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Was ist Geborgenheit?

Ümit Yoker
Es ist über fünfzehn Jahre her, als ich bei der Lektüre eines Buches zum ersten Mal dachte: Hier schreibt einer über mich. Nicht über eines der Mädchen, die ich als Kleine gerne gewesen wäre, Ronja, Aischa und wie sie alle hiessen, Heldinnen für mich, der Fantasie von Astrid Lindgren, Federica de Cesco oder Enid Blyton entsprungen. Nein, hier erzählt jemand, wie er in der Badewanne sitzt und mit Playmobilfiguren spielt und sich danach im Pyjama mit seinen Eltern am Fernsehen «Wetten, dass...» anschauen darf; dazu gibts Erdnussflips. Florian Illies malte in «Generation Golf» ein Kollektivporträt einer abgeklärten, satten Generation, die sich nicht mehr aufraffen mag, um für etwas zu kämpfen. Ganz nebenbei beschrieb er damit aber auch Situationen, die für mich als Kind Geborgenheit bedeuteten.
Was ist das eigentlich, Geborgenheit? Wie schafft man sie? Wie weiss ich, ob sich meine Kinder geborgen fühlen? Denke ich an meine Kindheit zurück, sind es oft kleine, unscheinbare Gegebenheiten, die mir dieses warme Gefühl vermittelt haben und dies, als Erinnerung, heute noch tun. Manche von ihnen haben mit Nähe zu tun: Die Nächte bei meiner Grossmutter in der Ostschweiz zum Beispiel, in denen ich mit meiner Mutter in einem grossen Bett schlief, das meine Grossmutter mit einer Heizdecke vorgewärmt hatte, weil es im Schlafzimmer so bitterkalt war. Oder die langen Busfahrten von Izmir nach Bodrum, bei denen ich, an meinen Vater gekuschtelt, draussen die Landschaft vorbeiziehen liess und immer wieder aufgeregt Ausschau nach der Burg hielt, die uns die Ankunft an unserem Ziel verheissen würde. Manchmal reichte aber auch das Klappern von Geschirr in der Küche oder der Lichtstrahl aus dem Flur, der mein Zimmer ein wenig erhellte, damit ich aufgehoben war. Genauso liessen sich aber auch Momente, in denen ich mich verlassen fühlte und allein, bisweilen an scheinbaren Nichtigkeiten festmachen – an einem Esstisch, an dem es zu still war, an Zimmern mit halb heruntergelassenen Fensterläden.
Vielleicht werden meine Kinder später einmal an die vielen Gutenachtgeschichten denken, dir ihr Vater und ich ihnen erzählt haben, wenn sie jemand danach fragt, was Geborgenheit für sie heisst. Und vermutlich ist es auch für sie immer etwas Besonderes, wenn wir, zu Besuch bei ihrem Grossvater, alle im selben Bett schlafen. Aber möglicherweise sind es auch Erlebnisse wie jenes, als wir uns kürzlich nach einem Nachmittag bei Freunden viel zu spät auf den Nachhauseweg gemacht hatten; es war längst dunkel und vergeblich warteten wir schon seit einer halben Stunde an der Tramhaltestelle auf die nächste Bahn. Aber wir machten ein Spiel daraus, und vielleicht spürten unsere Kinder gerade da: Bei uns sind sie sicher.
Ümit Yoker (Jahrgang 77) hätte nie gedacht, dass sie je einen grösseren Umzug wagt als einst den vom zugerischen Baar nach Zürich. Doch die Tochter eines Türken und einer Schweizerin sollte die grosse Liebe in Form eines Portugiesen finden, und nach ein paar gemeinsamen Jahren in der Schweiz und der Geburt von zwei Söhnen zieht die Familie 2014 nach Lissabon. Hier hat sich die Journalistin bisher noch keinen Augenblick fremd gefühlt. In ihrem Blog erzählt sie von Neuanfang und Alltag in der Ferne.