
istock.com
Partnerschaft / Sex
Baby da, Lust weg?
Von Veronica Bonilla Gurzeler und Nuria Furrer
Sex steht nach der Geburt ganz unten auf der Prioritätenliste. Jedenfalls bei den meisten Frauen. Lesen Sie trotzdem weiter. Vor allem, wenn Sie nicht wollen, dass es so bleibt.
Drei Paare erzählen von ihrem Liebesleben:
Wie schlafen Sie neben Ihrem Partner? Was Schlafpositionen über die Beziehung aussagen erfahren Sie hier:
- Geben Sie das Kind ab 2–3 Monaten regelmässig einige Stunden oder ein Wochenende weg und verbringen Sie die Zeit zu zweit.
- Haben Sie drei Monate nach der Geburt des Kindes noch keinen Sex, sollten Sie zumindest mal über das Thema sprechen.
- Warten Sie mit dem ersten Mal, bis beide wirklich wollen.
- Gestehen Sie sich eine gewisse Unbeholfenheit zu.
- Das Stillhormon Prolaktin trocknet die Scheidenschleimhaut aus. Benutzen Sie Gleitgel, damit der Geschlechtsverkehr nicht schmerzt.
- Alkohol in kleinen Mengen wirkt enthemmend. Vorsicht, wenn Sie jedes Mal eine Flasche Wein und einen doppelten Whiskey brauchen, um in Stimmung zu kommen. Lassen Sie auch nüchtern Ihren sexuellen Fantasien freien Lauf.
- Möchte der Mann mehr Sex, fragt er die Frau: Was kann ich tun, um dich zu entlasten? Wäsche waschen? Mit den Kindern auf den Spielplatz gehen? Was sind deine Bedürfnisse?
- Herrscht in der Beziehung Krieg, zuerst die Konflikte angehen. Erst dann kann sich die Sexualität verändern.
- Legen Sie eine hohe Geldstrafe fest für den Fall, dass Sie einander mit Mami, Papi, Mutti oder Vati ansprechen. Sollte sich die Kasse füllen, organisieren Sie einen Babysitter und gehen zu zweit essen, Schlittschuh laufen, tanzen, Champagner trinken – was immer Ihnen beiden Spass macht.
- Kommt die Lust zurück, aber nicht auf den Partner, bedenken: Aussereheliche Sexualfantasien sind normal. Problematisch wirds, wenn sie in die Realität umgesetzt werden. Die meisten Paare scheitern, wenn sie ihre Beziehung öffnen.
Bettgeschichten früher: begehren, heissmachen, vögeln, hemmungslos lieben bis zum Morgengrauen.
Bettgeschichten heute: Babywimmern, nuckeln, wiegen, erschöpft einschlafen bis zum nächsten Säuglingsbedürfnis.
Das Liebesleben nimmt nach der Geburt zeitweise zölibatäre Züge an. Zwar spricht niemand gern darüber, aber Zahlen zeigen es deutlich: 15 Prozent der Paare haben sechs Wochen nach der Geburt das erste Mal wieder Sex, so eine Umfrage der deutschen Zeitschrift «Eltern». 40 Prozent warten damit bis zu elf Wochen, weitere 25 Prozent bis zu sechs Monaten. Klipp und klar sagt es Claus Buddeberg, emeritierter Professor und ehemaliger Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde am Universitätsspital Zürich: «Kinder sind Sexualhemmer.» Fast immer sind es die Frauen, die Mühe haben, die schönste Nebensache der Welt in ihr neues Leben mit Kind zu integrieren. Buddeberg: «Sexuelles Interesse und Aktivität nehmen im Verlauf des ersten postnatalen Jahres bei den meisten Frauen nur langsam zu.»
Libidokiller
Die Liste der Gründe dafür ist lang und sowohl körperlicher, psychologischer wie sozialer Natur. Das Bindungshormon Oxytocin und das Milchbildungshormon Prolaktin, beide von stillenden Frauen in Höchstmengen produziert, dämpfen die Libido. Das macht aus biologischer Sicht Sinn, denn eine Frau, die gerade ein Kind bekommen hat, soll sich erstmal um dieses eine kümmern und nicht schon wieder mit der nächsten Schwangerschaft beschäftigt sein.
Doch die Erotik wird nicht nur von den Hormonen aus dem Schlafzimmer gedrängt: Junge Mütter sind derart mit ihrem Rollenwechsel vom Berufs- zum Mutteralltag beschäftigt mit dieser neuen Rund-um-die- Uhr-Verantwortung für das Baby – alle zwei bis vier Stunden füttern, Windeln wechseln, in den Schlaf wiegen – dass alles andere zurückstehen muss, auch die eigenen Bedürfnisse. Sex sowieso. Schläft das nähebedürftige Wesen nach einem langen Tag endlich, bleibt allzu oft nur: Müdigkeit. Und der Wunsch nach Ruhe, nach nichts geben müssen.
Die Last hat die Lust vertrieben, so einfach ist das. Doch kein Grund zur Sorge. Das ist nichts Aussergewöhnliches! «Gibt es tatsächlich Eltern, die noch Sex haben?», fragt Merle Wuttke, Mutter von drei Kindern in ihrem kürzlich erschienen Buch «Neue Verkehrsregeln – der erste ehrliche Sexratgeber für Eltern» mit einem Augenzwinkern. Und präzisiert: Sex mit diesem Körper? Mit einem Bauch wie eine Fleischschürze, mit Brüsten, die schmerzen und andauernd ihren Inhalt verlieren? Doch die Autorin weiss, dass nicht alle wie sie empfinden: «Da kommt der Mann und sagt: Wahnsinn, sind die etwa noch grösser geworden? Darf ich mal anfassen?» Merle Wuttke wundert sich und wahrscheinlich viele Frauen mit ihr: Milchmaschine und Pornostar gleichzeitig sein – wie soll das gehen?
