber, wenn einen auf einmal das gegenteilige Gefühl beschleicht, das nämlich, dass nur private Einrichtungen den Kindern eine richtig gute Ausbildung und der ganzen Familie eine ebensolche Gesundheitsversorgung garantieren. Doch genau solche Gedanken mache ich mir bisweilen, seit ich in Portugal lebe, und schüttle sie verärgert immer wieder ab. Selbst die Ludothek in unserem Quartier wird meist ausschliesslich von meiner australischen Freundin und mir besucht – als hafte den liebevoll eingerichteten Spielecken des Gemeindebetriebs etwas Beschämendes an, das wir Ausländerinnen nicht sehen, etwas, von dem man sich als Mittelschichtsfamilie fernhalten sollte, solange man seinen Kindern ihre eigenen Spielsachen kaufen oder sie in teure Kürslein schicken kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der vielenorts privaten über öffentlichen Institutionen der Vorzug gegeben wird, lässt den Staat hier auf mich bisweilen wie ein entfernter Verwandter wirken. Aber vielleicht muss ich ihn einfach noch etwas besser kennenlernen.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.