
gettyimages.com
Schwangerschaft
Schmerzen in der Schwangerschaft behandeln
Von Andreas Grote
Bei Schmerzmitteln sollten Schwangere aufpassen, denn die wenigsten sind gut untersucht. Die Wirkstoffe aus dem Medikament erreichen über die Plazenta auch den Fötus und können zu Fehlentwicklungen oder Geburtsproblemen führen.
Migräne, Kopfschmerzen, Verstauchung, Rückenbeschwerden – eine Schwangerschaft verläuft nicht immer schmerzfrei. Bei der Einnahme von Schmerzmitteln gilt es in der Schwangerschaft allerdings umsichtiger zu sein als normal. Denn die Wirkstoffe erreichen über die Plazenta auch den Fötus und können zu Fehlentwicklungen oder Geburtsproblemen führen.
Frühgeburt wegen Schmerzen möglich
Deswegen aber lieber Schmerzen zu erleiden, ist auch kein guter Rat. «Schmerzen produzieren bei der Mutter Substanzen, die Wehen auslösen und zur Frühgeburt führen können», sagt Irene Hösli, Chefärztin für Geburtshilfe an der Universitätsfrauenklinik Basel und Co-Präsidentin der Schweizerischen Akademie für Perinatale Pharmakologie (SAPP). Eine Schwangere sollte daher nicht über längere Zeit Schmerzen haben.
Allerdings ist der Einsatz von Schmerzmitteln in der Schwangerschaft nur unzureichend untersucht. «Die Datenlage zu den unerwünschten Wirkungen auf das ungeborene Kind ist bei allen Mitteln gering», sagt Irene Hösli. Die Schwangerenmedizin orientiere sich an Erfahrungswerten, da einige Medikamente schon lange zur Schmerzbehandlung bei Schwangeren eingesetzt werden. «Es macht daher Sinn, wenn immer möglich, zuerst nichtmedikamentöse Therapien zu versuchen», sagt Irene Hösli. Hier sind keine Nebenwirkungen auf den Fötus beobachtet worden und sie eignen sich unabhängig von der Schwangerschaftswoche (siehe Tabelle unten im Artikel).
Pfefferminzöl statt Paracetamol
So wirkte in Studien beispielsweise bei Kopfschmerzen das Einreiben der Schläfen und des Nackens mit Pfefferminzöl genauso gut wie eine übliche 1000-mg-Dosis Paracetamol. Eine Nacken- und Halsmassage bringe ebenso Linderung.
Bei Migräne nutzt meist Ruhe, Hinlegen und Raum abdunkeln sowie Einnahme von 600 mg Magnesium/Tag und Vitamin B2 (Riboflavin) 200–400 mg/Tag. Auch Akupunktur zeigt in einigen Studien Wirkung und könne fast genauso gut Migräneanfälle vorbeugen wie das häufig verschriebene Migränemittel Topiramat, das bei Schwangerschaft nicht gegeben werden sollte. Mit Akupressur lassen sich die entsprechenden Akupunktur-Punkte auch zu Hause selbst behandeln.
Körperliche Aktivität gegen Rückenschmerzen
Auch schwangerschaftsbedingte Becken- und Rückenbeschwerden lassen sich häufig ohne Schmerzmittel gut in den Griff bekommen. «Vorbeugend ist sicherlich, auch während der Schwangerschaft, eine gesunde körperliche Aktivität hilfreich, im akuten Fall hilft aber aus der Erfahrung sehr gut Physiotherapie», sagt Daniel Surbek von der Universitätsfrauenklinik in Bern. Meistens seien es Schmerzen, die von der veränderten Stellung der Beckenknochen und der Lage des Kindes verursacht werden.
«Wir arbeiten dann vor allem an der Beckenposition oder geben lösende Massagen für die Rücken- und Beckenmuskulatur», erzählt Monika Conus von der Ergopraxis Wirbelteam in Solothurn aus ihrer Arbeit mit Schwangeren. Behandlungen an der Lendenwirbelsäule seien allerdings bis zum 4. Schwangerschaftsmonat tabu. Zu Hause helfe ein warmes Bad, ein Wärmekissen oder Yoga-Übungen; sie entspannen die Muskulatur.
Schmerzen homöopathisch behandeln
Unter den homöopathischen Mitteln soll Rhus toxicodendron oder Gnaphalium gegen Schmerzen des Bewegungsapparats helfen, Hypericum bei akuten Verletzungen oder Schüsslersalz Magnesium phosphoricum (Nr. 7) bei verkrampfter Muskulatur. «Auch wenn das Nebenwirkungsrisiko sehr gering ist, sollte die Anwendung nicht in Selbstmedikation, sondern besser in Absprache mit dem Naturarzt oder Homöopathen erfolgen», rät Conus.
Welche Schmerzmittel darf man als Schwangere nehmen?
Braucht es doch ein chemisches Schmerzmittel, «dann ist Paracetamol in Bezug auf Risiko und Nutzen in allen Phasen der Schwangerschaft das Mittel der ersten Wahl», sagt Irene Hösli. Für Schwangere gelte dabei die Höchstdosis von 4 g/Tag. «Allerdings nur für wenige Tage in Folge, danach muss wieder Pause gemacht werden.» Auf Aspirin sollten Schwangere gänzlich verzichten.
Andere frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac, die zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) gehören, sollten dagegen in der ganzen Schwangerschaft möglichst gemieden oder nur bei Nichtansprechen auf Paracetamol und nach Absprache mit dem Arzt kurzzeitig genommen werden, da sie Nebenwirkungen fürs Kind haben könnten.
Das gelte auch für Gels und Salben mit diesen Wirkstoffen sowie mit Wallwurz, da nicht sicher sei, wie viel davon in den Blutkreislauf gelange. Mögliche Komplikationen beim Kind sei frühzeitiges Einsetzen der eigenen Atmung.
Migräne behandeln in der Schwangerschaft
Für Migränemittel gilt noch die offizielle Empfehlung, sie in der Schwangerschaft nicht einzunehmen. «Wenn aber Betroffenen Paracetamol nicht ausreicht, dann ist von allen Triptanen Sumatriptan die für Schwangere am besten dokumentierte Substanz und deshalb zu bevorzugen», sagt Hösli. Für die Migränevorbeugung sei der Betablocker Propranolol, allenfalls auch das Antidepressivum Amitriptylin zu vertreten.
«Grundsätzlich gilt aber: Wenn Paracetamol nicht ausreicht, kommt es immer auf die Ursache und Art der Schmerzen an und auf die Schwangerschaftswoche», sagt Surbek. Dann solle die Schwangere nicht lange warten und im engen Gespräch mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin zwischen verschiedenen Optionen die beste Wahl aus Nutzen und Risiko für sich und den Fötus wählen.
Laden Sie untenstehende Übersichtstabelle als PDF hier herunter. Die Tabelle zeigt verschiedene Optionen für Therapien, wenn Schwangere unter Schmerzen leiden.