Das ist die Krux mit dem Sex nach der Geburt: Mann und Frau wollen oft nicht gleich viel. Denn weder ist der Mann im Prolaktintaumel, noch haben seine Geschlechtsteile wie bei der Frau temporär eine andere Funktion erhalten. War er bei der Geburt dabei und ist er vom archaischen beziehungsweise brachialen Geschehen nicht traumatisiert – was natürlich vorkommt und sich in fehlendem Begehren äussern kann – wird sich sein sexueller Appetit wohl bereits wieder geregt haben. Zumal er vielleicht schon vor der Geburt längere Zeit auf Geschlechtsverkehr verzichten musste. Zwar fühlen sich manche Frauen mit ihren prallen Brüsten und Bäuchen in der Schwangerschaft wie wahre Sexgöttinnen, doch in den letzten Monaten wird den allermeisten das Liebesspiel schlicht zu anstrengend. «Die sexuelle Durststrecke kann für den Mann also recht lang sein», fasst Claus Buddeberg zusammen.
Was tun mit der Lust? «Die Selbstbefriedigung kultivieren», sagt Karoline Bischof, Sexualtherapeutin am Zürcher Institut für klinische Sexologie und Sexualtherapie ZISS. Claus Buddeberg rät dasselbe. Pornografiekonsum? Hier sind sich die beiden Fachleute uneinig. Bischof hat nichts dagegen, gibt aber zu bedenken, dass sich die visuellen Reize abnützten. Buddeberg findet Pornografie völlig daneben. «Sie lähmt die eigene Fantasie, man wird ferngesteuert.» Der Psychotherapeut empfiehlt zu sublimieren, also Triebregungen in den Sport umzulenken, oder in den Beruf, ins Hobby. «Fehlt dem Mann die Nähe, soll er sich mehr ums Kind kümmern», sagt Bischof.
Bettler statt König
Ein wirkungsvoller Tipp. Denn das könnte seine Sexualhormonproduktion drosseln. Je mehr sich nämlich ein junger Vater mit seinem Nachwuchs beschäftigt, desto weniger Testosteron hat er im Blut. Dies haben philippinische Forscher kürzlich herausgefunden. Buddeberg misstraut zwar solchen Studien, ergänzt aber, dass Männer einen tieferen Testosteronspiegel haben, wenn sie unter Stress stehen, beispielsweise weil sie nachts nicht durchschlafen können. Je partnerschaftlicher man sich also um die Kinder kümmert, je eher gleicht sich auch der sexuelle Appetit an.
Doch genug der Hormone. Irgendwann kommen die allermeisten Paare einander wieder näher. Oft ist der Sex allerdings nicht mehr wie vor dem Kind. Bei einer Untersuchung in England gab die Hälfte der befragten Frauen zu Protokoll, die Sexualität hätte sich ein Jahr nach der Geburt verändert und die Zufriedenheit abgenommen. Bei den Männern waren es immerhin 25 Prozent. Claus Buddeberg führt die Diskrepanz darauf zurück, dass sich viele Frauen unter Druck fühlen, endlich wieder mal mit ihrem Mann zu schlafen, obwohl sie selber kaum Lust darauf haben: «Damit reduziert sich Sex auf Genitalität, was für Frauen deutlich unbefriedigender ist als für Männer.»
Ein Teufelskreis beginnt. Die Frau versucht, den Annäherungsversuchen des Mannes auszuweichen, hat gleichzeitig Schuldgefühle. Der Mann fühlt sich abgelehnt, ungeliebt, Bettler statt König – und mindert dadurch ungewollt seine Attraktivität. Das Szenario kann sich selbstverständlich auch mit umgekehrter Rollenverteilung abspielen. Buddeberg stellt bei nicht wenigen 45- bis 55-jährigen Paaren fest, dass nach der Geburt der Grundstein gelegt wurde für eine längerfristige sexuelle Unzufriedenheit. Wer nicht so weit kommen wolle, müsse in die Beziehung investieren, auch sexuell. «Und nicht nur ins Sparkonto oder in die Kinder.»
Sex oder Krimi?
Ist der Sex nicht erfüllend, geht die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr auf. Die Frau liest dann abends im Bett lieber einen Krimi als sich ihrem Mann zu widmen. Karoline Bischof sagt, dass weniger als 20 Prozent der Frauen mit Kindern ihre Sexualität geniessen und sie als Ressource betrachten. Die Ursache sieht die Sexologin in einer unterentwickelten sexuellen Genussfähigkeit. «Sexuelles Lernen wird in unserer Gesellschaft nicht gefördert. Gerade Frauen wissen oft nicht, wie sie die sexuelle Begegnung geniessen und die eigene Erregung steigern können.» Es sei jedoch nie zu spät, dies zu lernen. Bischof: «Sexualität ist ein Potenzial an Lebensfreude, schade, wenn wir es nicht nutzen!»
Zum Schluss noch eine gute Nachricht, die Hoffnung macht. Doris Christinger, Tantra-Pionierin und Inhaberin einer Liebesschule für Frauen, sagte kürzlich in einem «Annabelle»-Interview: «Frauen sind genauso interessiert an Sex wie Männer!»
Das könnte Sie auch interessieren: Sieben Punkte, die sich im Leben unserer Bloggerin Claudia Joller verändert haben, seit sie Mutter geworden ist. Lesen Sie den Blogbeitrag hier.






