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Erziehung / Bindung
Sechs Regeln für die Ablösung vom Kind
Mütter - und auch ein paar Väter - müssen lernen, ihre Kinder loszulassen. So gelingt es.
«Da hat er mir doch tatsächlich in die Hose gemacht» – treffender lässt sich die grassierende Mutter-Kind-Symbiose nicht auf den Punkt bringen. Beliebt sind auch: «Wir haben wieder so viele Hausaufgaben» oder «Toller Urlaub, tolle Kinderanimation». Eigentlich wären sie ja lustig, diese Muttersätze. Wenn denn jemand darüber lachen würde. Tut aber niemand. Mütter schon gar nicht. Schade. Denn darüber zu lachen, dass vermeintlich das Baby in Mamas Hose gepinkelt hat, oder eine zurechnungsfähige Erwachsene ihre Ferien deshalb geniesst, weil ein singender Riesen-Biber am Pool sein Unwesen treibt, wäre ein erster Schritt. Ein erster Schritt hin zu erkennen, dass die Gleichung Kind = Mutter nicht stimmt. Ein erster Schritt hin zum Loslassen. Denn das müssen Eltern wohl oder übel lernen. Nur – warum ist das so verdammt schwer?
Vielleicht, weil die Biologie sich einmischt, die Evolution ein Wörtchen mitredet und auch noch die Kultur ihren Senf dazu gibt. Und weil das Dilemma rund um die Abnabelung: «Mutter hier – Kind da», oder doch eher «Mutter-Kind-Einheit, heilige Zweifaltigkeit»? weit vor den Wehen einsetzt, dann, wenn die physische Abnabelung noch runde neun Monate in der Zukunft liegt.
Denn mit Frauen, die schwanger werden, ist es wie mit Schweinsfüsschen in Salzsäure. Sie lösen sich auf. Zumindest als Einzelperson. Bei jedem getrunkenen Glas Wein stösst das Ungeborene mit an, die schmalste Taille beult sich scheinbar selbsttätig in die andere Richtung. Aus «Mir ist übel» wird – besonders morgens – «mir wird übel gemacht». Das ist nicht nur grammatikalisch neu. Neu für die werdende Mutter sind auch wildfremde Menschen, die ihr Ratschläge geben oder ungebeten den runden Bauch anfassen. Der Frau gilt das nicht, nur dem Baby da drin. Sie selbst wird zur Hülle, eine Art Eierschale fürs Küken. Vor allem aber, so die derzeitige Sichtweise, ist die Mutter-Kind-Beziehung nicht nur Basis für das spätere Leben des Nachwuchses, sondern, mehr noch, eine Wenndann- Beziehung. Wenn sie, die Mutter, alles richtig macht, dann wird auch das Kind prächtig geraten, wenn sie etwas falsch macht … Tja. Diesem fanatischen Glauben an die Wenn-Dann-Beziehung ist geschuldet, was der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk süffisant «Fötagogik» nennt, früheste Frühförderung. Mütter etwa, die kiloweise Sprossen essen, um die Intelligenz des Ungeborenen zu fördern oder es pränatal mit Mozart beschallen, weil musische Bildung ja nicht früh genug beginnen kann. Und weitere Folge des Wenn-dann-Mutter-Kultes: Schwangere, die ständig Angst haben. Angst vor ein bisschen Aufregung, weil die das Kind mitstressen könnte, Angst vor ruckeligen Postautos, Angst vor Koffein, Käse, Katze ... Angst mit Mengenrabatt.
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